Da vergeht einem der Appetit: Norbert Nüchter sammelt die Essensrest an der Haltestelle "Gravensteiner Platz" ein, die andere hier rücksichtslos liegen ließen. FOTO: Hamerski
+
Da vergeht einem der Appetit: Norbert Nüchter sammelt die Essensrest an der Haltestelle "Gravensteiner Platz" ein, die andere hier rücksichtslos liegen ließen.

Arbeitsmaßnahme

Herr Nüchter räumt in Frankfurt auf

  • Friedrich Reinhardt
    VonFriedrich Reinhardt
    schließen

Bei Wind und Wetter ist der Tipptopp-Mitarbeiter unterwegs

Norbert Nüchter hat es nicht eilig, es sieht nur so aus. Mit schnellen Schritten läuft der 59 Jahre alte Mann in der neon-gelben Jacke über den Gravensteiner Platz. In der rechten Hand die Greifzange, in der linken einen weißen Müllsack. Den Oberkörper beugt er dabei leicht nach vorn, als wären dem Kopf die schnellen Beine noch nicht schnell genug.

Schon am Bahnsteig liegt der Müll

Von Montag bis Freitag beginnt Nüchter kurz nach 8 Uhr seine Runde durch Preungesheim und Eckenheim am Gravensteiner Platz. Schon mit seinem ersten Schritt aus der Straßenbahn der Linie 18 steuert er den Müll auf dem Bahnsteig an. Cola-Dosen, Trinkpäckchen, Majo- und Ketchup-Tüten, die Nüchter mit der Zange nur schlecht greifen kann, und leere Zigarettenpackungen liegen neben dem Ticketautomat. Man muss nicht Sherlock Holmes sein, um zu erkennen, was hier zwei Menschen gegessen haben, die ihre Reste dann achtlos liegen ließen. "Hier sieht es immer so aus", sagt Nüchter.

Er räumt die Haltestelle auf, dann den ganzen Gravensteiner Platz und über die Weilbrunnstraße führt seine Route nach Eckenheim. Unzählige Masken sammelt er vom Asphalt auf, oder zieht sie aus den Hecken am Straßenrand. Ist einer seiner Müllsäcke voll, knotet er ihn zusammen, stellt ihn an eine Straßenecke. Dort hole die FES den Sack dann ab. Rund zehn Säcke Müll sammelt Nüchter jeden Tag.

Verschlafen laufen die Passanten an Nüchter vorbei. Manche mustern ihn kurz, andere scheinen ihn gar nicht zu sehen. Überhaupt fallen er und seine Arbeit dann am deutlichsten auf, wenn Nüchter einmal nicht unterwegs ist. Andreas Eggenwirth, Preungesheimer und FPD-Mitglied im Ortsbeirat, kann sich an den Donnerstag erinnern, an dem Nüchter seine Corona-Impfung erhielt. An diesem Tag konnte er seine Runde nicht drehen. "Da sah es hier fürchterlich aus", sagt Eggenwirth. "Da wurde deutlich, was Herr Nüchter für Preungesheim leistet." Darum hatte Eggenwirth Nüchter für den Preis des Ortsbeirat vorschlagen wollen. Das Preisgeld hätte man dem Saubermann aber von der Grundsicherung abgezogen, sagt Eggenwirth. Darum habe er die Idee verworfen.

Seit zweieinhalb Jahren macht Norbert Nüchter "die Maßnahme", wie er seinen Job immer nennt. Die Arbeitsagentur hat hin zu der Stelle bei Tipptopp vermittelt, dem Programm der Servicegesellschaft für Frankfurt und Grüngürtel (SGF).

"Wer nimmt mich schon mit 59 Jahren?"

1,50 Euro verdient er sich damit zur Grundsicherung hinzu. Ungefähr 150 Euro sind es so zusätzlich im Monat. Hinzu kommen ein paar Euro von dem Pfand, das Nüchter findet. Die Dosen steckt er sich in die Beintasche seiner grauen Arbeitshose. Und: "Manchmal gibt mir jemand etwas Kleingeld", erzählt Nüchter. Im Dezember laufe seine Maßnahme aus. Nüchter würde gern weitermachen. "Besser als den ganzen Tag zu Hause sitzen und fernzusehen." Eine Ausbildung hat Nüchter nicht gemacht. Bislang hatte er sich als Küchenhilfe oder als Servicekraft bei der Messe durchgeschlagen. Dass er wieder einen Job finden könnte glaubt Nüchter nicht. "Welcher Arbeitgeber nimmt mich schon mit 59 Jahren." Außerdem höre er auf einem Ohr schlecht, seine Schulter schmerze seit einem Mofa-Unfall und nachdem er einmal mit dem Fuß umgeknickt ist, schmerzt auch der. Mal mehr, mal weniger. "Heute ist ein guter Tag."

Während er das erzählt, scannt sein Blick unentwegt den Gehweg ab, liegt irgendwo Müll - und er kommt keine drei Meter weit, ohne auf Bäckertüten, Masken oder Schnapsflaschen zu stoßen - sammelt er ihn ein. Selbst an schlechten Tagen würde er mit schmerzenden Füßen in diesem Tempo seine Arbeit machen.

Bis 13 Uhr etwa ist Nüchter unterwegs. Halt macht er nur an Bücherschränken. Fünf Stück liegen auf seiner Strecke. Dort schaut er nach DVDs. Nüchter mag Filme. "Ich gucke mir alles an", sagt er. "Denn sie wissen nicht, was sie tun", mag er besonders. "Die anderen James-Dean-Filme fehlen mir aber noch." Friedrich Reinhardt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare