"Wir wissen nicht, ob wir morgen noch gesund und fit sind": Nina Marewski hat sich nach ihrer Erkrankung einen langgehegten Wunsch erfüllt - sie lernt reiten.
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"Wir wissen nicht, ob wir morgen noch gesund und fit sind": Nina Marewski hat sich nach ihrer Erkrankung einen langgehegten Wunsch erfüllt - sie lernt reiten.

Folge-Leiden nach Covid-19-Erkrankung

"Herzrasen, Gliederschmerzen und ein beunruhigendes Ziehen"

  • vonAlexandra Flieth
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Die Frankfurter Autorin Nina Marewski gilt nach ihrer Corona-Infektion als genesen, ist aber nicht gesund. Sie berichtet darüber in ihrem Blog - und viele Leidensgenossen schreiben ihr.

Frankfurt -Dass eine Covid-19-Erkrankung, auch wenn sie einen nur milden Verlauf hatte, zu Spätfolgen führen kann, zeichnet sich immer mehr ab. Die Frankfurter Autorin Nina Marewski, bei der Mitte März Covid-19 diagnostiziert wurde, schreibt in ihrem Blog über Symptome, die sie seit ihrer offiziellen Genesung bei sich beobachtet. Viele Betroffene, die ähnliche Erfahrungen machen, haben sich bei ihr gemeldet. Sie alle gelten zwar als genesen, gesund sind sie aber nicht.

"Zwei Monate danach traten Symptome wie Herzrasen, Gliederschmerzen, einschlafende Hände und Füße und manchmal so ein beunruhigendes Ziehen in den Beinen auf. Außerdem Schweiß in der Nacht und extreme Müdigkeit", beschreibt es Nina Marewski. Büschelweise seien ihr zudem die Haare ausgegangen, was sie belastet habe. "Die Symptome kamen und gingen. Manche davon waren im Labor nachweisbar wie kurzfristig erhöhte Schilddrüsenwerte oder Blasen- und Bindehautentzündung, andere nicht", sagt sie. Aktuell gehe es ihr gesundheitlich gut, auch der Haarausfall gehe zurück. "Mir scheint, als sei mein Körper durch das Virus noch in Abwehr- und Alarmbereitschaft."

Träume nicht länger aufschieben

Trotzdem versucht Nina Marewski der ganzen Situation auch etwas Positives abzugewinnen: "Die Nachwirkungen kommen aus heiterem Himmel und klingen meist nach ein bis Tagen wieder ab. Ich nehme das mittlerweile hin und genieße die beschwerdefreien Tage umso mehr", betont sie. "Ich würde fast sagen, ich empfinde mein Leben als noch ein bisschen glücklicher als zuvor, ich schiebe Träume nicht mehr auf, tue, wonach ich mich fühle, nehme zum Beispiel Reitstunden und habe eine wiedererwachte Freude am Schreiben."

Die Frankfurter Autorin ist von Anfang an offen mit ihrer Covid-19-Erkrankung umgegangen, hat auf Facebook geschrieben, wie sich die Symptome bei ihr zeigten und wie ihr Körper reagierte. Ihr Eintrag vom März wurde mehrere Tausend Male geteilt. Auch jetzt sind die Sozialen Medien und vor allem ihr Blog für sie eine Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu teilen, sich mit Betroffenen auszutauschen und aufzuklären.

"Wir beobachten, dass kaum ein Thema unsere Gesellschaft so spaltet, wie die Beurteilung der Gefahr durch Covid-19", sagt sie. "Jeder liest und hört die Nachrichten und Meldungen, welche die eigene Meinung untermauern. Gegenteiliges wird bekämpft oder bestenfalls ignoriert", fasst sie ihre Eindrücke zusammen. Corona sei in ihren Augen weder die todbringende Seuche, der jeder zum Opfer falle, noch ein grippaler Infekt. "Es ist ein sehr ansteckendes, bis dato unbekanntes Virus, das den Körper auf vielen Ebenen angreifen kann."

Mittlerweile häuften sich die Meldungen von Patienten mit sogenanntem "milden" Verläufen, die unter den unterschiedlichsten und zum Teil lebensbedrohlichen Nachwirkungen litten. "Mir erscheint es enorm wichtig, dass so viele Betroffene wie möglich ihre Erfahrungen schildern. Die daraus gewonnenen Informationen sind unerlässlich dafür, das Virus besser zu verstehen und irgendwann behandeln zu können."

Dass es dieses Bedürfnis nach Austausch gibt, zeigt sich auch an den Reaktionen auf ihren Blog, den sie zu dem Thema verfasst hat. "Allein auf Facebook wurde der Beitrag 500 000 mal gelesen, auf meinem Blog 30 000 mal abgerufen", sagt Marewski. "Einige bedankten sich einfach, weil ich ihnen aus der Seele gesprochen habe, weil sie dasselbe erleben. Sehr viele schilderten, dass sie sich allein gelassen und nicht ernst genommen fühlen von Ärzten, aber auch vom gesellschaftlichen Umfeld."

Andere Betroffene hätten ihr von der eigenen Krankengeschichte erzählt. "Da ist zum Beispiel Susanne, die seit April nur mit Mühe und Not die Treppe in den zweiten Stock schafft, aber einen Termin beim Lungenfacharzt erst für Februar 2021 bekommen konnte."

Eine andere Frau habe ihr geschrieben, stellvertretend für eine Gruppe von 13 Freunden, die sich auf einer Geburtstagsparty infiziert hatten: Sie litten unter teils schwerwiegenden Folgen wie Herzrhythmusstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Verlust von kognitiven Fähigkeiten bis hin zum Ausfallen der Fußnägel. "Nicht zu vergessen, der junge Mann, der die Erkrankung kaum spürte, aber zwei Monate später eine Lungenembolie erlitt."

Ihr Vorschlag: Alles Wissen in Kompetenzzentren sammeln

Nina Marewski wünscht sich, dass zentral vernetzte, ambulante Nachsorgezentren in Krankenhäusern eingerichtet werden - möglichst in jeder Großstadt. Kompetenzzentren, wo Erfahrungen und Wissen gesammelt und gebündelt werden, wo Menschen nach ihrer Erkrankung ganzheitlich untersucht und therapiert werden können.

Und sie wünscht sich, dass sich diejenigen, die skeptisch sind und die Krankheit nicht so ernst nehmen, für die Schilderungen der Betroffenen öffnen und einen Blick in die Länder wagen, die nicht so glimpflich davon gekommen sind. "Noch sind wir in Deutschland in der glücklichen Lage, uns frei bewegen zu können, die Infektionszahlen sind moderat, das Ansteckungsrisiko scheint relativ gering. Eine Freiheit, die wir ganz schnell verspielen, wenn wir jetzt zu ungeduldig sind und die Abstandsregeln nicht wahren, in vollen Urlaubsfliegern sitzen oder gar auf Party-Tour gehen", so Marewski. Der Verzicht von heute könne uns die Freiheit von morgen sichern. Und niemand wisse, was im Herbst und Winter auf uns zukommen wird.

Hier geht's zum Blog

www.ninamarewski.com

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