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Herr Kim singt und der Stadtteil hört zu

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Von: Friedrich Reinhardt

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Jaeil Kim probt vormittags. Auf dem Platz Am Dachsberg hören die Berkersheimer den Tenor dann singen. FOTO: Friedrich Reinhardt
Jaeil Kim probt vormittags. Auf dem Platz Am Dachsberg hören die Berkersheimer den Tenor dann singen. © Friedrich Reinhardt

Passanten freuen sich über die Arien des Tenors

Von 10 bis 13 Uhr am Vormittag, wenn der Sohn im Kindergarten ist, ist für Jaeil Kim Zeit zu proben. In Jogginghose und Pulli steht er am offenen Fenster, vor sich das Keyboard mit Notenblättern. Um ihn herum liegen die Spielsachen. Das Probenzimmer in der kleinen Wohnung ist Wohn-, Arbeits- und Spielzimmer in einem. Durch das Fenster blickt er auf Berkersheims zentralen Platz, die Kreuzung Am Dachberg/Ecke Am Honiggarten. Am Kiosk gehen Kunden ein und aus. Vor dem Friseursalon quatschen zwei ältere Herren. Kim beginnt mit seinen seine Stimmübungen. "Baaaaa Baaaaaa Baaaaa", geht es die Tonleiter auf und ab. Selbst wenn Kim das Fenster geschlossen hat, hört man ihn auf der Straße. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen über die Kreuzung. Auf den Tenor angesprochen, lacht sie. "Ich höre ihn jeden Tag, schön oder?" Auch der Postbote erinnert sich, Kim schon gehört zu haben.

So romantisch wie Graf Almaviva

Seit 2017 lebt der heute 33 Jahre alte Tenor mit seiner Frau in Berkersheim. An der Oper Frankfurt spielte er vor Corona in Richard Strauss' "Salome" den "Dritten Juden". Zuletzt sang er in der Kinderoper "Der Barbier von Sevillia" als der Graf Almaviva. Eine Figur, von der Kim sagt, "sie ist genauso romantisch wie ich".

Sein Weg in die kleine Wohnung mit Blick auf den zentralen Platz, begann beim südkoreanischen Militär mit einem Video, das zeigt, wie ein Opernsänger während eines Duetts beginnt zu jonglieren. Bis zu jenem Tag wollte er Schauspieler werden, nun Sänger.

Aufgewachsen ist Kim in Sanbon, mit rund 26 000 Einwohnern eine Kleinstadt, erst recht in Südkorea, wo es auf einer Fläche so groß wie die neuen Bundesländer elf Millionen-Städten gibt. Kim wächst in einer christlichen Familie auf. Mit sechs Jahre singt er im Kirchenchor. "Seitdem bin ich davon begeistert." Aber nicht von Opern. Als Kind hört Kim Kirchenlieder, später koreanische und amerikanische Pop-Musik.

Donizetti gab den Ausschlag

Um Schauspieler zu werden, macht Kim nach der Schule eine Schauspiel-Ausbildung. Danach will er Schauspiel studieren. Mit einer Gesangsausbildung will der 20 Jahre alte Kim seine Chancen erhöhen. Dem Gesangslehrer erzählt er, sein größter Traum wär es, Opernsänger zu werden, damit er ihn zwei Mal in der Woche unterrichtet.

Vor dem Studium muss Kim zum zweijährigen Militärdienst. In dieser Zeit sieht er das erste Mal die Szene aus der Oper "L'elisir d'amore" von Gaetano Donizetti, wie sie 2005 in Wien aufgeführt wurde. Der Tenor Rolando Villazón in den Kleidern eines armen Bauerns spielt den Nemorino. Während des Duetts "Lallarallara" greift er in einen Korb, nimmt drei Äpfel heraus und beginnt zu jonglieren. Im Takt seines Gesangs fliegen die Äpfel. Im selben Moment, in dem der letzte Ton verstummt, landet der letzte Apfel in der Hand des Tenors. Kim Vorstellung von dem, was Operngesang ist, ist erschüttert. Bei Youtube ist die Szene unter den Schlagwörtern "Villazón" und "jonglieren" zu finden.

"Ich dachte, Opern, das sind dicke Männer, die steif auf der Bühne stehen und unverständlich singen." Die Jonglier-Szene habe gezeigt, wie viel lebendiger sich die Oper inzwischen entwickelt hatte. "Diese Szene ist eine Ursache, weshalb ich schließlich Klassische Gesang studiert habe."

Den Bachelor absolvierte Kim an der Hanyang Universität in Seoul den Master, wechselte an die Theaterakademie in München. Dort habe ihn Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, gefragt, ob er nach Frankfurt kommen wolle. Kim sagte ja. "Ich war jung, hatte kein Geld und ein Freund empfahl mir diese günstige Wohnung in Berkersheim"

Über den Stadtteil sagt Kim: "Anderes als in der Innenstadt ist es hier lebendig. Die Menschen gehen nicht mit leeren Gesichtern schweigend aneinander vorbei. Hier grüßen sie sich die Leute noch."

Ob er aber noch lange in Berkersheim bleiben wird, bleiben kann, weiß er nicht. Sein Traum ist es, regelmäßig zu singen. Zwar konnte er im November in der Oper "Königskinder" als Besenbinder einspringen. Aber: "In der Corona-Krise arbeiten die Opern aber fast nur mit ihren festen Ensembles." Ein hartes Los für freie Künstler. Nicht nur für Kim, den Tenor. In Südkorea erhofft er sich bessere Chancen. Andererseits, wenn die Pandemie enden sollte?

Dass man ihn auf der Straße proben hört, ist Kim manchmal ein wenig "peinlich". Es sind Proben und das Kinderzimmer keine Bühne. Aber er sei dankbar. "Ich singe jeden Tag so laut, aber trotzdem hat bisher noch niemand geschimpft."

Auch der Nachbar nicht, der direkt über Kim wohnt. Er könne sich im Homeoffice während der Probe schlechter konzentrieren, sagt der Nachbar. "Das ist aber nicht als Kritik gemeint." Das Fenster zum Platz, wo man Kim singen hört, hat der Nachbar geöffnet. Friedrich Reinhardt

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