Einer der 14 in Bergen-Enkheim zerstörten Hochsitze, die für die Jagd auf Wildschweine erforderlich sind.
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Einer der 14 in Bergen-Enkheim zerstörten Hochsitze, die für die Jagd auf Wildschweine erforderlich sind.

Sachbeschädigung

Hessen: Tierschützer fällen 100 Hochsitze – „Politisch motivierte Kriminalität“

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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In Hessen fällen Tierschutzaktivisten Hochsitze. Auch Schwanheim und Bergen-Enkheim in Frankfurt sind betroffen. Nun ermittelt die Polizei und Staatsanwaltschaft.

  • Tierschutzaktivisten knöpfen sich Hochsitze vor.
  • 100 davon in Hessen sind betroffen.
  • Die Hochsitze stehen auch in Schwanheim und Bergen-Enkheim in Frankfurt.

Frankfurt -Jagdeinrichtungen sind ein Ziel von Attacken selbst ernannter Tierschützer. Sie haben in Bergen-Enkheim zugeschlagen und Hochsitze zerstört. "Am 9. Juni waren es zwölf und am 26. Juni noch einmal zwei Kanzeln", berichtet der Jagdpächter von Bergen-Enkheim. "Wir werden sie nicht ersetzen, denn dies ist eine Kette ohne Ende." Die Schadenshöhe beziffert er mit 8000 Euro.

Das Zerstörungswerk: Die Täter schlugen in mehreren Trupps zeitgleich zu und zerstörten im Bergen-Enkheim benachbarten Maintal-Bischofsheim die Ansitze der Jäger. "Bei uns", sagt der Jagdpächter, "waren es in einer Nacht, binnen weniger Stunden, zehn umgesägte und zwei angezündete Hochsitze. Es war schon trocken, das Feuer hätte auf der Enkheimer Wiese um sich greifen können." Die Feuerwehr hat den Brand gelöscht.

Tierschützer fällen Hochsitze in Hessen: Mit brachialer Gewalt vorgegangen

Die Täter sind mit brachialer Gewalt vorgegangen. Wo sie nicht sägen konnten, haben sie die Metall-Leitern verbogen. "Es ist jetzt alles unbrauchbar", sagt der Pächter. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, weil er fürchtet: "Die Täter müssen aus der engeren Umgebung sein. Ich will nicht, dass meine Familie oder ich auch noch persönlich attackiert werden."

Es ist eine konzertierte Aktion, die in Hessen im Februar mit der Zerstörung von 42 Hochsitzen im Stadtwald begann. Auf 20 000 Euro beziffert Dr. Tina Baumann, die Leiterin der Abteilung Stadtwald im Grünflächenamt, den Schaden im Bezirk Schwanheim/Goldstein.

In Mittelbuchen/Wachtenbuchen bei Hanau fielen 14 Hochsitze, im Juni dann in Bergen-Enkheim und Maintal-Bischofsheim zusammen 27. Anfang Juli waren die Forste von Rüsselsheim und der Gemeinde Trebur mit 16 Jagdständen betroffen. Zuletzt wurde in Hainburg im Kreis Offenbach ein Hochsitz umgelegt. Bislang sind es in Hessen 100 Hochstände. Die Schadenssumme beläuft sich auf rund 50 000 Euro.

Tierschützer fällen Hochsitze in Hessen - Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln

Wer verantwortlich ist für die Zerstörungen, ermitteln zurzeit Polizei und Staatsanwaltschaft. Oberstaatsanwältin Nadja Niesen bestätigte: "Wir ermitteln wegen Sachbeschädigung gegen Unbekannt." Es gibt Spuren. So hinterließen die Täter in Bergen-Enkheim Graffiti mit der Aufschrift "ALF". Das Kürzel kann für "Animal Liberation Front" stehen - dieser Name wurde einmal sogar ausgeschrieben. ALF ist eine 1976 gegründete, konspirative Organisation. Das FBI in den Vereinigten Staaten von Amerika gruppiert sie als terroristische Organisation ein.

ALF besteht aus anonymen Kleingruppen, die sich untereinander nicht kennen und eigenmächtig handeln. Die Pressearbeit in Deutschland übernimmt eine Organisation namens "Die Tierbefreier". Deren Ortsgruppe wiederum nennt sich "Animal Liberators Frankfurt" - was sich gleichfalls mit ALF abkürzt. Zu erreichen war gestern bei den Tierbefreiern niemand.

Tierschützer fällen Hochsitze in Hessen: „Politisch motivierte Kriminalität“

Die Polizei ermittelt nicht wegen Sachbeschädigung, sondern wegen "politisch motivierter Kriminalität". Zuständig ist das Staatsschutzkommissariat.

"Im Nachhinein", sagt der Jagdpächter in Bergen-Enkheim, "fügt sich alles zu einem Bild." So seien in Jagdrevieren immer vor einem Angriff Spaziergänger weitab von Wegen beobachtet worden. Der Pächter glaubt: "Sie suchen Hochsitze und speichern die GPS-Daten." Anders sei kaum möglich, dass die Trupps nachts die Hochsitze finden. Er glaubt zudem: "Das muss abgesprochen sein, da müssen mehrere Trupps sich die Arbeit aufteilen." Es würde viel zu lange dauern, zwölf oder gar 20 Hochsitze in einer Nacht zu zerstören.

„Gesetzliche Pflicht, Wild gemäß den Forderungen der Naturschutbehörden zu schießen“

Der Sprecher des hessischen Landesjagdverbands, Markus Stifter, erläutert: "Wir haben die gesetzliche Pflicht, Wild gemäß den Forderungen der Naturschutzbehörden zu schießen. Dieser Pflicht kann man in den betroffenen Revieren kaum noch nachkommen." So kündigt auch der Jagdpächter in Bergen-Enkheim an, künftig mit mobilen Hochständen auf die Jagd zu gehen - kleineren, zusammenklappbaren Leitern, die man an einen Baum lehnen kann. Allerdings: Es ist unbequem. "Bei der Jagd auf Schwarzwild müssen wir im Winter oft stundenlang im Hochsitz warten."

Das gehe nur in einer Kabine, die vor der Witterung schützt. "Es wird schwieriger, die Wildschweine zu dezimieren", resümiert der Jäger. Er glaubt, dass Feldschäden bei den Bauern zunehmen und auch Wildunfälle in Bergen-Enkheim wieder häufiger werden. Zuletzt ist deren Zahl dank der intensiveren Bejagung gesunken. "Hoffentlich kommen keine Menschen zu Schaden." (Thomas J. Schmidt)

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