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Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche bei der Eröffnung am 18. Mai 1848 mit Heinrich von Gagern als Präsident. Die Lithographie wurde nach einer Zeichnung von Paul Bürde (1819-1874) angefertigt.

Frankfurter Geschichte

Heinrich von Gagern und seine Brüder: „Groß, mächtig, einig frei“

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Die Paulskirche gilt als Symbol für Freiheit, Demokratie und die deutsche Einheit. In dem Frankfurter Gotteshaus tagte vor 170 Jahren – vom 18. Mai 1848 bis zum 31. Mai 1849 – das erste frei gewählte gesamtdeutsche Parlament, die Deutsche Nationalversammlung. Der Name der Diplomaten- und Politikerfamilie von Gagern steht für jene Ziele, die wir seither mit der Paulskirche verbinden: Die Brüder Friedrich, Heinrich und Max von Gagern waren somit auch Vorkämpfer für die Gleichberechtigung aller Bürger. Heinrich von Gagern (1799-1880) war der erste Präsident der Nationalversammlung.

Anfang Oktober 1838. Auf dem Hofgut Hornau, dem Familiensitz der Freiherren von Ga-gern etwa 20 Kilometer westlich von Frankfurt, kommen Friedrich (43), Heinrich (39) und Max (28) zu ihrem jährlichen Treffen zusammen. Bei einem Spaziergang auf den Staufen, einen 451 Meter hohen Taunusberg, „wurde lebhaft die Lage Deutschlands und unser aller Zukunft besprochen“, schreibt Max in seinen Erinnerungen, „und wir gaben uns oben auf dem Mann-stein das Wort, dass, was auch kommen möge, wir brüderlich einig bleiben wollen“.

Dieses Treuegelöbnis ist als Staufenschwur in die Geschichte eingegangen. Friedrich hat in Reimen niedergeschrieben, was die drei Brüder bewegte: „Nur eine deutsche Fahne sollte wehen / Vom Ostseestrand bis zu der Alpen Höhen; / Und unsre Losung war: Ein Deutschland sei, / Ein Vaterland – groß, mächtig, einig frei!“ An der Felsengruppe Großer Mannstein erinnert heute eine Gedenktafel an das feierliche Versprechen.

Knapp zehn Jahre später gehörten Heinrich und Max von Gagern zu den Abgeordneten des Vorparlaments, das die Frankfurter Nationalversammlung vorbereitete und vom 31. März bis 3. April 1848 in der Paulskirche tagte. In ganz Deutschland herrschte nach der Februarrevolution in Frankreich eine schon fast euphorische Aufbruchsstimmung. Überall in Frankfurt wehten schwarz-rot-goldene Fahnen, die Häuser waren mit Tannengrün geschmückt, Bürger errichteten in der Allerheiligengasse sogar eine Ehrenpforte für die 573 Abgeordneten des Vorparlaments.

Während der Vorbereitungen für die Nationalversammlung musste die Familie von Gagern mit einem schweren Schicksalsschlag fertig werden, der Heinrich und Max besonders tief getroffen hat: Friedrich, der Dritte in ihrem Bunde, starb am 20. April 1848 im Alter von 53 Jahren bei einem Gefecht auf der Scheideck im Schwarzwald. Er war General und Oberbefehlshaber der Truppen des Deutschen Bundes und wurde im Kampf gegen den sogenannten Hecker-Aufstand badischer Freischärler hinterrücks erschossen. Am 1. Mai 1848 wurde Friedrich von Gagern auf dem Friedhof von Hornau neben dem elterlichen Hofgut beigesetzt (siehe Info-Text). Bei dem Staatsbegräbnis erwiesen etwa 5000 Soldaten dem Offizier und Freiheitskämpfer die letzte Ehre. Das Frankfurter Journal schrieb am 2. Mai, einen solchen Leichenzug habe die Stadt „lange nicht gesehen, imposant und ergreifend zugleich“.

Heinrich von Gagern war durch den plötzlichen Tod des Bruders schwer angeschlagen. Die politisch engagierte Frankfurter Kaufmannsgattin Clotilde Koch-Gontard, eine gute Freundin der Familie von Gagern, schreibt in ihren Erinnerungen, Heinrich sei „tief ergriffen bis ins Mark seiner Seele“ gewesen. Und doch setzte er seine ganze Kraft für das große gemeinsame Ziel der Gagern-Brüder ein: die Einheit und Freiheit Deutschlands.

Am Nachmittag des 18. Mai 1848 war es so weit: 397 der insgesamt 587 Abgeordneten zogen, begleitet von Glockengeläut und Kanonendonner, an jubelnden Menschen vorbei in die Paulskirche zur ersten Plenarsitzung der Deutschen Nationalversammlung. Wo sonst der Altar stand, war das Rednerpult aufgebaut worden, ein Gemälde der Germania verhüllte die Orgel, zur Verbesserung der Akustik war in 20 Metern Höhe eine Holzdecke eingezogen worden. Auf der Galerie fanden etwa 2000 Zuhörer Platz, die sich lautstark in die Debatten einmischten. Rund 200 Plätze waren erstmals aus einem solchen Anlass für Frauen reserviert, die damals weder aktives noch passives Wahlrecht hatten. Kein Wunder also, dass die Frauenplätze stets voll besetzt waren. Unter den regelmäßigen Zuhörerinnen war auch die oben erwähnte Gagern-Vertraute und glühende Patriotin Clotilde Koch-Gontard.

Der erste Sitzungstag war geprägt von chaotischen Debatten und endlosen Geschäftsordnungsdiskussionen. Das änderte sich am darauffolgenden Tag mit der Wahl Heinrich von Gagerns zum Parlamentspräsidenten. Der 48-Jährige wurde wegen seiner persönlichen Ausstrahlung und seiner straffen Sitzungsleitung von allen respektiert. Sein jüngerer Bruder Max war ebenso Abgeordneter in der Paulskirche wie viele prominente Bürger (Dichter Ludwig Uhland, Sprachwissenschaftler Jacob Grimm, „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, Schriftsteller Ernst Moritz Arndt). Insgesamt waren in der über ein Jahr tagenden Nationalversammlung 812 Abgeordnete vertreten. Mehr als 500 von ihnen waren Juristen, aber nur drei Bauern und vier Handwerker.

Das Parlament arbeitete konstruktiv und konnte am 20. Dezember 1848 ein historisch bedeutendes Ergebnis präsentieren: Das „Reichsgesetz betreffend die Grundrechte des Deutschen Volkes“ wurde verabschiedet. Darin festgeschrieben war u.a. die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz sowie die Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Diese Grundrechte waren ein wesentlicher Teil der Reichsverfassung, die am 28. März 1849 von der Nationalversammlung verabschiedet wurde.

Dass die mit so viel Hoffnung verbundene Revolution am Ende kläglich scheiterte, lag am Wider-stand von Österreich und Preußen, den beiden führenden Staaten im Deutschen Bund. Und doch ist die Reichsverfassung von 1849 mit ihren Grundrechten für unser Land bis heute von Bedeutung: Sie hat 1949, genau 100 Jahre nach ihrer Verabschiedung, das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland geprägt.

Der Frankfurter Satiriker und Mundartdichter Friedrich Stoltze (1816-1891) war wie die Gagern-Brüder einer der Wegbereiter der 1848er Revolution in Frankfurt. Zwar gehörte Stoltze der Nationalversammlung nicht an, aber er war stets genau über die Debatten in der Paulskirche informiert und registrierte in seiner Heimatstadt mit Freude eine „heilige Freiheitsbegeisterung“. Nach dem Scheitern der Revolution war auch Stoltze zutiefst enttäuscht. In seinem Gedicht „Schwärmerei“ aus dem Jahr 1861 heißt es: „Wie’s Hornberger Schießen, so spurlos und arm, / So ging’s mit der Freiheit, daß Gott sich erbarm!“

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