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Regelmäßig trifft sich die Nachbarschaftshilfe im Gemeindezentrum der Luthergemeinde, um zu beratschlagen.

Seit 25 Jahren eine Anlaufstelle für Arbeitslose und Nachbarn

Hilfe in vielen Lebenslagen

Rund 60 Langzeitarbeitslose nehmen pro Jahr an den offenen Angeboten des Vereins „Hilfe im Nordend“ teil, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Oliver Dietrich ist Rentner, obwohl er erst 45 Jahre alt ist. „Mit meiner Sehbehinderung habe ich keine Perspektive mehr, um einen Wiedereinstieg in meinen Beruf zu finden“, sagt er. Unglücklich hinzu kommen Depressionen nach jahrelangem Mobbing. „Doch bei der Hilfe im Nordend bin ich nicht alleine“, betont er. Und die Sozialrichterin im Ruhestand Hedwig Vogel (71), die ihn und viele Langzeitarbeitslose begleitet, hat immer ein offenes Ohr für Probleme.

Die kostenlose Rechts- und Sozialberatung, die Vogel montags ab 14.30 Uhr anbietet, ist ebenso Standard des Vereins „Hilfe im Nordend“ in der evangelischen Luthergemeinde wie die Hilfestellung bei Bewerbung oder Gemeinschaftsveranstaltungen wie Kochen oder die Organisation von Ausflügen und Museumsbesuchen. Vor 25 Jahren startete der Verein seine Arbeit mit zwei Beschäftigungsprojekten im Hilfs- und Fahrdienst, heute gehört der ehrenamtliche Hilfsdienst für alte und kranke Menschen in der Nachbarschaft zu den wichtigsten gemeinnützigen Angeboten.

Auch Heribert F. hat hier seine Aufgabe gefunden und hilft in der Nachbarschaft beim Einkaufen und der Hausarbeit in der Wohnung. Das gibt ihm das Gefühl, gebraucht zu werden, zudem erhält er hier eine Aufwandsentschädigung von 7 Euro pro Stunde. „Aber solche Tätigkeiten und Entschädigungen müssen bei der Agentur für Arbeit angegeben und gegebenenfalls angerechnet werden, was für Langzeiterwerbslose häufig Schwierigkeiten mit sich bringt“, erklärt Michael Eismann, geschäftsführender Sozialarbeiter der Nachbarschaftshilfe im Nordend. „In solchen Fällen berate ich die Menschen zusammen mit Frau Vogel. Außerdem gehe ich mit ihnen Lebensläufe und Arbeitszeugnisse durch und kann auch Bewerbungsgespräche üben.“

Eismann begleitet die Hilfsangebote bereits seit 1988, noch bevor der Verein in seiner heutigen Form im Mai 1991 gegründet wurde. Hervorgegangen ist er aus einer Erwerbslosengruppe der Luthergemeinde, die Pfarrer Jürgen Schwarz mit dem über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingestellten Sozialarbeitern Eismann und Rose-Maria Konang leitete. So wurde die zum Gemeindezentrum umgebaute Lutherkirche zur festen Heimat.

„Die Luthergemeinde stellt uns dankenswerterweise Räumlichkeiten sowie einen Teil der Logistik kostenlos zur Verfügung“, sagt Eismann. Dort trifft man sich zu Gesprächsgruppen, zum gemeinsamen Kochen, zum Bewerbertraining, aber auch zum Vorbereiten von Ausflügen und nachbarschaftlichen Hilfsprojekten. Rund 55 Prozent der Vereinsarbeit wird aus kirchlich-diakonischen Mitteln, Spenden und Bußgeldern finanziert, 45 Prozent finanziert die Stadt Frankfurt.

Ein Großteil der Erwerbslosen ist über 50 Jahre alt, nur sieben von 52 Frauen und Männern fanden im vergangenen Jahr eine neue Arbeit. Wer wie Masseur Oliver Dietrich mit starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen hat, findet kaum wieder in seinen früheren Beruf zurück. Es gibt aber auch „Lebenskünstler“ wie Harald D., der sich vom unerträglichen Druck lohnabhängiger Erwerbsarbeit befreien und seinen Lebensunterhalt als Künstler verdienen möchte. „Manchmal zeigt er selbst gedrehte Dokumentarfilme bei uns. Jeder ist willkommen, der sich einbringen kann“, sagt Eismann.

Zum zehnten Jubiläumsjahr 1998 diskutierte eine Expertengruppe über neue Perspektiven für Langzeitarbeitslose. Ein Jahr später wurde „Hilfe im Nordend“ mit dem zweiten Preis der Schlegelstiftung für innovative Altenarbeit ausgezeichnet, im Februar 2000 erhielt das durch Gudrun Beck-Kling aufgebaute und von Rose Konang initiierte nachbarschaftliche Netzwerk eines Zeittauschrings vom Ortsbeirat 3 den zweiten Stadtteilpreis.

„Mit Rente, Sozialhilfe und Blindengeld komme ich auf 1500 Euro im Monat, damit geht es mir im Vergleich zu anderen noch ganz gut“, sagt Oliver Dietrich. Doch manchmal, sagt Hedwig Vogel, stoßen die Berater an ihre Grenzen, wenn sie ihren Schützlingen mit Rat und Tat helfen wollen. „Dann brauchen auch wir eine Supervision.“

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