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Der Großteil des 74 Hektar großen Industriegeländes am Griesheimer Mainufer ist bebaut. Viele Gebäude stehen leer.

Nach dem Ende von WeylChem in Griesheim

Gibt es eine Zukunft für den Industriepark Griesheim? 

Nach dem Aus von WeylChem im Industriepark Griesheim ist eine Diskussion um die Zukunft des Geländes entbrannt. 

Frankfurt - Die Ankündigung von WeylChem, ihre chemische Produktion im Industriepark Griesheim „so bald wie möglich“ einzustellen und schon im Juni die Griesheimer Produktion bei der Tochter Allessa zu schließen, hat viel Staub aufgewirbelt. Sofort wird spekuliert, welche Auswirkungen das für Griesheim und für den Industriepark hat. Dabei geht es auch um die im vergangenen Jahr getroffene Vereinbarung zur Seveso-Richtlinie, die den Abstand zwischen neuer Bebauung und Industrie regelt: Fiele die chemische Produktion weg, sei diese Abstandsregel hinfällig, und längst aufgegebene Projekte wie etwa der Bau eines Gymnasiums Nied (an der Mainzer Landstraße) könnten wieder aufgegriffen werden. 

WeylChem geht- was passiert mit dem Industriepark Griesheim?

Übersehen wird dabei, dass mit dem Ende der WeylChem- und Allessa-Produktion die Grundlage für die Anwendung der Seveso-Richtlinie keinesfalls wegfällt: Zwar endet damit nach 163 Jahren die chemische Produktion im früheren Werk Griesheim, das als „die Chemisch“ bekannt wurde, doch gibt es dort immer noch ein von Infraserv Logistics betriebenes Gefahrgutlager, das für die Anwendung der Seveso-Richtlinie relevant ist. 

Infrasite Griesheim, die Betreiberfirma des Industrieparks Griesheim, ist eine Tochter von Infraserv Höchst, der Betreiberfirma des Industrieparks Höchst. Zwar war Infrasite zuletzt nicht gerade erfolgreich, was die Gewinnung neuer Mieter auf dem 74 Hektar großen Areal angeht, doch laufen die Bestrebungen weiter. Das Problem: Das Gelände erstickt geradezu an seinen Altlasten und hat nach dem „Rosenmontagsstörfall“ von 1993 einen extrem beschädigten Ruf. Von der S-Bahn-Linie sichtbar etwa sind die „Griesheimer Alpen“, eine hochtoxische und mit einer dünnen Erdschicht überzogene Aufschüttung von Chemierückständen aus anderthalb Jahrhunderten. 

Schweizer Unternehmen Clariant ist an einer Zukunft des Industrieparks interessiert

Die Schweizer Clariant als Grundstückseigentümer – hervorgegangen aus dem Hoechst-Erbe – ist an der wirtschaftlichen Rentabilität des Geländes interessiert – und hält ihre Mieter. So hat die SGL Carbon etwa ihre Kathodenfabrik in Griesheim vor drei Jahren geschlossen, aber steckt in einem gültigen Erbbaurechtsvertrag, aus dem Jahr 1967. Dessen Laufzeit beträgt 99 Jahre. Das heißt: Clariant bekommt bis 2066 von der SGL Pachtzinsen. SGL hat untervermietet: Auf dem Gelände stehen fabrikneue Autos. 

Bereits 2015 wurde die Idee der Zürcher PQ Energy vorgestellt, im Industriepark Griesheim ein Gasturbinen-Reservekraftwerk zu bauen, das nach dem Kohleausstieg die Stromversorgung sichern soll, wenn Windräder, Solar- und Biogasanlagen nicht liefern sollten. Die Entscheidung wird mit Spannung erwartet. 

Klar ist: 134 Arbeitsplätze bei WeylChem und 37 bei Allessa werden aus Griesheim verschwinden. Angekündigt hat WeylChem, den Beschäftigten Jobs in anderen Niederlassungen im Rhein-Main-Gebiet zu offerieren.

Stadt: "Frankfurt braucht Industrieflächen" 

Begehrlichkeiten hinsichtlich einer Zurücknahme der Seveso-Abstandsregelung erteilt Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD), erst einmal eine Absage: „Wir haben eine Vereinbarung hinsichtlich Seveso mit jedem der Industrieparks, auch mit Griesheim, und die gilt – das heißt, die Abstände bleiben gewahrt.“ Ob und wann WeylChem ihre Schließungsankündigung umsetze, sei nicht absehbar: „Die Stadt hat den Industriepark Griesheim nie infrage gestellt, und das ist nicht nur ein Lippenbekenntnis gegenüber der Wirtschaft. Frankfurt braucht Industrieflächen.“ Werde die chemische Produktion eingestellt, sei darüber zu reden, wie die Fläche neu genutzt werden könne. 

Politiker wollen aus Industriepark Griesheim einen Gewerbepark machen

Für Ursula Schmidt, Sprecherin der Bürgerinitiative Griesheim, war das absehbar: „Wir haben schon 2015 davor gewarnt, dass das damals von WeylChem neu gebaute Braunkohlestaubkraftwerk nicht gebraucht wird.“ Ortsvorsteherin Susanne Serke (CDU) will mit ihrer Fraktion absprechen, wie mit einem Antrag auf die Entwicklung reagiert werden könne – auch hinsichtlich der Seveso-Regelung. Thomas Schlimme, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Ortsbeirat 6 und seit langem ein Verfechter der Forderung, aus dem Industriepark Griesheim einen Gewerbepark zu machen, sieht jedoch neue Perspektiven für Griesheim und Nied. Für Planungsamtssprecher Gellert aber ist klar: „Das Gelände im Industriepark ist keine freie Fläche.“ 

Grüne und SPD haben bereits in der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats einen Runden Tisch zur Zukunft des Industrieparks gefordert. Ursula Schmidt will, dass Vertreter des Grundstückseigentümers Clariant, aber auch der SGL Carbon, zum nächsten Gesprächskreis der Nachbarn des Industrieparks Griesheim eingeladen werden. Der Termin steht noch nicht: Für Ende April wird die Entscheidung erwartet, ob das Reservekraftwerk von PQ Energy nach Griesheim kommt. Dann würden die Karten neu gemischt. 

von Holger Vonhof

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