In einem ehemaligen Fotostudio an der Darmstädter Landstraße hat Christian Neureuther (li.) seinen Fontana-Boxklub aufgemacht. Hier trainiert er gerade mit Asa Watson, einem Trainer und Ex-Footballprofi der "Dallas Cowboys" und "Patriots".
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In einem ehemaligen Fotostudio an der Darmstädter Landstraße hat Christian Neureuther (li.) seinen Fontana-Boxklub aufgemacht. Hier trainiert er gerade mit Asa Watson, einem Trainer und Ex-Footballprofi der "Dallas Cowboys" und "Patriots".

Hier findet jeder seine Form - auch innerlich

  • VonKatja Sturm
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Christian Neureuther bietet in seinem Fontana-Klub viel mehr als nur Boxen und Sport.

Sachsenhausen. Die großen schwarzen Boxsäcke, die neben der Trainingsfläche an hohen Metallgestellen hängen, weisen auf den ersten Blick darauf hin, welch schweißtreibendem Tun man sich hier widmet. Doch ansonsten erinnert in dem ehemaligen Fotostudio in einem Sachsenhäuser Hinterhof einiges eher an ein Yogastudio als an ein Kampfsportzentrum. Lounge-Musik klingt aus den Lautsprechern, in einer Ecke an der Wendeltreppe, die nach oben führt, ist ein Pflanzenarrangement aufgebaut, und der sanfte Duft von Weihrauch liegt in der Luft.

Sich wohl- und willkommen fühlen, als Teil einer Gemeinschaft empfinden und etwas für den eigenen Körper tun, was das Leben verändern könnte - so ließe sich die Philosophie zusammenfassen, die Christian Neureuther mit seinem Fontana-Klub (fontana-klub.com) verfolgt. Seit diesem Jahr unterbreitet der 47-Jährige das Angebot in der Darmstädter Landstraße 17-19. Etwa 45 Leute haben es bisher angenommen und zahlen Monatsbeiträge ab 80 Euro; etwa doppelt so viele könnten es sein, um das Sport-Geschäft für den Initiator in ein wirtschaftliches zu verwandeln und dennoch die individuelle Betreuung in den gemischten Kleingruppen nicht zu gefährden.

Der harte Fight, der unerbittliche Konkurrenzkampf, der brutale Wettbewerb - all das ist hier nicht gefragt, obwohl es neben Pratzentraining durchaus auch Sparring, also Duelle gegeneinander, gibt. Boxen dient hier vielmehr als Ablenkung vom oft stressigen Alltag, dem Formen des Körpers nach Jahren berufsbedingter Vernachlässigung und im besten Falle einer Rückbesinnung auf einen gesünderen Lebensstil. "Es geht vor allem um Mindset", sagt Neureuther. "Sport kann so viel Kraft geben."

Der frühere Art-Director und Adidas-Manager hat das selbst erfahren. Als Jugendlicher spielte er Fußball, träumte von einer Profikarriere und blieb doch in den unteren Ligen hängen. "Im Beruf verliert man sich dann", sagt der studierte Kommunikations- und Medienspezialist. Freizeitaktivitäten würden immer hintenangestellt. Sport gehört nicht mehr wie selbstverständlich zum Alltag. Man verliert in jeder Hinsicht an Form.

In den berühmten mittleren Jahren fing er selbst erst mit Krav Maga an, wandte sich von dieser Art von Selbstverteidigung aber wieder ab, weil er nicht mit den Füßen kämpfen wollte, und knüpfte Kontakte in die Boxszene. Seine spätere Idee, einen Platz zu kreieren, wie er seinen eigenen Vorstellungen entsprach, aber untypisch für die Disziplin erscheint, traf unter anderem bei Daniel Tischer, dem Präsidenten des Hessischen Boxverbandes, auf positive Resonanz.

Heute besitzt Neureuther eigene Trainerlizenzen und beschäftigt noch zwei weitere Kräfte: den früheren NFL-Footballer Asa Watson, der einfach bei ihm im Studio hereinschneite, und den aus Mailand stammenden Marokkaner Nizar Bikti, den er mal im Nachbarhof trainieren sah und ansprach. "Wir sind mit Sicherheit nicht besser als andere", sagt Neureuther. "Aber wir sind anders." Elemente von Yoga und Pilates fließen in die Einheiten ein.

Die Räumlichkeiten, in denen man noch den "kreativen Geist" der Vergangenheit spüre, verdankt Neureuther seinem mehr als sechs Jahre währenden und jetzt auslaufenden Engagement bei der populären Sportartikelfirma. Dort war der gebürtige Mannheimer für die "Runners Frankfurt" zuständig, die die Räume noch als Hub nutzen. Doch er selbst hat sie bereits übernommen und die Ausstattung nach eigenem Gusto ergänzt.

Die Zeit des Lockdowns wurde mit Personal Training überbrückt, so dass die Fitnesswilligen weiter versorgt waren. Über das Süd-Projekt, eine freie Kirche, die den Boxklub einmal in der Woche für Gottesdienste nutzt, gibt es auch eine Jugendgruppe.

Noch finanziert Neureuther sich mit anderen Jobs. "Aber ich glaube an das Konzept" und daran, dass er irgendwann davon leben kann. Katja Sturm

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