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Ein Mann mit Durchblick: Heinz Schomann, ehemaliger Leiter des Frankfurter Denkmalamtes, legt den roten Faden in den sanierten Fenstern seines denkmalgeschützten Hauses aus. Er hat mehr als nur ein Faible für Altes, das es zu bewahren gilt.

Der Rote Faden, Folge 161

Heinz Schomann - Der Denkmalbeschützer

Heinz Schomann, gebürtiger Frankfurter, gelernter Kunsthistoriker, ein wandelndes Lexikon, eigensinnig und überaus eloquent, war lange Jahre Chef des Amtes für Denkmalspflege. In seiner Stadt kennt er jede Ecke. Ihm widmen wir die Folge 161 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Bedeutendes für Frankfurt leisten.

Von Martin Lüdke

Es war im März 1945. Der Krieg war noch nicht zu Ende, aber die Stadt hatte bereits kapituliert. Trümmer überall. Nahrungsmittel waren knapp geworden. Wo es etwas gab, sah man lange Schlangen. Auf der Eschersheimer Landstraße, an der Ecke vor dem Alleenring, standen vor der dortigen Bäckerei (und Café) Starck die Menschen, um Brot zu ergattern. Darunter an der Hand seiner Mutter der kleine Heinz Schomann, noch keine sechs Jahre alt. Plötzlich bogen amerikanische Panzer Richtung Innenstadt in die Eschersheimer ein. Der kleine Schomann sah die Chance, noch kurz vor dem Ende, zum großen Held zu werden und womöglich dem Krieg eine andere Wende zu geben. Er riss sich los, sammelte einige Steine auf und stürmte tollkühn auf die kettenrasselnden Ungetüme zu. Ein Aufschrei, dann brach Panik aus, der Junge wurde von wütenden Frauen zurückgerissen, die entsetzt auf die auf sie gerichteten Kanonenrohre starrten. Wer wusste denn schon, was die Amis dachten über den Knirps, der mit Kampfgeheul und, was auch immer in der Hand, auf sie losstürmte.

Etwas von dem, was ihn damals angetrieben haben mag, hat er immer noch an sich. Das jungenhafte Gesicht, mit leicht spöttischen Zügen, lässt ihn burschikos erscheinen, und beneidenswerterweise nie so alt wie er wirklich ist. Knapp einen Meter neunzig groß, schlank, sportlicher Typ, gibt er nicht nur auf dem Tennisplatz noch eine gute Figur ab. Und als Linkshänder ist er immer, nicht nur am Netz, für überraschende Schläge gut.

Nach wie vor zeigt er eine Zivilcourage, die auf seinen Sinn für Gerechtigkeit zurückgeht, aber auch Züge von Jähzorn tragen kann. Ein Familienerbe. Schon seine Mutter stand eines Tages während des Unterrichts drohend vor seinem Lehrer, der ihren Sohn ungerecht behandelt hatte, und verlangte eine Entschuldigung. Der Lehrer kuschte. Der kleine Heinz strahlte.

Die Schomanns wohnten während des Krieges an der Eschersheimer Landstraße. Heinz Schomann erinnert sich noch genau an den Tag, an dem eine Bombe das Nebenhaus zerstörte. Die Bewohner hatten im Keller Schutz gesucht. Plötzlich ein mächtiger Knall. Alles bebte. Die Brandschutztür wurde durch den Raum geschleudert. Trümmer flogen umher. Staub. Geschrei. Danach war der Junge verstummt, sprach kein Wort mehr, so dass er, um sich zu erholen, erst einmal in den Taunus verfrachtet wurde. Schomann heute: „Ein Trauma, denn unmittelbar nach dem Bombardement sprach ich nicht mehr, das hat sich offensichtlich inzwischen gebessert.“ Wenige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner mussten die beiden Schomanns ihre Wohnung räumen. Die ganze Gegend vom Eschenheimer Tor bis zur Miquelallee wurde von den Amerikanern requiriert. Ihr Hauptquartier lag schließlich um die Ecke.

Solche Erinnerungen bleiben, vor allem aber der verhinderte Heldentod. Für ihn mag dabei das blanke Entsetzen in den Gesichtern der Menschen um ihn herum entscheidend gewesen sein. Bezeichnend in dieser Episode sind aber auch Eigenschaften, die dabei sichtbar geworden sind: seine zuweilen ungesteuerte Spontaneität, die er gelegentlich noch heute demonstriert. Noch vor einigen Jahren hat er einmal eine Kamera gegen eine Burgmauer geschleudert, um dann überzeugend zu argumentieren, jetzt wüssten alle, warum sie nicht funktioniere. Ist seine Frau anwesend, hört man dann ein glockenhelles, nur leicht schrilles, doch stark vorwurfsvolles „Heinz!“.

An Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht. Um Worte ist er nie verlegen, und mit ihnen umgehen, das kann er auch. Schomann weiß, wer er ist und er zeigt es auch gerne. Das alles ist ihm nicht in den Schoß gefallen. Denn leicht hat er es nach dem Krieg nicht gehabt. Es waren wahrlich nicht die besten Jahre, in denen der kleine Schomann groß geworden ist. Er wurde 1939 geboren. 1942 fiel sein Vater im Krieg. Kaum hatte er Abitur gemacht, da starb auch seine Mutter. Er absolvierte ein „Brotstudium“, Lehrer für Deutsch und Geschichte, um danach, seinen Neigungen folgend, mit einem Stipendium versehen, noch Kunstgeschichte dranzuhängen.

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„Die ehemalige Zisterzienserabtei Staffarda in Piemont. Ein Beitrag zur Backsteinarchitektur des 12. – 13. Jahrhunderts in Oberitalien“: 1968 hat Schomann mit dieser Arbeit seinen Doktor gemacht. Das heißt: Als seine Altersgenossen mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh-Rufen zur Weltrevolution aufbrachen, große Theorien im Rücken und Flausen im Kopf, um eins, zwei, drei, viele Vietnam zu schaffen, da begab sich Schomann in die piemontesischen Berge, hockte monatelang in Bibliotheken und Archiven, inspizierte Bauwerke, studierte Pläne, um eine Architektur zu beschreiben, die achthundert Jahre zuvor ihre Blütezeit erlebt hatte. Während seine Kollegen sich mit faschistischer oder antifaschistischer Kunst befassten, von einer materialistischen Kunsttheorie schwärmten oder wenigstens die Villa als „Herrschaftsarchitektur“ entlarvten, zählte Schomann Backsteine. Ein solches Vorhaben fiel sichtbar aus der Zeit. Vor allem aber zeigt es eines: seinen Eigensinn und ein dazu gehöriges Beharrungsvermögen.

In den ersten Jahren nach seiner Promotion unternahm Schomann eine ausgedehnte Reise durch Süd- und Westeuropa. Eine Reihe von Büchern, Kunstführer und Kunstreiseführer sind damals entstanden. Renommierte Verlage, wie Reclam oder DuMont, waren damals noch an solchen für das Bildungsbürgertum geschriebenen (und auch noch ordentlich honorierten) Kunstführern interessiert. Und Schomann lieferte nicht nur solide, sondern auch verlässliche Bücher ab. Was er beschrieb, das hatte er mit eigenen Augen gesehen. Geblieben sind ihm davon profunde Kenntnisse der südeuropäischen Kunstdenkmäler und ihrer Geschichte, bis heute.Schomann kann jederzeit, aus dem Stand, zu einem längeren Vortrag ausholen über Wandmalerei in Siena, Marmorkanzeln in Mailand oder die Sagrada Familia in Barcelona. Wenn man ihn hört, dann wundert man sich, wie viel Detailkenntnisse in einen einzigen Kopf passen. Der junge Doktor kam schließlich als erster Volontär bei dem nachmals berühmten Landeskonservator Gottfried Kiesow in Wiesbaden unter und wurde dort vom damaligen Oberbürgermeister abgeworben. Mit einem, wie er betont „persönlichen Handschreiben. Das Original liegt noch bei mir.“

In Frankfurt wurden in jenen Jahren die ersten Anzeichen dessen sichtbar, was später einmal der „Häuserkampf“ um das Frankfurter Westend genannt werden sollte. Hemmungslose Spekulation, massive Vernichtung von Wohnraum und eine sich im gleichen Zuge verstärkende Protestbewegung gegen diese Entwicklung, in der sich eine seltsame Koalition aus radikaler Linken und etabliertem Bürgertum zusammenfand. In dieser Situation verfiel die Stadt auf die originelle Idee, ein „Ventil“ einzubauen – das auf den Namen Dr. Heinz Schomann hören sollte. Am 1. August 1972 begann er seine Arbeit bei der Stadt Frankfurt am Main. Referent für Denkmalpflege wurde sein Posten genannt. Keinem Amt unterstellt (die Sache galt nicht von ungefähr als heißes Eisen), sollte er vor allem vermittelnd wirken.

Das Unternehmen begann als Ein-Mann-Betrieb. Heute beschäftigt das Amt, das Schomann in den folgenden Jahrzehnten aufbaute, über zwanzig Mitarbeiter. Auf diese Weise konnte er sich entwickeln, ohne seine Selbstständigkeit zu verlieren. Man nannte ihn gradlinig. Ein Kompromiss, einmal ausgehandelt, galt für ihn. Wer solche Kompromisse, in der Hoffnung mehr für sich herauszuschlagen, wieder in Frage stellte, dürfte es oft bereut haben. Denn er war auch konsequent. Keine schlechten Eigenschaften für einen städtischen Beamten. Bei der Presse eckte er zuweilen an. Es kümmerte ihn kaum. Denn er war keiner Partei zugehörig, keinem Dezernenten unterstellt, unabhängig, dafür aber öfter im Clinch mit anderen Ämtern.

1972 geriet zu einem ereignisreichen Jahr im Leben des Ehepaares Schomann. Das fing im März an. Routineuntersuchung während der Schwangerschaft seiner Frau Juliane in der Frankfurter Uniklinik, Ultraschall. Das war damals noch eine ziemlich neue Methode. Einige Männer starrten auf das Schneetreiben. Schließlich ließ sich ein Kopf identifizieren, gleich darauf ein zweiter. Zwillinge. Aber dabei blieb es nicht. Einer der Ärzte entdeckte nämlich noch einen dritten Kopf. Die Ärzte konstatierten den Sachverhalt. Der künftige Vater strahlte. Die werdende Mutter weinte. Auf einen Schlag war aus dem kinderlosen Ehepaar eine kinderreiche Familie geworden, unter anderem mit Anspruch auf ermäßigte Bahnfahrkarten. Heute haben zwei der drei Kinder selbst Kinder und die Schomanns sind längst Großeltern – von immerhin fünf Enkeln, allerdings, dem Opa gefällt es, allesamt Mädchen. Viele Bewohner des Holzhausenviertels kennen diesen Schomann vom Sehen – als Mann mit dem Kinderwagen. Möglicherweise hat er auch seinen Kindern und Enkeln, vor allem seiner Anna, mit zu verdanken, dass er noch lebt und sich wieder guter Gesundheit erfreut.

Anfang des neuen Jahrhunderts rief uns Schomann eines Tages an: Er habe eine Diagnose – Krebs – bekommen. Seinen Umgang mit dieser Nachricht hatte er sich gut überlegt. Er sah sich vor die Alternative gestellt: Verschweigen oder offensiv damit umgehen. Er entschloss sich zur Offenheit. „Die Ärzte“, sagte er, hätten ihm seine „Restlaufzeit mitgeteilt – noch 1000 Tage“. Er liebt solche Formulierungen. Er setzt sie gezielt ein. Seine Neigung zum Sarkasmus dient ihm dabei als Mehrzweckwaffe. Die Schockwirkung, die er bei anderen damit erzielt, dient ihm als Selbstschutz. Und so hat es auch gewirkt. Gewirkt hat aber auch die Tatsache, dass Anna, seine erste und älteste Enkelin, ihren Opa liebt und braucht. Außerdem war er noch längst nicht fertig mit seiner Stadt – Frankfurt am Main.

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„Denkmaltopographie Stadt Frankfurt am Main“ – diese Bestandsaufnahme war im Rahmen seiner Tätigkeit bei der Stadt entstanden. Schomann ist ein passionierter Stadtstreicher. Wann und wo immer es geht, da geht er durch die Straßen. Täglich ist er, oft auf anderen Wegen, über drei Jahrzehnte lang zu seinem Amt gedackelt, „mit Dienstgängen mindestens eine Erdumrundung zu Fuß.“ Es dürfte nicht viele Erker oder Giebel geben, die er nicht kennt, und kaum Veränderungen am Straßenbild, die er nicht registriert hat. „Ohne mich wären das Bockenheimer Depot, die Gutleutkaserne, der Südbahnhof längst abgebrochen.“ Gegen den Abriss des Schumanntheaters und des Carlton Hotels am Hauptbahnhof hat er sich – leider – vergebens gestemmt. Spätestens seit den Tagen im Piemont vor nun fünfzig Jahren bewies er seinen Blick für das Detail. Doch nie bleibt er daran haften. Diese Tatsache macht seine Bücher so faszinierend. Viele seiner unterdessen mehr als dreißig Bücher sind geprägt durch die schlüssige Verbindung von profundem Detailwissen mit einer weit ausgreifenden kulturgeschichtlichen Übersicht. Ob es um die Brunnen geht, den Hauptbahnhof, dem ein opulentes (Bilder-)Buch gewidmet ist, oder die Denkmäler der Stadt – Schomann weiß Bescheid.

Besonders faszinierend aber sind seine Bestandsaufnahmen ganzer Stadtviertel. Diese Reihe begann mit dem Band „Das Frankfurter Bahnhofsviertel“, wurde fortgesetzt mit „Das Frankfurter Holzhausenviertel“ (das noch in diesem Frühjahr in einer neuen, leicht veränderten Auflage wieder erscheinen wird) und fand jetzt vor wenigen Wochen einen vorläufigen Abschluss mit dem „Frankfurter Malerviertel“. In diesen Büchern steckt unendlich viel Arbeit. Der Leser erfährt ja nicht nur, dass 1761 in Sachsenhausen 632 Handwerker, davon 125 Fischer, zu Hause waren, und 2015 fast 60 000 Menschen dort lebten. Das Buch enthält einen Gebäudekatalog, in dem jedes einzelne Haus abgebildet ist; außerdem häufig sehenswerte Details, Verzierungen an der Fassade, oft auch die Baupläne. Weil viele dieser Pläne bei der Zerstörung des Bauamts der Stadt vernichtet worden sind, kam Schomann auf die pfiffige Idee, Kopien bei den Wasserwerken zu suchen, wo er oft auch fündig wurde.

Viele historische Aufnahmen zerstörter Gebäude sind zu entdecken, etwa die Villa Metzler, ein monumentaler Protzbau aus dem 19. Jahrhundert. Die FAZ lobte entsprechend: „Nach dem Bahnhofs- und Holzhausenviertel hat sich der 76 Jahre Schomann zum dritten Mal intensiv mit einem Quartier befasst und umfassend recherchiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, eine lesenswerte Dokumentation.“ Auch die Frankfurter Rundschau und die Frankfurter Neue Presse haben diese Arbeit gewürdigt.

Diese drei großen Bücher umfassen (erstaunlicherweise nur) zwei Prozent der Frankfurter Stadtfläche. Aber ein weiteres Buch, sagt er jetzt, will er nicht mehr schreiben. Das hat er bei den beiden vorausgegangenen Büchern allerdings auch schon gesagt. Zudem bekennt er: „Pathologischer Optimist zu sein, erscheint mir nicht als Nachteil“.

Man kann ihm sicher nachsagen, er habe sich um Frankfurt verdient gemacht. Von der Stadt wird ihm das aber wahrscheinlich niemand sagen, dazu hat er sich mit viel zu vielen zu oft angelegt. Deshalb sagen wir es.

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