Zwei Männer und eine Lebensaufgabe: Torben Zick (l.) und Sepp Baumeister, die in fast jeder freien Minute einen 27 Jahre alten Volvo restaurieren. FOTO: rüffer
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Zwei Männer und eine Lebensaufgabe: Torben Zick (l.) und Sepp Baumeister, die in fast jeder freien Minute einen 27 Jahre alten Volvo restaurieren.

Frankfurter Tüftler

Hier schweißt Nachbarschaft zusammen

  • VonSabine Schramek
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Wie ein Rallye-Traum zum nicht enden wollenden Bastel-Projekt wurde

Die Nachbarn Sepp Baumeister und Torben Zick hatten einen Traum. Den Traum, mit einem mindestens 20 Jahre alten Wagen bei einer Rallye 7500 Kilometer weit in 16 Tagen von Hamburg durch Skandinavien über den Polarkreis nach St. Petersburg zu fahren. Doch in einer kleinen Garage kam alles anders.

Volverine und das Blech

"Raupe Nimmersatt", stellt Sepp Baumeister (55) trocken fest. "Hydra", hält Torben Zick (53) dagegen. Gerade haben sie Lochfraß entdeckt. Nicht von einem zukünftigen Schmetterling oder einem vielköpfigen Ungeheuer, sondern an ihrem kantigen weißen Polar-Volvo 940. Weder der Kommunikationschef einer Unternehmensberatung noch sein Kumpel, der Technischer Architekt bei einem Bahndienstleister ist, sind Autofreaks. Dennoch verbringen sie jede freie Minute an dem Ungetüm, das Baumeisters Tochter Elisabeth (9) "Volverine" nennt. "Wir lachen nur noch. Vor allem über uns selbst und meistens leicht erstickt", erklärt Baumeister und inspiziert im Radlauf das, was er nicht "Rost" nennen möchte. Die beiden Bastler kennen sich, weil sie Nachbarn im selben Mehrfamilienhaus in der Breitlacher Straße sind. "Der Werkzeugkasten in Keller von Torben war es. Als ich den gesehen habe, dachte ich, wir werden Freunde", so Baumeister.

Die Familien trafen sich ab und zu im Hinterhausgarten, die Männer fingen an zu träumen. Die erste gemeinsame Idee war eine Mittsommernachtsparty am Nordkap. Dann hörten sie von der Rallye "Baltic Sea Circle". Der eine fährt zwar lieber Bahn, der andere lieber mit seiner Frau Motorrad. Also sollte ein Auto für die Tour in den nördlichsten Norden her. Der Ehrgeiz: Es sollte mindestens 20 Jahre alt sein und Platz haben für Zwei zum Schlafen.

Fast ein Jahr lang haben sie das Internet durchstöbert auf der Suche "nach dem hässlichsten Auto der Welt. Einem Fiat Multipla", so Zick. "Das hat nicht geklappt, also haben wir das zweithässlichste Auto gesucht - einen Ford Scorpio. Dann haben wir nachgelesen und doch lieber die Finger davon gelassen", so Baumeister.

Und dann tauchte der Volvo mit seinen 323 000 Kilometern auf dem Tacho auf. "Der ist gar nicht hässlich, sondern richtig schön. Praktikabel, kantig und ohne Schickimicki", sind sich die beiden einig und schlagen im März 2020 zu - ohne Ahnung von Autotechnik und Reparaturen. Im Juni wollten sie bei der Rallye dabei sein. Dann kam Corona, die Tour fiel aus. Das Auto blieb. Inklusive aller Macken, die ein altes Auto eben haben kann. "Als erstes habe ich die Ledersitze genäht", erzählt Baumann. "Dann haben wir einfach Teile abgeschraubt. Heute wüssten wir bereits beim Kauf eines Autos, wo man die Schraubendreher zuerst anlegen sollte", meint Zick ein bisschen zynisch und lacht.

Homeoffice bis zum Abwinken hatte beide gestresst. Nach Feierabend spazierten sie zu der kleinen Garage, in der das Auto gerade so Platz findet. "Selbstbewusst bei voller Ahnungslosigkeit" bleiben Schrauben übrig, Teile zerbrachen. "Aber wir hatten Abwechslung vom Lockdown und wir hatten youtube mit Tipps", erzählen sie. Die Bestelllisten für Ersatzteile, Teile aus dem 3-D-Drucker für Werkzeuge und alles Mögliche wurde immer länger. Nach und nach lernten sie, dass es durchaus sinnig ist, sich erst zu informieren, bevor man Teile wie Seitenverkleidungen abmontiert. "Wenn sie draußen ist, ist es leicht. Das merkt man sonst eben erst nach der Zerstörung", frotzelt Baumeister.

Mal Murks, mal Erfolg

Dank Coronafrust haben sie Schweißen an dem riesigen Wagen geübt und gelernt. "Das hat wohl auch unsere Freundschaft weiter zusammengeschweißt", meint Zick und schiebt es "nicht zuletzt auf das gemeinsame alkoholfreie Bier nach völligem Murks oder Erfolgen".

Auch der zweite Rallye-Anlauf ist geplatzt. "Der Veranstalter hat im März eine Mail geschickt, dass sie die Tour trotz Corona machen wollen. Völlig bescheuert, weil es täglich 1000 Tote gab", so Zick, der "dann nicht sehr diplomatisch geantwortet hat". Jetzt warten sie auf die Rückzahlung der Startgebühr. "Wenn sie kommt, spenden wir sie dem Quartiersmanagement in Rödelheim." Zweifel haben sie allerdings, dass das Startgeld irgendwann zurückgezahlt wird. "Da bräuchten wir einen Anwalt, der das pro bono macht", sagt Baumeister und zuckt die Schultern.

Knapp 2000 Kilometer sind sie allerdings schon mit ihrem Volvo gefahren. "Einmal nach Nürnberg und einmal nach Oldenburg ohne Schaden", sagen sie und lachen. Vor allem weil Baumeisters Sohn Ruben (16) sich einmischte. "Es ist schön zusehen, wie das Auto immer ganzer wird", flachst er. "Wenn ich einmal fliegende Autos reparieren möchte, habe ich hier schon ganz viel Cooles gelernt. Und man könnte ein Buch schreiben mit dem Titel 'Um ein Haar'. Darüber, wie es fast klappt." Die Männer sehen sich an. "Nächstes Jahr fahren wir weg mit dem Volvo. Es muss ja nicht das Nordkap sein. Im Baltikum ist es für die Raupe Nimmersatt alias Hydra alias Volverine auch schön." SABINE SCHRAMEK

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