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Generationswechsel beim Notmütterdienst: Mona Damian (rechts) übernimmt von ihrer Mutter Ingrid Damian.

Notmütterdienst

„Hier kann ich Menschen helfen“

Der Notmütterdienst hilft bundesweit, wenn sich Eltern – aus welchen Gründen auch immer – nicht um ihre Kinder kümmern können. Gegründet haben ihn die Eltern von Ingrid Damian, Anfang Februar hat sie die Geschäftsführung an ihre Tochter Mona übergeben. Ein Gespräch über die Nöte der Mütter früher und heute und die Work-Life-Balance im Familienbetrieb.

Alle wichtigen Posten beim Notmütterdienst sind mit Damians besetzt, hier in Frankfurt arbeiten Sie beide schon seit Jahren eng zusammen. Redet Familie Damian auch noch über etwas anderes?

INGRID DAMIAN: Seit meine Tochter Geschäftsführerin ist, verweist sie mich regelmäßig auf die Bürozeiten. Früher habe ich nicht gemerkt, dass ich die Arbeit mit nach Hause trage, als ich mit meiner Mutter zusammengearbeitet habe, war das normal. Jetzt wollen wir das ändern, weil man nicht ständig übers Büro sprechen kann, wenn man privat zusammensitzt. Ich glaube, das läuft auch schon ganz gut.

MONA DAMIAN (grinst): Ja ja.

War denn von Anfang an klar, dass Sie in die Fußstapfen Ihrer Mutter treten?

MONA DAMIAN: Eigentlich wollte ich erst mein eigenes Ding machen und habe Jura studiert. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die Arbeit als Anwältin nicht unbedingt immer schön ist, zum Beispiel, wenn man Straftäter verteidigen muss. Hier kann ich Menschen helfen, das ist was Gutes, das ich ohne schlechtes Gewissen machen kann. Also habe ich zu Soziologie gewechselt und meinen Master in Sozialmanagement gemacht. Und das war das Richtige.

Hat sich die Arbeit des Vereins seit der Gründung verändert?

INGRID DAMIAN: Ursprünglich haben wir Familien mit Kindern angesprochen, weil das auch bei uns das Problem war: Mein Vater war oft im Krankenhaus, meine Mutter war mit den drei schulpflichtigen Kindern alleine, und es gab weit und breit niemand, der hätte einspringen können, damit sie ins Krankenhaus fahren kann. Also hatten meine Eltern die Idee, ein bundesweites System zu entwickeln: Ältere Damen, die wieder Zeit haben, sollten quer durch die Republik reisen und da helfen, wo sie gebraucht werden. Als die Pflegeversicherung eingeführt wurde, kam langsam die Seniorenbetreuung dazu. Jetzt ist das Verhältnis 50 zu 50. Heute zahlen die Krankenkassen auch mehr als früher.

Die Situation ist also besser geworden?

INGRID DAMIAN: Es gibt auf jeden Fall mehr Möglichkeiten. In den 60ern war es noch üblich, dass Kinder in Heimen untergebracht werden, heute ist das nicht mehr so häufig.

Gibt es Schwierigkeiten, die geblieben sind?

INGRID DAMIAN: Manchmal finden wir in Notsituationen keinen Kostenträger. Wenn Kinder krank sind, können wir aber nicht warten, bis die Kostenzusage auf dem Tisch liegt.

MONA DAMIAN: Rechtlich gesehen hat man pro Jahr zehn Tage Urlaub, wenn das Kind krank ist. Aber mein Sohn zum Beispiel war letztes Jahr mindestens 20 oder 30 Tage krank. Wenn man keine Eltern oder Nachbarn hat, die einspringen können, ist man aufgeschmissen.

Und dann ruft man Sie an und sagt: Ich brauch’ mal einen Babysitter?

MONA DAMIAN: Nein, ein echter Notdienst sind wir nicht. Manchmal geht es innerhalb von ein paar Stunden, aber in der Regel dauert es ein bis zwei Tage, bis wir die passende Betreuung gefunden haben.

INGRID DAMIAN: Meistens hat man für kleine Lücken ja auch Möglichkeiten. Aber sobald es sich hinzieht, erlahmt die Hilfsbereitschaft, etwa von Nachbarn.

Ist es für Mütter gesellschaftlich akzeptiert, eine solche Hilfe anzunehmen?

MONA DAMIAN: Seit ich Mutter geworden bin, kann ich besser nachvollziehen, dass es schwierig ist, sein Kind einer fremden Person zu überlassen. Ich für mich kann mir das schwer vorstellen.

INGRID DAMIAN: Das geht aber jeder Mutter so. In der Regel melden sich Mütter auch nur an uns, wenn alles andere ausgeschöpft ist.

MONA DAMIAN: Die Frage ist ja auch: Was ist das kleinere Übel? Wir wissen, dass unsere Mitarbeiter sich einfühlen können, und das Kind ist zumindest in seiner bekannten Umgebung.

Wer ruft Sie denn normalerweise an?

MONA DAMIAN: Das können Frauen mit gebrochenem Arm sein, wir haben aber zum Beispiel auch viele Mütter mit Krebserkrankungen. Oder uns rufen Berufsgenossenschaften an, wenn ihre Mitglieder einen schweren Unfall hatten und jetzt zum Beispiel im Rollstuhl sitzen.

INGRID DAMIAN: Wir hatten zum Beispiel den Fall einer erblindeten Mutter mit einem schulpflichtigen Bub. Da konnten wir ein Netz von Vertrauten und Bekannten aufbauen, die sich um den Jungen gekümmert haben.

Jeder hat bei seiner Arbeit seinen eigenen Schwerpunkt. Was wird sich beim Notmütterverein künftig ändern?

MONA DAMIAN: Ich lege mehr Wert auf die neuen Medien. Das ist wichtig, denn es gibt immer mehr Start-Ups, die Ähnliches wie wir anbieten und sich ganz anders vermarkten können. Deshalb habe ich mich als erstes darum gekümmert, dass die Homepage ein bisschen moderner wird.

INGRID DAMIAN: Dafür ist ein solcher Generationenwechsel ja auch gut. Und mich entlastet das. Ich freue mich, dass meine eigene Tochter das macht, denn mein Herz hängt an diesem Verein.

MONA DAMIAN: Meines auch.

Ihr Sohn Mateo ist jetzt eineinhalb. Wünschen Sie sich, dass er den Verein später mal von Ihnen übernimmt?

MONA DAMIAN: Nein, er soll machen, was er möchte. Der Verein würde bestimmt auch so laufen.

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