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Umfrage mit alarmierendem Ergebnis: Hessische Kliniken bauen trotz Pandemie Stellen ab

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Von: Sarah Bernhard

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Zwei Jahre Pandemie, die Belastung in den Klinken ist dauerhaft hoch, gleiches gilt aber auch für den Kostendruck. Viele Krankenhäuser haben laut dem Marburger Bund Hessen deshalb zuletzt Arztstellen abgebaut.
Zwei Jahre Pandemie, die Belastung in den Klinken ist dauerhaft hoch, gleiches gilt aber auch für den Kostendruck. Viele Krankenhäuser haben laut dem Marburger Bund Hessen deshalb zuletzt Arztstellen abgebaut. © Fabian Strauch/dpa

Obwohl gerade während der Corona-Pandemie jede medizinische Arbeitskraft benötigt wird, bauen viele Kliniken in Hessen Stellen ab. Das geht aus einer Umfrage hervor. Experten schlagen Alarm.

Frankfurt – In einer Umfrage des Marburger Bunds Hessen (MBH) unter rund 1000 Hessischen Krankenhausärzten gab mehr als die Hälfte der Mediziner an, dass 2021 in ihrer Klinik Arztstellen abgebaut wurden oder in diesem Jahr abgebaut werden sollen. "Das sind alarmierende Zahlen", sagt Christian Schwark, Neurologe am Krankenhaus Nordwest und Vorsitzender des MBH. Eine personelle Unterbesetzung bedrohe "nicht nur akut, sondern auch langfristig die Patientenversorgung".

Frankfurt scheint etwas besser wegzukommen, als es die Umfrageergebnisse nahelegen: In sieben der dreizehn Frankfurter Kliniken (Krankenhaus Sachsenhausen, Bürger- und Clementine Kinderhospital, Rotkreuz-Kliniken, Klinikum Höchst und Uniklinik) wurden in den vergangenen beiden Jahren keine Stellen abgebaut, in fünf gibt es laut Auskunft der Pressestellen auch keine Pläne dafür. Im Klinikum Höchst und in den Rotkreuz-Kliniken wurden sogar punktuell neue Stellen geschaffen. Der Träger des Markuskrankenhauses wich der Frage aus, die übrigen Kliniken ließen die Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet.

Krankenhäuser in Hessen: Offene Stellen sind schwer zu besetzen

Und wie sieht es mit der Personalausstattung in puncto Ärzte grundsätzlich aus? Das DGD Krankenhaus Sachsenhausen beschreibt diese als "angemessen und seit vielen Jahren stabil". Henry Schäfer, Ärztlicher Direktor des Bürgerhospitals, sagt: "Die Personalsituation im Medizinischen Dienst ist insgesamt sehr gut - trotz aktuell einiger offener Stellen." Dass die Stellen nicht besetzt würden, liege nicht am Sparzwang, sondern am Fachkräftemangel. Die Stellenplanung sei langfristig angelegt, trotz Pandemie. "Das ist nachhaltiger und wirkt sich positiv auf die Personalstruktur aus."

Das Höchster Klinikum beschreibt seine Personalsituation als "gut": "Die Zahl der Arztstellen ist in den Jahren 2020 und 2021 leicht gestiegen. So können wir die Regelungen des Arbeitszeitgesetzes für Arbeitszeiten und Bereitschaftsdienste in der Dienstplanung einhalten." Auch die Geschäftsführung der Rotkreuz-Kliniken hält die Zahl der Ärzte für "bedarfsgerecht und angemessen".

Kliniken in Hessen: Einnahmen der Krankenhäuser fallen durch Corona weg

Die übrigen Häuser ließen die Frage nach der Personalsituation unbeantwortet, das Markuskrankenhaus verweist darauf, dass es "2020 und 2021 im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 einen Leistungsrückgang verzeichnen" musste, da "elektive Leistungen zurückgefahren" wurden und "immer mehr Leistungen ambulant erbracht" würden. Das bedeutet: Genau die Dinge, mit denen Krankenhäuser Geld verdienen, fielen größtenteils weg.

Da das Markuskrankenhaus ein konfessionelles Krankenhaus sei, könne es nicht auf Staatshilfen hoffen. Deshalb habe die wirtschaftliche Nachhaltigkeit "höchste Priorität", "um die Versorgung der Menschen in der Region dauerhaft sicherzustellen". Auch die Rotkreuz-Kliniken verweisen darauf, dass die Pandemie die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser "deutlich verschlechtert" habe, weshalb "grundsätzlich auch Personalausgaben auf dem Prüfstand" stünden.

Krankenhäsuer in Hessen während Corona: Überstunden sind an der Tagesordnung

Anders als beim Pflegepersonal gibt es bei den Medizinern keine personelle Untergrenze. Auch die geltenden Arbeitsschutzgesetze werden immer wieder umgangen. "Opt-out-Erklärung" nennt man dieses Vorgehen, bei dem der Arzt, oft bereits bei der Einstellung, einwilligt, freiwillig mehr als die gesetzlich durchschnittlich erlaubten 48 Stunden pro Woche zu arbeiten. Von bis zu 58 Stunden pro Woche ist die Rede. Nur das Krankenhaus Sachsenhausen sowie Bürger- und Clementine Kinderhospital bestätigen, dass es diese Praxis bei ihnen nicht gibt.

Doch selbst ohne Opt-out seien Überstunden keine Seltenheit. "Das wissen alle, es wird aber in den meisten Fällen nicht dokumentiert", sagt Schwark. "Die überlangen Arbeitszeiten und Dienstbelastungen führen dazu, dass viele Kolleginnen und Kollegen sich wie im oft zitierten Hamsterrad fühlen." Mehr als 36 Prozent der vom Marburger Bund Befragten dächten deshalb über eine "Flucht in die Teilzeit" nach, "33 Prozent planen sogar den Arbeitsplatz Krankenhaus ganz zu verlassen".

Kliniken in Hessen: Personal muss für Notfallversorgung vorgehalten werden

Diese Belastung geht nicht nur auf Kosten der Ärzte, sondern auch der Patienten: Rund 80 Prozent der befragten Ärzte halten die ärztliche Personalausstattung schon jetzt für nicht ausreichend, um eine gute Patientenversorgung zu gewährleisten, und ihnen so viel Zeit zu widmen, wie nötig wäre. "Das ist in hohem Maße beunruhigend", sagt Schwark. Denn wenn noch mehr Ärzte kündigten oder in Teilzeit wechselten, verschlechtere sich die Situation weiter. "Hessens Krankenhäuser wiederholen im ärztlichen Bereich die Fehler, die zum aktuellen Pflegemangel geführt haben."

Sowohl die Verantwortlichen als auch die Politik lasse die Warnungen aus der Ärzteschaft kalt, urteilt Schwark: "In den meisten Diskussionen kommen derzeit die Ärztinnen und Ärzte nicht vor. Das frustriert die Kolleginnen und Kollegen." Aus Sicht des Marburger Bundes müssten auch Ärzte aus dem fallbasierten Abrechnungssystem herausgenommen werden, bei dem der Klinik nicht der tatsächliche Bedarf erstattet wird, sondern das pro Fall eine festgelegte Pauschale vorsieht. Das Personal im Krankenhaus müsse immer vorgehalten werden, um die Notfallversorgung sicherzustellen, nicht nur pro Fall, sagt Schwark. Außerdem, so der Verbandsvorsitzende weiter, müssten die Länder "endlich Investitionen in Gebäude und neue Geräte vollständig übernehmen".

Aktuell deckten die Zahlungen der Länder nur etwa die Hälfte der Kosten. "Daher werden notwendige Investitionen entweder zurückgestellt oder aus Mitteln finanziert, die für den laufenden Betrieb gedacht sind", sagt Schwark. Eben auch fürs Personal. Das sei nicht im Sinne der Ärzte - und damit auch nicht im Sinne der Patienten. (Sarah Bernhard)

In den kommenden Monaten können in Hessen Millionen Corona-Impfzertifikate ablaufen.

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