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Stopp! Schulen, Kitas und Vereine ermuntern Kinder, deutlich ihre Grenzen aufzuzeigen.

Prävention

Wie werden Kinder in Hessen vor Missbrauch geschützt?

In den vergangen Jahren gab es ständig neue Meldungen über aufgedeckte Missbrauchsfälle. Welche konkreten Schutz-Maßnahmen wurden in Hessens Kirchen, Vereinen, Schulen und Kitas getroffen? Wir haben nachgefragt. 

Frankfurt -  „Nicht alleine und niemals hinter verschlossenen Türen“ – diese Handlungsanweisung würde man wohl nicht direkt mit einer Kinder- und Jugendfreizeit in Verbindung bringen. Aber genau in diesem Zusammenhang steht sie. Es ist eine Regel in vielen Institutionen, die Freizeiten für Kinder und Jugendliche veranstalten: Betreuer dürfen mit Minderjährigen nicht alleine und schon lange nicht alleine in einem geschlossenen Raum Zeit verbringen. Die Missbrauchsskandale haben nicht nur großes Leid über die Opfer gebracht, sondern auch Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche betreuen, tief erschüttert. Deshalb finden schon seit einigen Jahren grundsätzliche Paradigmenwechsel statt. 

Eine Umarmung zum Trost in der Kita oder eine Hilfestellung im Schulsport sind nicht mehr uneingeschränkt selbstverständlich. Was früher in Schulen, Kitas und Vereinen normal war, wird heute hinterfragt. Die Eltern sind misstrauisch geworden. 

Institutionen, in denen Kinder und Jugendliche von Erwachsenen betreut, geschult oder beaufsichtigt werden, stehen unter Druck – und vor allem im Fokus der Öffentlichkeit. Sowohl die katholische und evangelische Kirche als auch Sportvereine und Schulen haben Konzepte entwickelt, die Missbrauch verhindern sollen. Sie sollen aber auch Transparenz schaffen und Eltern Ängste nehmen. 

Evangelische Kirche: "Es ist wichtig, dass wir gut kommunizieren"

Wer Verantwortliche im Sektor Kinder- und Jugendarbeit befragt, trifft auf Menschen, die sich umfangreich mit dem Problem des Missbrauchs Minderjähriger auseinandergesetzt haben. Sie sprechen offen und reflektiert über das Thema. So zum Beispiel Piet Henningsen, Geschäftsführer des Evangelischen Jugendwerkes Hessen, und der evangelische Stadtjugendpfarrer in Frankfurt und Offenbach, Christian Schulte. Beide haben sich Gedanken gemacht und ziehen Konsequenzen. „Wir sind nicht per se in Frage gestellt, aber es ist wichtig, dass wir gut kommunizieren, dass wir immer verantwortungsvoller mit Kindern und Jugendlichen umgehen“ sagt Piet Henningsen. 

Im Stadtdekanat Frankfurt und seinen Kirchengemeinden gibt es seit 1. Januar 2017 ein einheitliches Präventions- und Kinderschutzkonzept. Es wird außerdem ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtungserklärung eingefordert. Christian Schulte sagt zum Präventions- und Kinderschutzkonzept: „Wir hatten natürlich Sorge, dass mit der Einführung des erweiterten Führungszeugnisses einige ,Teamer‘ (Jugendgruppenleiter) abspringen würden, aber ganz im Gegenteil: Sie betrachten es als selbstverständlich.“ Doch damit nicht genug: Jeder Mitarbeiter, der eine Jugendgruppe oder Freizeit leitet, muss außerdem eine spezielle Ausbildung absolvieren, in welcher der Kinderschutz thematisiert wird. Darüber hinaus gibt es in jeder evangelischen Kirchengemeinde im Stadtdekanat Frankfurt einen Kinderschutzbeauftragten. Auch das ist eine Konsequenz der Vielzahl an aufgedeckten Missbrauchsfälle. 

Auch bei den ganz Kleinen hat die evangelische Kirche neue Konzepte entwickelt. „Bevor wir einem Kind einen feuchten Waschlappen ins Gesicht drücken, fragen wir das Kind, ob es den Mund abgewischt haben will“, sagt Sabine Herrenbrück, Leiterin des Fachbereichs Kindertagesstätten der Evangelischen Kirche Hessen Nassau (EKHN). In Hessen Nassau werden in den evangelischen Kitas Kinderschutzkonzepte und Verhaltenskodexe erstellt. Außerdem existiert eine Fachberatung Kinderschutz. An diese kann jede Form von Grenzüberschreitung im Umgang mit den Kita-Kindern in der EKHN gemeldet werden. 

Allgemein seien die Mitarbeiter der Kitas aufmerksamer geworden: „Wo man früher bei einer Kollegin weggeguckt hätte, wird heute anders reagiert“, sagt Herrenbrück. Kinder sollen in Kitas lernen, ihre Grenzen wahrzunehmen und zu verteidigen. Der evangelische Stadtjugendpfarrer in Frankfurt und Offenbach stellt bei den Jungen und Mädchen schon eine positive Veränderung fest: „Die Bereitschaft der Kinder, ein klares ,Nein’ zu signalisieren, ist gestiegen“. 

Katholische Kirche: "Wir haben viel gelernt"

In der katholischen Kirche, in der besonders viele Fälle von Kindesmissbrauch aufgedeckt wurden, hat sich ebenfalls Vieles getan. So zum Beispiel im Bistum Limburg. Hier arbeiten 172 speziell für die Prävention ausgebildete Fachkräfte. Zusätzlich wurden alle Pfarrer in der Prävention von sexuellem Missbrauch geschult. Wer mit Kindern arbeiten will, muss wie im evangelischen Stadtdekanat Frankfurt ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtungserklärung vorlegen. „Wir haben viel gelernt“, sagt der Pressesprecher des Bistums Limburg, Stephan Schnelle. Im Bistum existiert eine Koordinationsstelle, die für die Prävention von sexualisierter Gewalt zuständig ist. Schutzkonzepte, wie sie in den Kitas der EKHN existieren, werden auch in den Pfarreien, Verbänden und Einrichtungen des Bistums erstellt. Stephan Menne, Präventionsbeauftragter und Leiter der Koordinationsstelle Prävention vor sexualisierter Gewalt im Bistum Limburg, stellt fest, dass die Aufmerksamkeit für die Präventionsarbeit allgemein gestiegen sei. Außerdem werden laut Menne Präventionsmaßnahmen immer öfter eingefordert. Dies zeige sich zum Beispiel bei Kinder- und Jugendfreizeiten: „Es gibt vermehrt Rückfragen zur konkreten Prävention, zu Schulungen von Gruppenleitern und Teilnehmern sowie Abläufen vor Ort“. 

Schulen: Thema Missbrauch ist fester Bestandteil der Sexualerziehung

Wie aber sieht es in den hessischen Schulen aus? Schließlich tritt Kindesmissbrauch in unterschiedlichen Kontexten auf und ist kein Thema, das allein die Kirche betrifft. Das Thema Missbrauch sei mittlerweile fester Bestandteil der schulischen Sexualerziehung, so Stefan Löwer, Sprecher des hessischen Kultusministeriums. Dies geschehe zum Beispiel in Form von interaktiven Theaterstücken für acht- bis zwölfjährige Kinder. Diese Theaterstücke sind Teil der „Trau dich!“-Initiative gegen sexuellen Kindesmissbrauch. Darüber hinaus unterstützt das Kultusministerium Hessen seit 2017 die Bundesinitiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ und hat zwei Studien über „Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher“ durchgeführt. 

Sportvereine: Es gibt "Verhaltenskodexe"

Viele sehen auch beim Sport eine besondere Gefährdung. Denn etwa beim Turnen ist bei der Hilfestellung zwischen Kindern und Trainern Körperkontakt nicht zu vermeiden. Angelika Ribler, Ansprechpartnerin für Kindeswohl in der Sportjugend Hessen, sieht sexuellen Missbrauch von Kindern trotzdem nicht als spezifisches Problem von Sportvereinen. Übergriffe können überall dort auftreten, „wo Machtgefälle und Abhängigkeiten bestehen“. 

Um dem entgegenzuwirken, hat sich auch die Sportjugend Hessen verstärkt dem Kinder- und Jugendschutz gewidmet. Im Jahr 2017 seien 70 Seminare zur Prävention sexualisierter Gewalt für Mitarbeiter und ehrenamtlich Engagierte angeboten worden. Die Nachfrage nach Prävention und Beratung in konkreten Fällen sei laut Ribler gestiegen. Immer mehr Sportvereine hätten mittlerweile einen Ansprechpartner für das Kindeswohl. Außerdem existieren in vielen Vereinen „Verhaltenskodexe“. Ribler zufolge sei Präventionsarbeit wichtig und müsse gefördert werden. Dennoch solle ihrer Auffassung nach eine gewisse Unbeschwertheit bewahrt werden: „Eine Umarmung muss bei einem Sieg noch möglich und normal sein“.

von Astrid Theil

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