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Prof. Lothar Schrod, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Höchst, möchte zwar keine Panik machen. Trotzdem sagt er, dass es in Frankfurt und in Hessen zu wenige Betten an den Kliniken gibt.

Keine Kapazitäten mehr

Ärzte und Betten fehlen: Frankfurter Kinderkliniken am Limit

Im Winter sind besonders viele Kinder krank. Weil Kapazitäten fehlen, ist nicht garantiert, dass alle Mädchen und Jungen stationär behandelt werden können.

Frankfurt - Es fehlen in Frankfurt nicht nur Kinderärzte, es fehlen auch Betten an den Kinderkliniken  – und es fehlen Pflegefachkräfte. Das signalisierte jetzt Prof. Lothar Schrod, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Höchst, in einem Gespräch mit dieser Zeitung.

Normal sei es in Winterwochen, wenn besonders viele Kinder an teils schweren Infektionen erkrankten, dass sich eine oder mehrere der 15 Kinderkliniken in Hessen von Tag zu Tag von der Versorgung abmelden müssten, weil die Klinik belegt sei und sie keine weiteren Kapazitäten mehr hätten (Auch in Bad Homburg soll es in der Klinik eine Kinderstation geben – doch die lässt auf sich warten). Die Meldungen erfolgen in Echtzeit über das Online-Portal Ivena (steht für Interdisziplinärer Versorgungsnachweis), wo etwa niedergelassenen Ärzte sowie Leitstellen für den Rettungsdienst Informationen erhalten, welches Krankenhaus für welche Abteilung Aufnahmekapazitäten hat oder wo sie ausgeschöpft sind. Gestern Mittag zeigte Ivena: Die Kinderklinik Höchst kann noch kleine Patienten versorgen.

Belegung der Betten in einer Kinderklinik eine besondere Herausforderung

128 Betten stehen dort für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen bereit. 20 bis 28 Betten seien für die Kinderchirurgie vorgesehen, sagt Schrod. Sind gerade nicht 20 oder mehr frisch operierte Kinder zu versorgen, könnten bei Bedarf die chirurgischen Betten auch für Kinder mit anderen Erkrankungen genutzt werden. Jedoch sei die Belegung gerade in der Kinderklinik oft eine besondere Herausforderung. Schrod: „Jeder kann sich vorstellen, dass in ein Zimmer, in dem Neugeborene in Inkubatoren behandelt werden, nicht ein Bett für einen Achtjährigen oder eine Zehnjährige dazugestellt werden kann.“ Besonders kompliziert werde es, wenn sich die Anzahl der Kindern mit isolierpflichtigen Erkrankungen wie etwa Influenza oder Infektionen des Magen-Darmtraktes häuften, bei denen nicht nur der Betreuungsaufwand höher sei, sondern auch die räumlichen Anforderungen besonders seien.

In anderen Frankfurter Kinderkliniken war übrigens gestern Mittag laut Ivena Aufnahmestopp – etwa im Clementine-Kinderhospital (Ostend).

„Sowohl das Clementine Kinderhospital wie auch die Kinderchirurgie am Bürgerhospital sind gut ausgelastet, jedoch nicht überlastet“, kommentierte auf Anfrage Wolfgang Heyl, Geschäftsführer der beiden Kliniken. Zu Verlegungen komme es aber „so gut wie nie“. In der Klinik für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin am Bürgerhospital kämen indessen durchaus Verlegungen in andere Krankenhäuser vor. Heyl: „Jedoch ist dies nicht allzu häufig der Fall. Das kommt vor allem dann vor, wenn wir mehrere Mehrlingsgeburten gleichzeitig haben, und die Kinder in der Neonatologie versorgt werden müssen, oder wenn ein Neugeborenes an einer seltenen Erkrankung leidet, auf die ein anderes Zentrum spezialisiert ist.“

Es herrscht Personalmangel in den Frankfurter Kinderkliniken

Aufgrund von Personalmangel seien Verlegungen bisher noch nicht notwendig geworden. „Wobei wir einen großen Aufwand betreiben, um frei werdende Stellen zu besetzen“, ergänzt Wolfgang Heyl. Über Art und Umfang dieses Aufwands gab sie keine Auskunft.

Alarmstufe Rot gestern bei Ivena auch für die Kinderklinik des Universitätsklinikums. Als Maximalversorger ist die Uniklinik eigentlich zur Aufnahme und Versorgung jedes zugewiesenen Patienten verpflichtet. Die Realität sieht offenbar anders aus.

„Bei saisonal bedingten Fallzahlsteigerungen“, teilt die Pressestelle des Hauses mit, würden „unter Umständen Kinder mit weniger spezifischen Erkrankungen gelegentlich von uns an andere Kinderkliniken weitergeleitet.“ Dies sei „eine im strukturierten Versorgungssystem vorgesehene Vorgehensweise“. Umgekehrt übernehme die Uniklinik „regelhaft komplex erkrankte Kinder aus anderen Einrichtungen“.

Nicht zuletzt aufgrund der in der Kinderklinik des Uniklinikums Frankfurt angebotenen Spezialisierung, zum Beispiel in den Bereichen Hämato-Onkologie, Stammzelltransplantation, Pneumologie und Allergeologie, Intensivmedizin und Neonatologie, Kardiologie und Neurologie sei die Auslastung schon mit elektiven, das heißt geplant zur Diagnostik oder Behandlung aufgenommenen Kindern, hoch. Mitarbeiter für die Versorgung der Kinder fehlten nicht. Alle drei hier genannten Häuser planen Aus- oder Neubauten mit einer höheren Anzahl an Betten für die Versorgung kranker Kinder. Der Neubau des Clementine Kinderhospitals soll 2022 fertiggestellt sein. Das Klinikum Höchst wird bei Eröffnung des Neubaus im Jahr 2020 mehr Betten für Kinder und Jugendliche vorhalten. Zehn zusätzliche Betten wird es an der Uniklink geben.

Fehlplanung anhand der überholten Annahme zur Geburtenrate: Kinderkliniken am Limit angekommen

Ob das die Lösung des Engpasses bei der Versorgung kranker Kinder ist, bezweifeln selbst Fachleute. Die Bettenzahlerhöhung erfolge aufgrund zeitlich weit zurückliegender Bedarfserrechnung, klagt eine Kinderchirurgin an der Uniklink, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Wir haben schon mit Riedberg und Europaviertel zwei neue Stadtteile, außerdem reichlich Zuzug und planen schon den nächsten Stadtteil, dürfen aber im Neubau nur zehn zusätzliche Betten planen. Das ist Fehlplanung anhand der überholten Annahme zur Geburtenrate. Wir verlegen derzeit regelmäßig Kinder, weil wir keine Betten haben.“

Die Forderung nach mehr Betten unterstützt Prof. Schrod. Er differenziert aber: „Eine echte Engstelle ist die Zahl der Intensivbetten für Kinder.“ Und er gibt einen weiteren kritischen Punkt zu bedenken: „Mehr Betten ziehen den Bedarf an mehr Personal nach sich.“ Ausreichend qualifizierte Kindergesundheits- und krankenpflegekräfte und Spezialpflegekräfte für Neonatologie und Kinderintensivpflege in ausreichender Zahl seien aber gar nicht auf dem Arbeitsmarkt.  Mit der jüngsten Reform der Krankenpflegeausbildung, die keinen Unterschied mehr mache zwischen Alten- und Krankenpflege, verschärfe sich das Problem in der Versorgung kranker Kinder.

VON SYLVIA A. MENZDORF

Kommentar von Sylvia A. Menzdorf: 

Es gibt, glaubt man Klinikärzten und Krankenpflegepersonal, in Frankfurt keine ausreichenden Kapazitäten, um zumindest in Spitzenzeiten alle kranken Kinder, die der stationären Behandlung bedürfen, angemessen zu versorgen. Das ist gerade für Eltern ein beunruhigender Befund. Die Vorstellung, dass etwa ein Achtjähriger statt in seiner Heimatstadt Frankfurt an ein Kinderkrankenhaus in Gießen oder Kassel verwiesen wird, ist für die betroffene Familie allein schon wegen der logistischen Herausforderungen ein Albtraum.

Ein wesentliches Problem ist, dass die Bedarfsplanung in den Kliniken stets nach hinten gerichtet ist, indem man Geburtenzahlen der zurückliegenden Jahre und andere schon zurückliegende Parameter heranzieht. In einer prosperierenden Stadt wie Frankfurt müsste man aber vorausschauend planen, man müsste vielmehr die Prognosen im Blick haben. Denn Frankfurt wächst. Es werden mehr Kinder geboren. Es ziehen weitere Menschen nach Frankfurt. Es gibt zwei neue Stadtteile. Un ein dritter ist schon in der Planung.

Wer Kliniken für die 2020er Jahre baut, müsste das auf dem Radar haben, um stets das gewährleisten zu können, was das hessische Krankenhausgesetz aufgibt: die bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung.

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