Müssen sich wohl von ihrem urbanen Garten am Danziger Platz verabschieden: Matthias Baumgardt (3.v.r.) und Cher Haurova (2.v.r.) feiern noch einmal mit Gästen und Musikern, wie etwa dem Gitarristen Joe Berger aus New York (r.). FOTO: michael faust
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Müssen sich wohl von ihrem urbanen Garten am Danziger Platz verabschieden: Matthias Baumgardt (3.v.r.) und Cher Haurova (2.v.r.) feiern noch einmal mit Gästen und Musikern, wie etwa dem Gitarristen Joe Berger aus New York (r.).

Räumung

Herbst-Blues im Neuen Frankfurter Garten

  • VonSabine Schramek
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Weil die Bahn bauen im Ostend will, muss das Bienen- und Pflanzenparadies wohl weichen

Seit 2013 gibt es am Danziger Platz Urban Gardening. Zuerst als "Frankfurter Garten", seit 2018 als "Neuer Frankfurter Garten" mit Deutschlands erstem "Bienenbaum Wipfelpfad". Zwischen Gemüse, Blumen und Bienen gab es jetzt wohl ein Abschiedskonzert im Herbstlaub.

Matthias Baumgardt spielt nicht nur unvergleichlich gut Gitarre. Er züchtet Tomaten, Kürbisse und Chilis und kocht für die vermutliche Abschieds-Garten-Jam 15 Liter Linsensuppe mit Kürbis. "Es wird jetzt langsam zu kalt draußen", sagt der Musiker und zeigt auf ein Glas Tomaten-Chili-Sauce. "Die wärmt, wenn man es scharf mag", verspricht er. Baumgardt gehört zu den gut 40 Mitgliedern des Vereins "Bienen-Baum-Gut", der vor drei Jahren den seit 2013 bestehenden Frankfurter Garten übernommen hat. "Ich glaube es erst, wenn es wirklich passiert", so der waschechte Frankfurter Musiker aus dem Ostend und spielt darauf an, dass die Bahn Anspruch auf das Grundstück angemeldet hat, um die Nordmainische S-Bahn nach Hanau zu bauen.

"Die Bienenstöcke dürfen bis Mai 2022 hier bleiben, den Rest des Grundstücks sollen wir bis Ende des Jahres räumen", so Cher Haurova, die Erste Vorsitzende des Vereins. "Bienen kann man im Winter nicht umsiedeln. Das wäre Genozid", sagt sie trocken. Mündlich sei ihr vom Grünflächenamt ein Ersatzgrundstück etwa 500 Meter weiter zugesagt worden. "Dort steht allerdings immer noch die Umschlagswerk-Trafostation von der Mainova, die 2021 abgerissen werden sollte, damit der Neue Frankfurter Garten Platz findet."

Noch stehen die dicht bewachsenen tonnenschweren Hochbeete aus Holz und Beton überall unter großen Platanen auf dem Danziger Platz, noch blühen Stockrosen und Himbeerpflanzen tragen Früchte. Sechs 2,5-Tonnen-Container dienen als Werkstatt, Café, Büro und mehr. "Auf dem anderen Grundstück wäre momentan nicht einmal Platz zum Zwischenlagern, weil es noch bebaut ist", sagt Haurova. Auch die Transportkosten könnte der Verein nicht stemmen. Noch setzt sie darauf, dass der Vertrag doch noch einmal verlängert wird. "Wir müssen abwarten, was passiert."

Eines der größten Schutzprojekte Hessens

Haurova hatte 2016 den ersten "Bienenbaum Wipfelpfad" mit initiiert, der 2018 mit dem Bürgerpreis der Stadt Frankfurt und im Juni 2019 mit dem Preis für Biologische Vielfalt der UN-Dekade ausgezeichnet wurde. Der Wipfelpfad gilt als eines der größten Projekte Hessens zum Schutz der Honigbienen. Auf zwei Baumplattformen, die mit einer Hochseilbrücke verbunden sind, können Kinder und Erwachsene sehen, wie Bienenvölker in hohlen als Gesichter geschnitzten Baumstämmen leben und Honig produzieren. Das Grünflächenamt hatte einen hohlen Baum zur Verfügung gestellt und ein Schwarm ist von sich aus dort eingezogen.

Auch die Klotzbeuten in den selbst ausgehöhlten Baumstämme sind von Stadtbienen bewohnt. Sie brummen und schwirren vor den Eingängen, die aus geschnitzten Mündern bestehen. Wegen Corona konnten viele Führungen und Kurse nicht stattfinden. "Das war hart", so Haurova. Spenden kamen daher nicht viele rein. Seit dem letzten Jahr gibt es daher an jedem Freitag Konzerte, die Baumgardt organisiert. "46-mal sind Bands seither live aufgetreten", erzählt sie und Baumgardt grinst, während er Musiker begrüßt, die zur letzten Session kommen.

"Das ist 2020 gut angenommen worden und so konnten wir uns finanziell retten. Zum Glück hat uns die Mainova eine Wasserspende in Höhe von 1000 Euro gemacht. Das hat und das Gärtnern gerettet." Blues klingt durch das Herbstlaub. April King singt, Baumgardt, Joe Berger, Linda Rocko und Sammy Lindemann und Wolf Schubert jammen.

Die Liegestühle sind gefüllt mit Besuchern. Strom kommt über den Generator. Linsensuppe dampft, und die anfangs melancholische Atmosphäre wechselt. Ein Hauch Indian Summer vertreibt negative Gedanken mit Blues, Folk und Rock bis in die Abendstunden dort, wo jetzt noch Frankfurter Gemüse anbauen und demnächst der U-Bahn-Tunnel zur Konstablerwache verlängert werden soll.

Sabine Schramek

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