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Auf dem VGF-Betriebshof im Gutleutviertel werden Mikrodepots fürs Projekt ?Logistiktram? verladen.

Comeback

Ab Herbst bringen wieder Straßenbahnen Pakete von A nach B

Seit Mitte September transportieren Frankfurter Straßenbahnen nicht nur Fahrgäste, sondern auch Paketsendungen. Das Prinzip dahinter ist nicht neu: Bereits zur Kaiserzeit fuhr die Frankfurter Poststraßenbahn zwischen Hauptbahnhof und Zeil.

Pakete per Straßenbahn ausliefern – ein Pilotprojekt der Stadt macht’s möglich: Sogenannte Logistiktrams sollen „Mikrodepots“, also Kisten voller Paketsendungen, wirtschaftlich rentabel und emissionsfrei durch Frankfurt transportieren. An den Endhaltestellen warten dann Fahrradkuriere, um die Ware bis vor die Haustüre zu fahren. In Zeiten von Klimawandel und Diesel-Fahrverboten scheint dieses Modell durchaus erfolgversprechend. Neu ist die Idee aber keineswegs: Sie ist sogar schon über 100 Jahre alt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts steckten sowohl die Eisenbahn als auch das moderne Postwesen noch in den Kinderschuhen. 1888 wurde der Frankfurter Hauptbahnhof mitsamt Bahnpostamt erbaut, 1895 entstand das damalige Hauptpostamt an der Zeil. Dadurch ergab sich ein Problem: Post musste zwischen den beiden Umschlagplätzen hin und her transportiert werden.

Zunächst wurde diese Aufgabe von pferdebespannten Paketwagen übernommen. Bald jedoch hatten die Verantwortlichen einen Einfall: Ein Vertrag zwischen der Stadt Frankfurt und der Kaiserlichen Oberpostdirektion, datiert auf den 29. August 1899, sah vor, Güter mit der Straßenbahn zu transportieren. Wörtlich heißt es darin unter anderem: „Der Postbeförderungsdienst zwischen dem Postamt 1 (Zeil) und dem Postamt 8 (am Hauptbahnhof) soll ... in der Weise eingerichtet werden, daß besondere elektrische Straßenbahnpostwagen den Verkehr zwischen den beiden Postämtern vermitteln. Die Postwagen werden ... über die Straßenbahnstrecke Zeil, Kaiserstraße, Bahnstraße (heute Düsseldorfer Straße), Mainzer Landstraße, Ludwigstraße und in umgekehrter Richtung geführt ...“ Die Frankfurter Poststraßenbahn war geboren.

Die Stadt beschaffte insgesamt sieben postgelb angestrichene Straßenbahnwagen, im Gegenzug musste die Post pro Fahrt 1,50 Mark an die Stadt entrichten. Am 1. März 1901 begann der Fahrbetrieb auf der eingleisigen Strecke. Im Führersitz saßen Postbeamte, die man eigens für diese Aufgabe ausgebildet hatte.

Die gelben Postwagen müssen einen geheimnisvollen Anblick geboten haben: Sie waren komplett fensterlos, bis auf zwei kleine Seitenfenster mit vergittertem Milchglas. Auf der Strecke zwischen Bahnpostamt und Zeil waren eigentlich keine Zwischenhalte vorgesehen. Wer trotzdem schnell noch einen Brief in den Postschlitz einwerfen wollte, musste darauf hoffen, dass der Wagen außerplanmäßig anhielt.

Während des Zweiten Weltkriegs bestand der Poststraßenbahnverkehr weiter, wegen Treibstoff- und Fahrzeugmangels wurde er sogar bis zum Ostbahnhof verlängert. Nach einem Luftangriff auf das Hauptpostamt fiel dieses vorübergehend als Zwischenhalt aus. Das Kriegsende überlebte die Poststraßenbahn zwar noch, jedoch nicht die radikalen Umstrukturierungen und Rationalisierungen der Postverwaltung in der Nachkriegszeit. Der Kraftverkehr löste den Bahnverkehr ab, der Betrieb der Poststraßenbahn wurde am 31. Dezember 1951 eingestellt.

Beim letztjährigen „Ideenwettbewerb Klimaschutz“ kehrte die Idee zurück und wurde in diesem Sommer in eine Konzept gegossen. Wenn der Probebetrieb der Logistiktrams erfolgreich ist, dürfte einer Neuauflage nichts mehr im Wege stehen. Die gelben Postwagen ohne Fenster sind aber definitiv Geschichte. red

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