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Mit dem Street Angel Foodtruck versorgen die Street Angels Bedürftige und Drogenabhängige in der Moselstraße.

Hilfe

Ehrenamtliche des Vereins Street Angel kochen jeden Sonntag im Foodtruck für Obdachlose

Vor fünf Jahren wurde der Verein Street Angel gegründet. Seitdem haben sie rund 900 000 Essensportionen an Bedürftige verteilt.

Was gibt es heute zu essen“, fragt die Frau. Ihre Mütze sieht zu groß aus auf ihrem zarten Kopf, so abgemagert ist sie. Sie ist Mitte 30, sehr blass, ein Vorderzahn ist kaputt. Man sieht, dass sie schon lange auf der Straße lebt, ihren Körper verkauft: ab fünf Euro, um sich ihre Drogensucht zu finanzieren.

Als sie aber die Frage nach dem Essen stellt, leuchten ihre Augen voller Vorfreude. Ein Glücksmoment. Einem Freund, der neu dabei ist, sagt sie: „Schau mal, Schatzi, das sind alles Ehrenamtliche. Die kochen jede Woche für uns. Das schmeckt so lecker.“

Ein paar Minuten später als üblich sind die Street Angels mit ihrem Foodtruck an der Ecke Mosel-/Niddastraße im Bahnhofsviertel angekommen. Langsam bildet sich eine Schlange an Menschen. Jeden Sonntagabend kommen die ehrenamtlichen Helfer des gemeinnützigen Vereins Street Angel, um warmes, frisch gekochtes Essen hier an einer der traurigsten Ecken Frankfurts zu verteilen. 280 Portionen sind es allein an diesem Tag. Für Menschen, die auf der Straße leben. Viele von ihnen sind drogensüchtig – und „ganz unten in der Kette“ angekommen. So drückt es Street-Angel-Initiator Sabi Uskhi aus.

Auf die Frage der Frau, was es denn zu essen gebe, antwortet Uskhi: „Reis mit frischem Gemüse und Champignon-Rindfleischsoße.“ Die Frau macht einen Freudenhüpfer und ruft: „Yippie“. Sabi Uskhi lächelt, glücklich. Der 53-jährige Frankfurter sagt: „Wenn Leute fragen, warum ich das alles mache, dann ist meine Antwort: ’Genau für dieses Lächeln’.“ Jede Woche gibt es etwas anderes. Teilweise werden die Speisen direkt vor Ort gekocht, manches wird auch zu Hause zubereitet.

Sein Schlüsselerlebnis hatte Sabi Uskhi mit 21 Jahren. „Eine Zeit, in der ich sehr gut verdiente, etwas zu viel Testosteron hatte, im Angeberstatus war.“ Eines Abends war er mit Freunden auf der Freßgass’ essen. „Ich beobachtete, wie ein Mann, ohne überhaupt das Essen im Mülleimer erst mal genauer anzuschauen, also ob es verschimmelt ist oder nicht, direkt reingriff und daraus aß.“

Uskhi konnte da nicht mehr fröhlich weiteressen. Er brachte dem Mann seinen Teller und kaufte ihm noch eine Take-Away-Portion. Anfangs noch vom eigenen Geld, fing er mit Freunden an, warme Kleidung und Schlafsäcke zu sammeln. Diese brachte er unregelmäßig zu Obdachlosen. „Ich habe ein Helfersyndrom“, sagt er.

In Tel Aviv ist Uskhi geboren. Als er vier Jahre alt ist, zieht die Familie nach Frankfurt. Schon seine Mutter, eine rumänische Jüdin, habe denen, die wenig hatten, immer etwas gegeben. So kochte sie für ihre Nachbarn mit, die nicht so viel Geld hatten. „Meine Mutter war sehr religiös. Wir Juden helfen immer, das ist für mich Teil unserer Religion“, sagt Uskhi. Sein Verein, betont er aber, sei weder religiös noch politisch. „Alle sind willkommen. Niemand wird missioniert.“ Das ist ihm wichtig.

Ein Mann mit Helfersyndrom

Angst, zu helfen, hatte er noch nie: Bei einem Massenunfall in Bayern zog Uskhi einen Mann aus einem brennenden Auto. Dafür bekam er die Bayerische Rettungsmedaille. Danach trat er ehrenamtlich in die Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes ein und rettete einem Mädchen das Leben, das zu ertrinken drohte. Das erzählt er, aber eher so nebenbei. „Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen. Es geht mir um den Verein.“

Vor fünf Jahren gründete er „Street Angel“. Zwischen 800 000 und 900 000 Essensportionen hätten sie seitdem rausgegeben. Die Lebensmittel werden durch Spenden von Unternehmen oder Privatpersonen finanziert. 40 ehrenamtliche Mitglieder sind mittlerweile dabei. „Alleine würde ich das alles nicht schaffen.“ Denn im Hauptjob ist Uskhi Personal Trainer und Ernährungsberater. Neben dem warmen Essen sonntags verteilen der Familienvater und andere Helfer auch noch zweimal in der Woche in der ganzen Stadt Essen, warme Kleidung, Schlafsäcke. Zu Weihnachten gab es zudem die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“. Dabei wurden Päckchen mit Hygieneartikeln, Socken und einer persönlichen Weihnachtskarte verschenkt.

Anfangs gaben die Street Angels das Essen noch direkt auf der Straße aus. Vor zwei Jahren sammelten sie Geld für den Foodtruck. Die Landesstiftung „Miteinander in Hessen“ wurde auf die Idee aufmerksam und unterstützte das Vorhaben mit 80 000 Euro für die Anschaffung und den Umbau des Fahrzeugs. Neben dem warmen Essen gibt es noch einen „Doggybag“: Darin sind belegte Brötchen, frisches Obst und selbst gebackene Muffins.

Eine der festen Ehrenamtlichen ist Niki Ikonomou. Mit einem Strahlen reicht sie das dampfende Essen aus dem Foodtruck. Die Stimmung ist fröhlich. Seit zwei Jahren ist Ikonomou dabei. Im normalen Leben arbeitet sie als Firmenkundenberaterin in der DZ-Bank. Der weiß beleuchtete Turm ist fünf Minuten Fußweg weg, er strahlt im Hintergrund des Foodtrucks in der Nacht. Die andere Lebenswelt von Frankfurt.

Während sie an dem Abend viel mit den obdachlosen Menschen scherzt, war das anfangs noch ganz anders. „Das erste Mal war erschreckend für mich. Nicht weil ich Angst vor den Leuten hatte, sondern weil ich nachts davon träumte: Die Bilder von all den Obdachlosen, den Drogenkranken, diese traurigen Schicksale so nah zu sehen, war schlimm.“ Sie zeigt auf das Schwarz-Weiß-Foto eines alten, obdachlosen Mannes, das auf dem Foodtruck zu sehen ist: „Wir helfen, wo andere wegschauen“, steht darauf. Dieser Mann komme auch zu ihnen.

Wie Menschen behandelt

„Er hat sich immer so gewählt ausgedrückt. Irgendwann habe ich ihn gefragt, wie er auf der Straße gelandet ist.“ Er war Arzt, aber als seine Frau starb, sei er so traurig geworden. „Er hat sich aufgegeben, verlor sein Zuhause.“ Sie habe nach dem ersten Mal überlegt: Soll ich noch mal hin? Sie entschloss sich für ein Ja. „Ich bin so froh, dass ich zurückgekommen bin. Die Dankbarkeit in den Gesichtern macht mich glücklich.“ Eine Frau mit schwarzer Daunenjacke, die ansteht, sagt: „Ich komme nicht nur wegen des warmen Essens. Sondern weil wir hier nicht von oben herab behandelt werden. Die meisten Leute sehen doch nur den Junkie in uns. Die Helfer behandeln uns wie Menschen. Sie interessiert es wirklich, wie es uns geht.“

Zum ersten Mal als Helferin dabei ist Anna Capone. Die 58-Jährige verteilt nicht nur heißen Kaffee, sondern streichelt den Frauen und Männern auch mütterlich und ohne Scheu über die Wangen. Ihre Tochter Antonella Sayan, die aus dem Wagen das Essen herausgibt, sagt: „Das sind verlorene Seelen, sie brauchen Liebe.“ Natascha Rabia ist zwei Monate dabei. Die 28-Jährige, Dreifachmutter und Altenpflegerin, hat frische Muffins gebacken: „Ich habe doch schon alles, was ich brauche. Ich möchte auch etwas abgeben.“ Vasi ist auch hier. Der 53-Jährige passt auf, dass alle ordentlich in der Reihe stehen. Er selbst war mal ganz unten, viele Jahre drogenabhängig. „Sabi und ich kannten uns aus der Grundschule. Als er mich wiedersah, hat er mich als einziger meiner alten Bekannten gefragt: ’Wie geht es dir?’ Und nicht: ’Was willst du von mir?’“ Mittlerweile ist Vasi im Methadonprogramm. Seit Juni hilft er im Verein mit.

Nur einmal gibt es einen kurzen Stressmoment zwischen zwei Männern in der Foodtruck-Schlange. Uskhi und Vasi beruhigen den Mann. „Die Menschen hier sind alle lieb, nur manchmal haben sie schlechten Stoff konsumiert. Die Drogen können sie dann aggressiv machen, aber sie sind nicht gefährlich“, sagt Uskhi.

Am Ende des Abend sind alle frisch gekochten Portionen weg. Uskhi und seine Helfertruppe räumen auf, zufrieden. Und auch wenn diese Szene klingt wie aus einem Hollywoodfilm, geschieht sie tatsächlich: Ein junger Mann hält eines der Essen-Doggybags in der Hand. Triumphierend. Er klopft sich mit der Faust erst Richtung Herz, dann streckt er die Faust in Richtung Uskhi und ruft ihm zu: „Du bist mein Held.“

von KATHRIN ROSENDORFF

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