+
?Die Arbeit ist jeden Tag eine andere?: Michael Sroka ist einer von drei hauptamtlichen Ärzten.

Ärzte in der Flughafenklinik

„Hier muss man mit allem rechnen“

  • schließen

Die Flughafenklinik in Frankfurt zählt zu den größten Einrichtungen dieser Art weltweit. Rund 30 000 Patienten suchen sie jährlich auf. Manche bringt die Polizei: Dann handelt es sich um Schmuggler – und die liefern unglaubliche Röntgenbilder.

Ein Röntgenbild nach dem anderen hält Dr. Michael Sroka vor das Sichtgerät. Hell zeichnet sich die Wirbelsäule vor dem dunkel dargestellten Gewebe ab. Das erkennt der Laie noch. Doch dann wird es schwierig. Mal ist neben der Wirbelsäule ein weißer großer Fleck auszumachen, mal kleine, regelmäßig verteilte Punkte.

Sogar die Silhouette von sieben Coladosen im Darm sind bei genauerem Hinsehen zu entdecken. Und immer haben die Bilder etwas mit Schmugglern zu tun. Mal wurde Gold geschluckt und geschmuggelt, mal mit Kokain gefüllte Kondome oder eben Getränkedosen. „Nahezu täglich schicken die Bundesbehörden uns mutmaßliche Drogenkuriere zum Röntgen vorbei“, sagt Michael Sroka.

Der 43-Jährige ist einer von drei hauptamtlichen Ärzten in der Frankfurter Flughafenklinik – die größte der Welt. Bestätigt sich der Verdacht, wird den Kurieren ein Abführmittel verabreicht und sie kommen in Untersuchungshaft.

Das Durchleuchten verdächtiger Personen ist aber nur eine Aufgabe der Flughafenärzte. Rund 30 000 Menschen suchen jährlich die Notfallambulanz im Erdgeschoss des Terminals 1 auf, die rundum die Uhr besetzt ist. Neben den drei festen Ärzten sind dort 15 Arzthelferinnen und Krankenschwestern, 80 Rettungsdienstmitarbeiter sowie 15 Fachärzte, die nachts und am Wochenende im Einsatz sind. Und sie haben alle Hände voll zu tun. Immerhin sind sie nicht nur für die medizinische Versorgung der Fluggäste oder Besucher verantwortlich sondern auch für die rund 78 000 Flughafenangestellten und die Mitarbeiter der Airlines.

„Hier muss man grundsätzlich mit allem rechnen“, sagt der Mediziner. So erinnert sich der gelernte Anästhesist, der seit fünf Jahren am Flughafen tätig ist, an eine Frau aus Amerika, die direkt vor der Zollkontrolle ihr Baby auf die Welt brachte. „Das Kind war da, bevor ich vor Ort war“, sagt der Arzt. „Sie wollte unbedingt weiterfliegen und nicht ins Krankenhaus, nachdem die Nabelschnur abgetrennt war. Doch diesen Wunsch konnte ich beim besten Willen nicht erfüllen.“ Solche Fälle sind aber natürlich nicht an der Tagesordnung.

Am Empfang nehmen die Arzthelferinnen die Patienten auf. Im Wartebereich flimmern die aktuellen Nachrichten über einen Fernsehbildschirm. Ein junger Mann wartet dort, dass er dran kommt. Im Gegensatz zu vielen anderen, die noch dringend ihren Flug erwischen müssen, hat er es aber nicht eilig. Sein Flug geht erst in ein paar Wochen. „Ich fühle mich gesund, will aber wissen, ob ich gesundheitlich und körperlich fit bin, um für das Technische Hilfswerk im Afrika zu arbeiten“, erzählt er. Ein Test auf Herz und Nieren sowie Impfungen warten auf ihn. Sroka sagt: „Die meisten kommen aber mit Husten, Schnupfen oder Durchfall zu uns.“ Andere suchen die Ambulanz auf, weil sie sich verletzt oder ihr Medikament zu Hause vergessen haben und noch schnell ein Rezept brauchen, etwa wenn sie an Bluthochdruck oder Asthma leiden.

„Wir machen hier aber nur die Erstversorgung wie ein Hausarzt in seiner Praxis und versorgen etwa eine Platzwunde. Bei schlimmeren Erkrankungen oder Verletzungen werden die Patienten in ein Krankenhaus der Umgebung überwiesen.“ Deshalb sei der Begriff „Klinik“ auch eigentlich irreführend, sagt Sroka. Stationär, sprich: über Nacht wird niemand aufgenommen. Früher, da habe man auch selbst operiert. Zwei OP-Räume, die jetzt „Eingriffsräume“ genannt werden, zeugen noch heute davon. In einem steht mittlerweile ein Ultraschallgerät. Denn ausgestattet ist die Flughafenklinik wie eine klassische Notaufnahme.

Es gibt sieben Behandlungskabinen, ein Labor, zwei Isolationsräume sowie einen Quarantäneraum. Letzteres weist darauf hin, dass die Klinik auf alle Eventualitäten vorbereitet ist, ist der Flughafen doch ein internationales Drehkreuz, wo es nicht ausgeschlossen ist, dass Menschen mit hoch ansteckenden Infektionskrankheiten landen. Deshalb sind die Ärzte auch mit in das Katastrophenmanagement und die Krisenintervention. Außerdem fungiert die Klinik als Außenstelle des Frankfurter Gesundheitsamts. „Wird an Bord eines Flugzeuges etwa ein mit Ebola infizierter Passagier identifiziert, sind wir die Ersten, die an der Maschine sind und übernehmen die medizinische Erstversorgung“, sagt Sroka.

Was in einem solchen Fall gemacht wird, welche Prozesse in Gang gebracht werden müssen, wird regelmäßig geübt. Die Schutzanzüge, die die Ärzte und Krankenschwestern anziehen müssen, um sich nicht anzustecken, liegen in einem großen Einbauschrank. Eine Bedienungsanleitung haftet an der Tür. Aber auch bei Massenunfällen kommen die Ärzte zum Einsatz. So mussten sie nach dem verheerenden Tsunami 2004 in Thailand binnen weniger Stunden 750 Menschen versorgen, die in Frankfurt landeten und zum Teil nur mit einer Badehose bekleidet waren.

Und so kann Michael Sroka sagen: „Die Arbeit am Flughafen ist jeden Tag eine andere. Man weiß nie, was auf einen zu kommt. Die Herausforderungen sind größer als in einer herkömmlichen Klinik oder Praxis, auch wenn ein Herzinfarkt ein Herzinfarkt bleibt.“

Im kommenden Jahr muss das Team der Notfallambulanz seine Räume erst einmal verlassen. Die Klinik wird ausgelagert. Das aus den 80er Jahren stammende Gebäude soll saniert werden. Wo die Ärzte dann unterkommen, ist noch nicht sicher. Fest steht: Sie werden weiter ihre Patienten behandeln, denn wegzudenken sind sie nicht mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare