Die 1882 fertiggestellte Stadtkirche an der Melchiorstraße ist sein Arbeitsplatz: Pfarrer Felix van Elsberg (33) hat die Evangelische Gemeinde Höchst übernommen. Im traditionell katholischen Höchst waren die ersten Protestanten Arbeitsimmigranten, die von der Industrie angezogen wurden.
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Die 1882 fertiggestellte Stadtkirche an der Melchiorstraße ist sein Arbeitsplatz: Pfarrer Felix van Elsberg (33) hat die Evangelische Gemeinde Höchst übernommen. Im traditionell katholischen Höchst waren die ersten Protestanten Arbeitsimmigranten, die von der Industrie angezogen wurden.

Felix van Elsberg im Porträt

Förster, Koch, Techniker bei den „Toten Hosen“ – der neue Pfarrer hat schon viel erlebt

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Der neue Pfarrer in der Evangelischen Stadtkirche in Höchst in Frankfurt ist ein Mann mit vielen Talenten. Denn sein Weg in die Gemeinde nahm viele Wendungen. Sogar bei den „Toten Hosen“ war er schon.

Frankfurt - Er hat viel Ungewöhnliches zu erzählen, aber er drängt sich damit nicht auf: Felix van Elsberg (33), seit knapp einem halben Jahr neuer Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Höchst, spricht lieber über die besonderen Erfahrungen, die Corona auch für einen Seelsorger mit sich bringt, als bunte Anekdoten aus seinem Leben zum Besten zu geben.

Er hätte genug zu erzählen: Der in einem Dorf bei Hameln Aufgewachsene sagt von sich, er habe zwar schon mit 14 davon gesprochen, Pfarrer zu werden, sei aber auch anderen Lebenswelten gegenüber aufgeschlossen gewesen: Er hat ein Praktikum als Förster gemacht, jobbte drei Jahre lang als Aushilfs-Koch und hat als Veranstaltungstechniker bei den "Toten Hosen" und bei "Rock am Ring" ebenso die Technik aufgebaut wie bei Konzerten in der Jahrhunderthalle. Er ist als Kind schon Trecker gefahren und hat Schweineställe ausgemistet. Im Gallus hat er Kinder betreut. Die Kinder- und Jugendarbeit ist sein Ding: Nach seinem Vikariat im Nordend hat er beim Stadtjugendpfarramt Frankfurt gearbeitet. "Kindern muss man etwas zutrauen", sagt er. Die Stelle in Höchst ist seine erste als alleiniger Gemeindepfarrer.

Neuer Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Höchst in Frankfurt: Frei von Dogmen aufgewachsen

Mit seiner Frau und den Kindern - einem Buben (4) und zwei 2019 geborenen Zwillingsmädchen - ist er im Juli nach Unterliederbach gezogen, denn die Höchster Gemeinde hat zwar das Dietrich-Bonhoeffer-Haus, aber keine Pfarrerswohnung mehr: Im Bonhoeffer-Haus sind das Gemeindebüro, das Büro der Gemeindepädagogin, Gemeinderäume sowie Räume des Evangelischen Zentrums für Beratung untergebracht, der frühere Gemeindebesitz an der Hospitalstraße ist an den Regionalverband gegangen und steht leer (wir berichteten). Van Elsberg hofft, dass sich daran bald etwas ändert und der Evangelische Regionalverband einen Investor findet. Derzeit werde darüber nachgedacht, auf dem Gelände in Frankfurt für die Übergangszeit zusammen mit der Caritas ein Wohnprojekt für Obdachlose zu organisieren.

Felix van Elsberg ist der erste Pfarrer in der Familie. "Ich bin nicht einmal großartig christlich aufgezogen worden", sagt er. "Wir haben zu Hause an Ostern nicht über den Kreuztod oder die Auferstehung gesprochen; da kam einfach der Osterhase." Seine Mutter sei Kunsthistorikerin und habe viel christliche Kunst restauriert, der Vater war historisch interessiert, und er habe als evangelisches Kind an katholischen Freizeiten teilgenommen, weil es in seiner Gemeinde keine Angebote gegeben habe. Auch ohne kirchliches Engagement habe er sich in schweren Zeiten durch die Liebe, die ihm entgegengebracht wurde, geborgen gefühlt, und das habe seinen Weg zu Gott bestimmt: "Egal, welches Leid kommt - man ist nie allein."

Christ sein in Frankfurt während Corona: Auch für den neuen Pfarrer eine große Herausforderung

Einen Pfarrer oder Religionslehrer, der ihn zu dieser Laufbahn gebracht hat, habe es nicht gegeben. "Ich wollte die Kraft, die ich in mir spüre, auch weitergeben", sagt van Elsberg. Er habe sich auch für Medizin- und Sozialpädagogik-Studienplätze beworben, sei aber glücklich darüber, dass es Theologie geworden ist - zumal im Studium in Frankfurt und Göttingen vieles kritisch reflektiert worden sei, man nicht auf selbstverständliche Wahrheiten gepocht habe. Grundlegend sei, dass die Gefühle, denen man in der Bibel begegne, noch heute das Leben der Menschen bestimmten. "Damals gab es keine Autos und keine Elektrizität, aber daran hat sich nichts geändert."

Auch am Zuspruch Gottes nicht, findet er - das sei auch in der Corona-Krise so. Man merkt, dass er sich viele Gedanken darüber macht, trotzdem für die Menschen da zu sein. War es richtig, keine großen Gottesdienste mehr anzubieten? Kleine Andachten gab es in der 1800 Mitglieder starken Evangelischen Gemeinde Höchst, und van Elsberg sagt von sich, er habe diese intimere Form des Glaubenserlebnisses sehr genossen. Er könne aber auch verstehen, wenn Menschen die "großen" Sonntagsgottesdienste vermissten. Die Zurückhaltung sei jedoch auch Ausdruck der Nächstenliebe: "Ich habe Menschen beerdigt, die an Corona gestorben sind; andere gehen bankrott." Es sei "leidvoll und schmerzhaft gewesen zu sagen, wir machen unsere Kirche dicht", aber wichtig sei, die Menschen nicht alleine zu lassen.

Frankfurt: Neuem Pfarrer in Höchst stehen viele Premieren noch bevor – wegen Corona

Obwohl er ein halbes Jahr in Höchst in Frankfurt ist, hat er wegen der Corona-Pandemie viele Besonderheiten noch nicht miterlebt, etwa die große St.-Martins-Feier mit Feuer auf dem Höchster Schlossplatz oder auch das Höchster Schlossfest. Allerdings freut er sich darüber, dass es in seiner Gemeinde viele engagierte junge Leute gibt, die sich etwa für die Kirchenvorstandswahlen bewerben, und dass in Höchst auch Muslime in die Kirche kommen und "eine große Offenheit gegenüber dem Christentum haben". Eines ist für ihn wichtig: "Wir glauben alle an den gleichen Gott, nur die Auslegung ist eine andere." (Holger Vonhof)

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