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Der Angeklagte Athanasios A. zeigt sich den Rockern im Zuschauerraum gegenüber gut gelaunt und mit erhobenem Daumen. Als er später verurteilt wird, verzieht er keine Miene.

Schießerei in Frankfurt

Hells Angel muss lange ins Gefängnis

Die Schießerei mitten in der Innenstadt hatte am Himmelfahrtstag 2016 für einiges Aufsehen gesorgt. Nun hat das Landgericht den 57 Jahre alten Angeklagten aus dem Rockermilieu zu zehn Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Dessen Anwälte wollen Revision einlegen.

Am Tag des Urteils muss der Hochsicherheitstrakt des Gerichts wegen Überfüllung geschlossen werden. Vor der Eingangstür stehen 35 schwer bewaffnete Polizisten. Im Saal sitzen allein 50 Rocker. Sie begrüßen sich mit Handschlag und Schulterklopfen. Hinter den Sitzplätzen stehen zwölf weitere bewaffnete Polizeibeamte. Wie an jedem der 27 Verhandlungstage wird der Angeklagte Athanasios A. (57) alias „Zaki“ in Handschellen in den Gerichtsaal geführt. Er zeigt lächelnd das Victory-Zeichen, hebt den Daumen. Seine Kumpels grinsen. Sie hoffen auf ein mildes Urteil.

Die Verteidiger hatten Freispruch wegen Notwehr gefordert, die Staatsanwaltschaft zehn Jahre und fünf Monate Haft. Als ihm das letzte Wort erteilt wird, antwortet Anwalt Manuel Mayer im Namen des Angeklagten, dass er verzichte. Geholfen hätte es Athanasios A. wohl auch nicht mehr. Die von Richterin Bärbel Stock geleitete Kammer des Landgerichts verurteilte ihn wegen versuchten Mordes, versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu zehn Jahren und drei Monaten Haft.

Der Angeklagte verzieht keine Miene, die Männer im Publikum ziehen hörbar die Luft tief ein. Die Kammer sieht es als erwiesen an, dass die Schießerei am Himmelfahrtstag 2016 am Stoltzeplatz, bei der ein Mann durch Schüsse lebensgefährlich, ein weiterer leicht verletzt wurde, ein Racheakt der Hells Angels war. Athanasios A. soll auf den Fahrer des weißen SUV gezielt haben. Getroffen habe er allerdings den 41-Jährigen auf dem Rücksitz. Der Haupttäter, der den Fahrer lebensgefährlich verletzt hatte, ist weiterhin auf der Flucht. Eine Frau, die ebenfalls im Wagen saß, blieb unverletzt.

Selbstjustiz geübt

A. hatte nach Ansicht des Gerichts „aus Rache und für die Ehre“ auf den Fahrer des Geländewagens geschossen. Mit den Schüssen sollte dem 41-Jährigen, der wenige Monate zuvor aus den Hells Angels ausgeschlossen worden war, eine Abreibung verpasst und die Ehre des eigenen Charters wieder hergestellt werden.

Das Opfer, Munir H., hatte nach Erkenntnissen der Ermittler zwei Monate vor der Schießerei bei einer Auseinandersetzung dem Vizepräsidenten des verbotenen Hells-Angels-Charters Westend die Nase gebrochen. Der Angeklagte und seine Gruppe hätten Selbstjustiz geübt und seien Teil einer Parallelgesellschaft, die bewusst Regeln breche und nach ihren eigenen Gesetzen lebe, befand das Gericht. „Das kann der Rechtsstaat nicht dulden.“

Am Tag der Tat sind die Terrassen der Bars „Helium“ und „Bar Celona“ in der Innenstadt gut besetzt, als mindestens neun Rocker mit ihren Motorrädern vorfahren und sich an Tischen vor dem „Helium“ niederlassen. Kurze Zeit später kommt ein weißer SUV vor dem Zebrastreifen zum Stehen. Sofort springen die Rocker auf, Schüsse fallen. Dabei wird auch der Angeklagte getroffen. Er erleidet einen Streifschuss am Bauch, der von seinem Gürtel und seinem Handy abgemildert wird.

Der Angeklagte pocht darauf, dass er nur aus Notwehr gehandelt habe. Das aber wollte ihm die Richterin nicht abnehmen. Es sei nicht überzeugend, dass Munir H. die zahlenmäßig „haushoch überlegene Gruppe“ angegriffen und dabei das Leben seiner Lebensgefährtin und seines Cousins, die mit im Auto saßen, riskiert hätte. Vielmehr habe die Gruppe um den Angeklagten das Fahrzeug des 41-Jährigen von drei Seiten umzingelt – eine koordinierte, abgesprochene Aktion. Das Opfer habe „in der Falle“ gesessen.

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Mit dem Urteil von zehn Jahren und drei Monaten Haft für den Angeklagten liegt das Strafmaß zwei Monate unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. „Zuzurechnen ist dem Angeklagten, dass er nicht vorbestraft ist und ein Teilgeständnis abgelegt hat.“ Süffisant lachend fügt sie hinzu. „Haftempfindlichkeit spielt wohl keine Rolle, weil dem Angeklagten sicherlich jeder in der Dusche den Vortritt lässt.“

Bis zum Bundesgerichtshof

Nach dem Urteil ist es still im Saal. Die Anwälte erklären draußen, dass sie in Revision gehen möchten. „Wir werden das Urteil anfechten bis zum Bundesgerichtshof“, sagt Manuel Mayer. Er und sein Kollege Michael Oberwinder gehen weiter von Notwehr aus. Die tätowierten Männer vor der Tür wundern sich. „Pech gehabt“, sagt ein bekennender Hells Angel.

Ein anderer Rocker erzählt, dass das schwer verletzte Opfer mehrfach beim Dealen erwischt und verurteilt worden sei. Während der Verhandlung hatte der 41-Jährige wegen posttraumatischer Störungen nicht aussagen können. Die Richterin hatte erklärt, dass er sich in seiner Heimat Serbien aufhalte. Dagegen steht, dass einige Rocker ihn vergangene Woche in Höchst gesehen haben wollen. „Auch der hat eine Waffe gehabt, ist mehrfach wegen Drogen verurteilt worden, ist aber überhaupt nicht belangt worden“, schimpft ein anderer Mann aus der Szene.

(bi,lhe)

Mord, Totschlag, Drogen- und Menschenhandel, Prostitution: Die Hells Angels in Frankfurt brechen das Gesetz, um ihre Macht zu behaupten.

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