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Schüchtern sind afrikanische Nilgänse nicht ? dieses Exemplar lässt sich gern mit einem Brotkrumen anlocken.

„Modellprojekt Gänse-Monitoring“

So sollen uns die Gänse in Frankfurt vom Hals gehalten werden

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Die einen wollen sie verscheuchen, gar abschießen, die anderen locken sie mit Futter an: Grau-, Kanada- und Nilgänse. Der Kot der Vögel macht Frankfurts Wiesen, die Main-Ufer, Freibäder und Parks zu teils ekligen Orten. Ministerium, Umweltamt und Vogelschutzwarte haben gestern im Römer die Ergebnisse ihres Monitorings präsentiert. Von Jagden halten sie wenig.

Ein „gedeihliches Zusammenleben von Mensch und Gans“ liegt Rosemarie Heilig am Herzen, das betonte die Umweltdezernentin (Grüne) gestern im Rathaus Römer. Weil „seit einigen Jahren“ die Population der Grau-, Kanada- und Nilgänse auf öffentlichen Grünflächen der Stadt angestiegen ist – was verstärkt zu Konflikten mit Besuchern und Rufen nach Bejagung führte –, initiierte sie das „Modellprojekt Gänse-Monitoring“. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

Wichtigste Erkenntnis: Der viel belächelte Sichtschutzzaun entlang des Weiher-Uferweges im Ostpark, schwarz verhüllt, habe durchaus „etwas gebracht“. Er wird im Frühjahr 2019 durch eine natürliche Sichtschutz-Hecke aus schnell wachsenden Hainbuchen ersetzt. Diese wird mit maximal 60 Zentimetern nur halb so hoch wie der hässliche Bauzaun sein. Dieser wird bereits Anfang kommender Woche abgebaut. Die Hecke wird mit rund 450 Meter etwa gleich lang sein.

Spürbare Entlastung

Experten der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland zählten im Frankfurter Ostpark von Anfang März bis November ein- bis zweimal wöchentlich die Grau-, Nil- und Kanadagänse, ermittelten die Zahl ihrer Jungen (Gössl) und kartierten ihre bevorzugten Aufenthaltszonen. Ziel: die Gänse aus dem Bereich mit dem „höchsten Freizeitdruck“ (Liegewiese, Fußball- und Grillplatz) auf die übrigen Flächen umzulenken. Laut Dagmar Stiefel, Leiterin der Vogelschutzwarte, habe der Zaun besonders während der Mauser (Gefiederwechsel) mit der gleichzeitigen Brutzeit von Mai bis August „Wirkung gezeigt“. Von maximal 484 gezählten Gänsen seien 361 von der Freizeitfläche in andere Parkbereiche gewechselt. „Das war eine Entlastung“, so Stiefel.

Geplant ist außerdem, noch größere, plakative Schilder im Park aufzustellen, die auf das Fütterungsverbot hinweisen. Heilig dazu: „Machen wir uns nichts vor, die Gänse sind dort, weil sie dort gefüttert werden.“ Nur wenn man dies verhindere, gehe die Zahl der Tiere und damit die Zahl der Beschwerden zurück.

Heilig, bekanntermaßen keine Befürworterin der Jagd auf Gänse – insgesamt 39 wurden 2018 in Frankfurt geschossen – sieht das Monitoring-Projekt grundsätzlich bereits als Erfolg. Man wisse nun, dass die Grau- und nicht die Nilgans die häufigste Art im Ostpark sei (maximal 220 Tiere im Juni) und die Nilgans vor allem im Juni (160 Tiere) gehäuft vorkomme (im Mai/Juni je 40/50 Tiere).

Schützenhilfe

Bernd Rüblinger vom Umweltministerium (Abteilung Artenschutz) leistete Heilig Schützenhilfe. Invasive Arten „sind nicht per se das Problem“. Vielmehr gebe es heute mehr Gänse als früher, weil der „Jagddruck“ nachgelassen habe und große Rasen- und Wasserflächen in Parks, Seen und Schwimmbädern „ideale Lebensbedingungen“ lieferten. Es gebe zwei Gruppen invasiver Arten: neue, die kommen, und bereits verbreitete wie Nutrias, Waschbären oder Nilgänse. „Sie sind nicht mehr aus unserem Ökosystem zu entfernen, Tötungen hätten keinen Effekt.“ Es sei kein einfaches Thema, man müsse differenzieren und das Tierschutz- und Jagdrecht beachten. Nicht der Gänsekot auf den Wiesen sei das Thema, sondern ökologische Probleme. Auch Tauben und Waschbären seien ungeliebte Tiere, und über Tonnen von Hundekot könne man sich auch aufregen.

Zur möglichen Salmonellenbelastung in den Ausscheidungen der Gänse sagte Dagmar Stiefel, es seien keine Erkrankungen dadurch bestätigt worden. Zudem gebe es etwa 1000 verschiedene Salmonellentypen, nur etwa zehn seien für Menschen krankheitserregend – und auch nur dann, wenn ein Mensch mehrere Hände voller Kot zu sich nehme. „Hier sollte keine Hysterie herrschen, wir sind nicht vom Tode bedroht durch die Gänse.“

Das etwa 10 000 Euro teure Gänse-Monitoring im Ostpark wird 2019 mit Unterstützung des Landes fortgesetzt und wissenschaftlich begleitet, auch, um anderen Kommunen Erfahrungswerte an die Hand zu geben. Zu der Situation in Frankfurter Freibädern machte Rosemarie Heilig keine Angaben, dies falle in die Zuständigkeit von Dezernent Markus Frank (CDU).

Kommentar: Wissenschaft contra Schiss

Die Flatter machen die Gänse in Frankfurt so schnell nicht: Sie werden bleiben und mehr werden. Vor allem, wenn Menschen, aus welchen Motiven heraus auch immer, diese Vögel füttern. Das ist falsch verstandene Tierliebe: Je mehr Futter, desto mehr Vögel, desto mehr Kot. Wer einmal über die Wiesen im Ostpark gelaufen und um tausende Tretminen getänzelt ist, findet die Gesamtsituation besch... Das Monitoring ist ein guter Schritt, um noch besser zu verstehen, was invasive Arten in unseren Breitengraden so anrichten. Dieses Geld ist gut angelegt. Ob die Dezernentin mit den Salmonellen im Kot und der möglichen Gefährdung zu gelassen umgeht, wird sich weisen. Wenn sich Kinder die fiesen Keime einfangen, fliegt ihr das um die Ohren.

Info: Invasive Arten, freigegeben zur Bekämpfung

Nilgänse stammen ursprünglich aus Afrika. Die Europäische Union zählt sie seit Juni 2017 zu den invasiven Arten, sie dürfen also bekämpft werden. Die Vögel haben sich weit verbreitet, gelten an Seen, in Parks und großen Freibädern als Plage. Dort finden sie Essensreste und werden zudem teils von Menschen gefüttert.

In Frankfurt stören die Vögel, respektive ihre Kothaufen, vor allem im großen Brentano-Freibad, an den innerstädtischen Mainufern, im Ostpark und auf Kräuterfeldern in Oberrad. Im März ließ das Umweltamt im Ostpark zwecks „Vergrämung“ einen 450 Meter langen Sichtschutzzaun aufstellen. Er geriet zur Lachnummer, weil die Vögel darüber flogen. Im Brentanobad halfen Flatterbänder, Lautsprecher mit Knallgeräuschen und ein Jagdhund nichts – erst der Abschuss einiger Vögel im Jahr 2017 half kurzfristig. uve

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