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Die Fliege ist ein Markenzeichen von Helmut Reitze, dem scheidenden Indentanten des Hessischen Rundfunks.

HR-Intendant Helmut Reitze

Der Herr der Fliege geht

Helmut Reitze ist der Dienstälteste unter den ARD-Intendanten. Seit 13 Jahren führt er den Hessischen Rundfunk (hr). Ende Februar geht er vorzeitig in Rente.

Von JÖRG FIENE (DPA)

Helmut Reitze bindet selbst. „Eine Frage der Ehre“, sagt der Intendant des Hessischen Rundfunks (hr), Markenzeichen Fliege. Mehr als 50 der modischen Seidenbinder hängen in seinem Kleiderschrank, eine mit Senderlogo ist nicht darunter. „So etwas haben wir nicht. Wir müssen sparen“, sagt Reitze halb ernst, halb augenzwinkernd. Der Zwang zum Geldzusammenhalten hat ihn in den vergangenen 13 Jahren als Senderchef begleitet wie sein Faible für Fliegen. Ende Februar tritt der 63-Jährige in den Ruhestand. Er geht zwei Jahre vor Ablauf seiner dritten Amtszeit, aus gesundheitlichen Gründen.

Am kommenden Freitag wird der Rundfunkrat Reitzes Nachfolge regeln. Einziger Kandidat ist sein bisheriger Stellvertreter, der hr-Fernsehdirektor Manfred Krupp. Reitze würde dem 59-Jährigen im Falle des erwarteten Wahlerfolgs einen Sender mit mehr Zuschauern, mehr Zuhörern, mehr Online-Nutzern und weniger Mitarbeitern als bei seinem Amtsantritt im Januar 2003 hinterlassen – aber auch einen Fehlbetrag von 82 Millionen Euro im Etat für das laufende Jahr bei erwarteten Erlösen aus Gebühren und Werbung von 500 Millionen Euro.

Einfach kleinsparen lasse sich eine solche Deckungslücke nicht. Der Fehlbetrag sei kein hausgemachtes Problem, wie Reitze betont, sondern eine Folge der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Diese zwinge den hr wie andere Unternehmen auch, zunehmend mehr Geld für spätere Rentenansprüche seiner Beschäftigten zurückzulegen. „Das ist gesetzlich geregelt. Wir haben das nicht in der Hand. Im operativen Geschäft erzielen wir Überschüsse, das ist die eigentliche Leistung, die zählt. Die Liquidität des Hessischen Rundfunks ist auf jeden Fall bis 2020 gesichert“, sagt Reitze.

Mehr als 40 Jahre hat er Fernsehen und Radio gemacht, nach seinem Volontariat in Kassel bei der Tageszeitung „Hessische / Niedersächsische Allgemeine“. Er berichtete als Korrespondent für das ZDF aus Brüssel und Washington, wo er sich Ende der 1980er Jahre bei US-Kollegen das Fliegetragen abschaute. Er moderierte für die Mainzer das „heute-journal“, war zweiter Chefredakteur bei ARD-aktuell, stellte sich 2001 zur Wahl des ZDF-Intendanten, verpasste aber die notwendige 3/5-Mehrheit im Fernsehrat. Wenn er nun vom 1. März an nicht mehr ins Büro kommt, will er den Medienmenschen Helmut Reitze hinter sich lassen.

Er möchte nicht Ratgeber sein für ehemalige Kollegen – auch wenn er sich über ein zunehmendes „Schwarmverhalten der Medien“ ärgere, auch wenn er sich wünsche, die Branche hätte sich die Fähigkeit zur kritischen Gegenreaktion bewahrt, statt „wie vor der Kölner Silvesternacht kollektiv in die eine Richtung und danach in die andere zu laufen“. Vermeintlich kluge Sätze aus dem Ruhestand habe er selbst nie gern hören wollen, sagt der promovierte Volkswirt.

Als Rentner will sich der 63-Jährige Zeit für sich nehmen, für sein Hobby Fotografie, für ehrenamtliches Engagement in Stiftungen und für Unternehmen, die Rat in Kommunikationsfragen suchen.

Als Reitze im Herbst 2002 an die Spitze des Senders gewählt wurde, galt er als Mann des damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), der den als „Rotfunk“ verschrienen hr umkrempeln sollte.

Reitze, geboren im nordhessischen Gudensberg, hat den hr konsequent auf Hessen gebürstet. Weniger Lückenfüller aus anderen ARD-Landesanstalten im TV-Programm, mehr eigene Informationsformate: Mit dieser Strategie schaffte der Sender im ARD-internen Vergleich der dritten Programme den Sprung vom Tabellenende ins Mittelfeld und steigerte seinen Marktanteil bei hessischen TV-Zuschauern nach eigenen Angaben von 5,1 auf 7,0 Prozent.

Das Hessen-Profil bescherte der Media-Analyse zufolge auch dem von acht auf sechs Wellen zusammengepressten Radioangebot in der Ära Reitze ein Zuhörerplus von knapp 25 Prozent oder rund 500 000 Hörern. Die erfolgreichste Welle im Land allerdings schickt weiter der kleinere Privatkonkurrent Hit-Radio FFH auf den Sender.

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