Dass ihr Gymnasium zur NS-Zeit auf Ideologie trimmte, erforschten die Helmholtzschüler Carlo Salcoacci, Elisabeth Stoppok, Rediet Tewodros, Justus Frie und Elena Steinbach. Hier stehen sie vorm damals gepflanzten und so benannten "Hitlerbaum". foto: leonhard hamerski
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Dass ihr Gymnasium zur NS-Zeit auf Ideologie trimmte, erforschten die Helmholtzschüler Carlo Salcoacci, Elisabeth Stoppok, Rediet Tewodros, Justus Frie und Elena Steinbach. Hier stehen sie vorm damals gepflanzten und so benannten "Hitlerbaum".

Landessieger aus Frankfurt

Helmholtzschüler jubeln

  • vonSabine Schramek
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Geschichtswettbewerb Bewegte ZeitenZum 27. Mal wurde von der Körber-Stiftung der "Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten" ausgeschrieben. Unter dem Motto "Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft" konnten Schüler sich ein Thema aussuchen. Fünf Zehntklässler der Helmholtzschule überzeugten mit ihrer Forschung zur Sporterziehung an ihrer Schule während der Weimarer Republik und der NS-Zeit.

Ostend -Sie sind jung, fröhlich, neugierig, offen und klug. Elena Steinbach, Elisabeth Stoppok, Rediet Tewodros, Justus Frie und Carlo Salcoacci sind 15 und 16 Jahre alt. Elena ist bereits zum zweiten Mal im Landessiegerteam der Helmholtzschule, da sie sich schon im vergangen Jahr beim "Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten" mit dem Thema "Krise" beteiligt hat.

"Dass wir auch in diesem Jahr Landessieger sind, ist einfach nur toll", sagt sie. Ganz einfach war der Start mit dem Team nicht. Justus erinnert sich, dass er auf dem Rückweg nach einer Sportstunde im Ostpark "von den Mädchen überzeugt werden musste". Bereut hat er es nicht. "Die Gruppe hat toll funktioniert. Niemand war alleine und jeder hat enorm viel gelernt. Über das Thema, aber auch über Recherche", sagt er stolz.

Erschreckende

Erkenntnisse

Jeden Mittwoch seit Februar haben sie sich nach den Sommerferien bis Silvester eine Stunde lang und oft samstags zwei bis drei Stunden lang virtuell oder live getroffen. Ihre Mentorin Marion Pausch, die auch Geschichtslehrerin und Studienleiterin am Gymnasium ist, findet ausschließlich lobende Worte. "Ihre Freizeit ist eigentlich schon knapp, weil sie auch noch im Orchester mitspielen. Aber müde sind sie nie geworden." Wegen Corona waren oft echte Treffen nicht möglich. Stattdessen haben sie alle Dokumente, die sie finden konnten, auf eine Plattform hochgeladen und sich Aufgaben aufgeteilt. "Quellensuche, Struktur, Themenaufteilung, Einleitung und Ende haben wir festgelegt. Vieles hat sich überschnitten, was enorm geholfen hat" so Rediet. "Anfangs wussten wir nicht, ob wir etwas zu Schulsport zwischen 1927 bis 1936 finden und auch nicht, ob wir etwas über die Helmholtzschule und ihren damaligen Sportunterricht entdecken." Im Stadtarchiv wurden sie fündig - einen Tag bevor es wegen Corona geschlossen werden musste.

Während der Weimarer Republik war ihre Schule keine große Ausnahme. "Es ging um Erfolg und Wettkämpfe. Die alte Turnhalle war mit jeder Menge Turngeräten ausgestattet - im Gegensatz zum Rest der Schule", berichtet Carlo.

Erschrocken waren die Schüler darüber, wie Sportunterricht in der NS-Zeit ablief. "Wie wussten aus dem Geschichtsunterricht, dass Schulen für Jungs im Sport für das Militär vorgebildet wurden. Ich habe mit Kampfunterricht gerechnet. Dass aber schon in der 10. Klasse das Schießen mit Luftbüchsen normal war und die Schule mit einem Schützenverein gemeinsam Sport machte, ist schon krass. Da dachte ich nur noch: ,Auweia'. Das war völlig normal. Auch, dass die Zulassung zum Abi von der Sportnote abhing. In vier bis sechs Disziplinen wurde im Sport benotet."

Bei ihren Forschungen haben sie erfahren, dass bereits 1930 gut 90 Prozent der Führungskräfte in der Schule Nationalsozialisten waren. "Sport war immer ein Mittel zur Erziehung, weil junge Menschen so leicht zu erreichen sind. In der NS-Zeit wurde das missbraucht, um sie an den Staat zu binden", weiß Elisabeth. Auch, dass es sofort nach Hitlers Machtübernahme an der Schule nur noch darum ging, wo Flaggen gehisst und Hakenkreuze angebracht werden. "Das ist schon gruselig", sind sich die Teenager einig. Eine Linde, die auf dem Schulhof gepflanzt wurde und heute noch steht, wurde damals "Adolf-Hitler-Linde" genannt.

"Heute hat Schulsport zum Glück andere Werte. Fairness, Ehrgeiz und Teamgeist werden auch dadurch gefördert, dass man lernt, zu verlieren", so Elena.

Das selbst gewählte Thema der Schüler füllt 54 Seiten. Nach der Einreichung im Februar war lange Stille. Bis Pausch vor einigen Tagen eine E-Mail mit dem Betreff "Yes, yes, yes" schrieb. Die Schüler waren in diesem Moment in der Aula, um Corona-Tests zu machen. Die Freude und der Jubel waren groß. Nach den Ferien kommt die Preisverleihung in der Staatskanzlei in Wiesbaden. "Danach geht es weiter. In der neuen Runde werden die Bundespreise prämiert. Die besten fünf dürfen dann nach Berlin. Da sind wir dabei."

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