Nationalsozialismus

Wie ein Historiker die "Entjudung" Frankfurts erforscht

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Während der Naziherrschaft waren Frankfurter Juden gezwungen, ihre Villen und Grundstücke an die Stadt zu verkaufen - zu Schleuderpreisen. Wie diese "Arisierung" ablief und um welche Immobilien es dabei ging, war bisher ein Tabuthema. Bis dem Historiker Dieter Wesp eine brisante Liste in die Hände fiel.

Als der Stadtteilhistoriker Dieter Wesp die Geschichte des Luxushotels „Villa Kennedy“, stieß er auf eine bemerkenswerte Lücke in der Frankfurter Geschichtsschreibung. „Im Unterschied zu anderen deutschen Großstädten ist die Arisierung jüdischen Immobilienbesitzes in Frankfurt kaum erforscht“, stellte Wesp fest.

Er wohnt ganz in der Nähe der 1901 erbauten Villa in Sachsenhausen und wollte herausfinden, wie das Wohnhaus einer wohlhabenden Familie mit jüdischen Wurzeln während der NS-Herrschaft in den Besitz der Stadt kam. Im Archiv des Instituts für Stadtgeschichte entdeckte er dabei ein Dokument aus dem Jahr 1945, das ihn aufhorchen ließ: die Miersch-Liste.

Auf 14 Schreibmaschinen-bedruckten Seiten hatte der spätere Baustadtrat Adolf Miersch feinsäuberlich den „Haus- und Grunderwerb der Stadtgemeinde Frankfurt am Main von Juden seit 30. Januar 1933“ aufgelistet. Die Villa an der heutigen Kennedyallee war darauf nur eines von 170 Objekten. „Zusammengerechnet geht es um eine Fläche von 155 Hektar, das entspricht dem Stadtgebiet innerhalb des Anlagenrings“, macht Wesp die Dimension seines Fundes deutlich.

Zwar wurden die Ankäufe damals wohl formal korrekt abgewickelt. Doch der Historiker ist sich sicher, dass in den meisten Fällen viel zu niedrige Preise gezahlt wurden. „Die Stadt hat sich am Immobilien-Besitz verfolgter Juden bereichert. Denn denen blieb meist nichts anderes übrig, als dem Verkauf zuzustimmen“, sagt Wesp. „Wenn sie schon ins Ausland geflohen waren, ist zudem fraglich, ob das angeblich gezahlte Geld überhaupt bei ihnen ankam“, sagt Wesp. „Das diese Vorgänge bisher nicht umfassend aufgeklärt wurden, ist ein schweres Versäumnis.“ Die Stadt habe die moralische Pflicht, dies nachzuholen, denn sie profitiere bis heute von der Immobilien-Arisierung.

Bei der „Villa Kennedy“ kann Wesp exakt vorrechnen, wie hoch dieser Profit war: Die jüdischen Bauherren erhielten 1936 nur 137 700 Reichsmark für das gesamte Grundstück mit Gebäuden. Als Entschädigung kamen 1948 noch 150 000 Mark hinzu. Doch im Jahr 2000 verkaufte die Stadt das Gesamtensemble an einen Privatinvestor – für 18 Millionen Mark.

Adolf Miersch, der unter den Nazis als Obermagistratsrat im Liegenschaftsamt für die „Entjudung des Grundbesitzes“ zuständig war, versuchte nach Kriegsende sein Handeln umzudeuten. Die Stadt „wollte nicht in die Reihe der Aasgeier gezählt werden, die sich am jüdischen Besitz bereicherten“, schrieb er 1945 an den von der US-Militärregierung eingesetzten Oberbürgermeister. „Unsere Aufgabe war es in der Hauptsache zu verhüten, dass der jüdische Grundbesitz zu Schleuderpreisen in die Hand Dritter kam. Diese Aufgabe haben wir trotz der großen Schwierigkeiten infolge versuchter Beeinflussung gradlinig erfüllt.“

Dieter Wesp bezeichnet diese Schilderung als „bewusste Fälschung der tatsächlichen Abläufe“. In seinem Aufsatz „Die Weißwäscher“ wirft er Adolf Miersch vor, „die Rolle der Stadt als Mittäterin bei der Ausplünderung“ verfälscht zu haben. Er habe sie als Institution dargestellt, „die ihre schützende Hand über die betroffenen Juden gehalten habe“. In Wirklichkeit habe Miersch jedoch jüdische Immobilienbesitzer unter Druck gesetzt, um den Kaufpreis möglichst niedrig zu halten.

Im Nachkriegs-Frankfurt stieg der Verwaltungsbeamte zum Baustadtrat auf und gestaltete den Wiederaufbau der zerstörten Stadt maßgeblich mit. Dass er beim Anlegen neuer Verkehrsschneisen wenig Rücksicht auf die historische Bausubstanz nahm, brachte ihm den Titel „Napoleon der Fluchtlinien“ ein. Miersch starb im Dezember 1955. Eine Wohnsiedlung in Niederrad trägt heute noch seinen Namen.

Mierschs Wirken in den 1930er Jahren soll nun tatsächlich genauer unter die Lupe genommen werden. Denn die Frankfurter Grünen haben Dieter Wesps Forderung nach einer gründlichen Aufarbeitung der „Arisierung“ aufgegriffen. CDU und SPD sind damit einverstanden. Die drei Koalitionsfraktionen wollen den Magistrat nun eine Studie vorbereiten lassen. Deren Ziel soll es sein, „die historische Rolle der Stadt Frankfurt und ihrer kommunalen Behörden im Rahmen der Arisierung jüdischer Grundstücke und Immobilien“ umfassend zu beleuchten.

Wer diese Studie erstellen soll, steht noch nicht fest. Dieter Wesp würde sich freuen, daran mitzuwirken. Denn Arbeitsaufwand schätzt er auf sechs Jahre, „für einen Forscher. Wenn mehrere zusammenarbeiten, würde es entsprechend schneller gehen.“ Am Ende, so sein Wunsch, ließe sich für jedes einzelne Objekt dokumentieren, wie die „Arisierung“ ablief und wer davon profitierte. Einige der Immobilien der Miersch-Liste befänden sich immer noch im Besitz der Stadt.

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