Teachers on the road

Hilfsbereite Deutsche als Lehrer

Viele Bürger helfen derzeit Flüchtlingen, die in Deutschland Schutz suchen. Die Initiative „Teachers on the road“ breitet sich rasch aus: Freiwillige bringen Flüchtlingen Deutsch bei und durchbrechen deren Isolation.

Von Jens Bayer-Gimm (epd)

. Ein kahler Seminarraum an der Universität Frankfurt am Main. „Stellen Sie sich vor!“, fordert Ulrich Tomaschowski eine Handvoll Männer mit dröhnender Stimme auf. „Ich bin Tesfalen Mebrahtu, komme aus Eritrea, bin seit einem Jahr und acht Monaten in Deutschland, wohne in Flörsheim. Ich arbeite auch. Das war alles“, sagt der erste der Teilnehmer in einwandfreiem Deutsch. Dass er dies kann, hat er dem 42-jährigen Gründer der „Teachers on the road“ und seiner freiwilligen Mitarbeiter zu verdanken.

Die Graswurzel-Initiative ist offenbar die Idee zur rechten Zeit: In Trier, Mainz, Ludwigshafen, Worms, Germersheim, Frankfurt, Oberursel und Darmstadt sind lokale Ableger aus dem Boden gesprossen. Tomaschowski kann sich vor Anfragen aus mehreren Bundesländern kaum noch retten. Der in Frankfurt am Main lebende Deutschkurs-Lehrer mit abgebrochenem Germanistikstudium hatte bereits ab 2003 Einwanderer und Spätaussiedler in Trier unterrichtet und ab 2006 auch Flüchtlingen Kurse angeboten. 2013 gab es den geografischen Quantensprung.

Flüchtlinge in mehreren rheinland-pfälzischen Kommunen luden Tomaschowski und einige Mitstreiter in ihre Unterkünfte ein. Diese protestierten bei Behörden gegen Missstände und erfuhren: „Der Deutschunterricht ist Flüchtlingen sehr wichtig, sie wollen mit Einheimischen Kontakt aufnehmen können“, berichtet Tomaschowski. Als Antwort erfand er die „Teachers on the road“. Der Name, angeregt von Jack Kerouacs Bestseller „On the road“ (1957, deutsch: „Unterwegs“), firmiert als attraktive Marke für die Idee, dass Freiwillige Flüchtlinge aufsuchen, sie zu Deutschkursen einladen und ihnen dadurch

Wege in die Gesellschaft

öffnen.

Rund 250 Freiwillige beteiligen sich inzwischen an der Initiative, und die Zahl wächst. Allein in Frankfurt sind es ungefähr 100, die abwechselnd mehrfach in der Woche unterrichten. Schüler, Studenten, Berufstätige und Rentner machen mit. „Ich spende seit Jahren, möchte aber aktiver helfen und selbst etwas in die Hand nehmen“, sagt Stefanie Isken. Die 47-jährige Frankfurter Vertriebsassistentin ist nach ihrer Schnupperstunde „extrem positiv beeindruckt“ von den Lehrern und Schülern der Initiative. „Die freiwilligen Teachers haben schon Enormes geleistet“, lobt sie die Sprachfähigkeiten der Flüchtlinge. Künftig will sie eineinhalb Stunden die Woche mitarbeiten.

Auch die Teilnehmer des Kurses an der Universität loben den Unterricht als „sehr gut“. Sogar ein indischer Informatikstudent kommt regelmäßig aus Darmstadt angereist. Mundpropaganda führt die Asylbewerber zu den Kursen, die dort stattfinden, wo jemand Räume bereitstellt: in einer Kirchengemeinde, einem Gewerkschaftshaus, einer Universität oder in der Unterkunft selbst. Es kommen nach Tomaschowskis Angaben diejenigen, die neu angekommen und motiviert sind, weniger diejenigen, die schon jahrelang auf einen Bescheid warten und einen „Lagerkoller“ haben.

Über die Unterrichtsmethode entscheide jeder Lehrer selbst, erläutert Tomaschowski. Manchmal werden Lehrbücher gespendet. Die Teilnehmer haben höchst unterschiedliche Voraussetzungen. In Frankfurt reicht die Spanne vom Alphabetisierungskurs, in dem die lateinischen Buchstaben vermittelt werden, bis zur Konversation unter wissenschaftlich gebildeten, mehrsprachigen Teilnehmern. Die Kurse legten viel Wert auf den Wortschatz und die Konversation, erklärt der Deutschlehrer. Jede Woche werde ein Thema bearbeitet, beispielsweise das Essen, wie stellt man sich vor, wie trifft man eine Verabredung.

„Die Schüler erwerben ziemlich schnell einen großen Wortschatz. Wenn sie nach einigen Monaten 500 bis 1 000 Wörter gelernt haben, können sie sich relativ gut verständigen“, sagt Tomaschowski. Ein syrischer Flüchtling in Mainz sei nach eineinhalb Jahren Unterricht nun selbst als Lehrer im Projekt tätig. In den Kursen würden die Teilnehmer wertgeschätzt, Freundschaften entstünden. „In einer solchen Atmosphäre lässt es sich gut lernen. Viele der mit positiven Erfahrungen verbundenen Kenntnisse bleiben hängen.“

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