Angelique Dreher-Volz verkauft auf die Straße.
+
Angelique Dreher-Volz verkauft auf die Straße.

Corona

Hoffnung bei den Händlern in Frankfurt: Erste Reaktionen auf mögliche Corona-Lockerungen

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
    schließen

Ministerpräsident Volker Bouffier will die Maßnahmen gegen Corona stufenweise lockern. Die Frankfurter Geschäftsleute und Gastronomen begrüßen den Vorstoß.

Frankfurt - Die Zahl der Ansteckungen mit Corona sinkt in Hessen nicht mehr, sie steigt sogar wieder leicht an. Trotzdem hat unter den Bundesländern ein Wettbewerb der Öffnungsszenarien begonnen. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) will nicht zurückstehen. Er kündigte bei einer Wahlveranstaltung an, dass Außengastronomie am 1. April wieder öffnen kann und Einzelhändler ab 4. März - dem Tag nach der nächsten Corona-Konferenz der Ministerpräsidenten - ihr "Click und Meet"-Konzept ausweiten dürfen.

"Ich hoffe, das ist kein Aprilscherz", sagte Madjid Djamegari vom Gibson Club, Chef der Initiative Gastronomie Frankfurt. "Der Bund und die Länder entwickeln alle Gedanken für die Wiederöffnung, auch Hessen. Das ist gut." Der jetzt im Raum stehende Vorschlag Bouffiers sei ein richtiger Schritt, aber: "Es kommt auf den Standort an. Manche haben nur kleine Außenflächen. Die Öffnung muss sich rechnen." Djamegari denkt an die Gastronomen, die keine Außenbewirtschaftung betreiben: "Wir brauchen einen Stufenplan, wie es weitergeht. Ich hoffe auf einen genaueren Fahrplan."

Corona in Frankfurt: Bouffier entwickelt Stufenplan – „Ein kleiner Lichtblick“

Beim Einzelhandel wird der jüngste Vorstoß ebenfalls begrüßt. "Es ist ein kleiner Lichtblick", sagt Ernst Schwarz, Vorsitzender der Frankfurter Gewerbevereine. Gerade in den Stadtteilen gebe es viele kleine Geschäfte mit oft nicht mehr als zwei oder drei Kunden gleichzeitig. "Da wäre auch die Einzelbetreuung möglich, die Bouffier jetzt ermöglichen möchte." Die Händler könnten ja je einen Kunden hereinlassen. "Es ist eine Chance, die wir nutzen sollten", so Schwarz. "Die Ansteckungsgefahr im Lebensmittel-Discounter ist mit Sicherheit größer", und alle sehnten sich nach Normalität.

Bouffiers Vorschlag: Mit "Click und Meet" könnten Kunden bei den Händlern einen Termin vereinbaren, um dann beispielsweise beim Schuhkauf die Ware anzuprobieren. Ein Kunde im Geschäft, ein Händler, sonst nichts, was eine Infektionsgefahr darstellt. Joachim Stoll, Sprecher der Frankfurter Einzelhändler, findet: "Es ist ein Anfang!" Er sieht darin eine Chance für Händler, die hochwertige Dinge verkaufen. "Ich könnte mir vorstellen, zwei Verkäuferinnen in einer Textilboutique können es so machen. Auch für uns, die wir Lederartikel und Koffer anbieten, wäre es eine Möglichkeit für Kunden, Reparaturen etc. zu beauftragen." Stoll kann sich nicht vorstellen, "wie das Kaufhof machen soll oder jemand, der von der Vielzahl der Kunden lebt." Er sieht den Vorschlag als ersten Schritt, "besser wäre allerdings die Öffnung unter Hygienebedingungen."

Geschäfte in Frankfurt: Gemischte Reaktionen auf Vorschläge von Bouffier zu Corona

Bei den Einzelhändlern in Frankfurt ist die Stimmung gemischt. Gudrun Spieske, Inhaberin der Bastelkiste in Höchst, sieht in dem Vorschlag keine Perspektive: "Für mich lohnt sich das nicht. Die Leute kommen ja, um zu bummeln. Ich weiß nicht, wie lange sie brauchen. Ich kann nicht alle zehn Minuten einen neuen Termin vereinbaren."

Angelique Dreher-Volz von der Boutique Oska am Schweizer Platz wundert sich über den Vorschlag, nur mit einzelnen Kunden Kontakte zu pflegen: "Das machen wir doch schon lange!" Bei ihr rufen Kundinnen an, bestellen nach Online-Katalog, sie selbst sucht die Ware und packt die Tüten, und die Kundinnen holen es an der Tür ab. "Ich weiß ja, wann sie kommen." Der Unterschied wäre mit dem "Click und Meet"-Vorschlag des Ministerpräsidenten, dass die Kundinnen die Dinge gleich im Laden anprobieren könnten. Ansonsten: Alles wie gehabt.

Bei Aries Fashion auf der Berger Straße wäre Nives Vidicek sehr froh, wenn die Idee Realität würde: "Auch wir verkaufen so seit Dezember die Produkte. Aber wenn wir jetzt bald die Kundinnen zum Anprobieren reinlassen dürften, wäre das super. Ein erster Schritt zur Öffnung!"

Corona in Frankfurt: Fallzahlen steigen wieder leicht

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Frankfurt lag gestern bei 57,1, am Dienstag bei 54,7, und am Mittwoch der Vorwoche bei 51,4 - der steigende Trend ist bundesweit. Volker Bouffier will wegkommen davon, stur auf diese Zahlen zu starren. Bei der Wahlkampfrede argumentierte er: Die alten Menschen seien bald alle geimpft, die Krankenhäuser nicht überlastet. Man dürfe die Einzelhändler und die Staatsfinanzen nicht ruinieren. (tjs)

Kommentar: Höchste Zeit für mehr Normalität

Die Dinge ändern sich. Festhalten an Dogmen ist nie gut, wenn die Dinge sich ändern. Das Dogma von der Inzidenz 50 - oder gar 35 - hatte eine Berechtigung, als die gefährdete Gruppe der Hochbetagten noch nicht ausreichend geschützt war. Inzwischen laufen die Impfungen. 1400 Senioren über 80 Jahren kommen täglich ins Impfzentrum in Frankfurt. Der Versorgungsnotstand konnte abgewendet werden.

Und um ehrlich zu sein: Die Kommunen hatten in den vergangenen Monaten wahrlich genug Zeit, das Know-how in den Gesundheitsämtern aufzustocken. Inzwischen helfen dort Medizinstudenten aus und Bundeswehrsoldaten. Die Zahl möglicher Nachverfolgungen von Infektionen müsste längst höher sein als 50 - und das nicht nur in Frankfurt. Da ist es nun auch richtig, das Dogma der 50 über Bord zu werfen und zu einer vorsichtigen, verantwortungsvollen Normalität zurückzukehren. Niemand will jetzt Discotheken oder Clubs wieder öffnen - noch nicht. Aber die Apfelweinkneipe, der Biergarten und die kleinen Läden um die Ecke, sie sollen wieder für uns da sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare