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Die Museumsdirektoren Mirjam Wenzel und Jan Gerchow halten eine Wasserfontäne aus dem 18. Jahrhundert in den Händen.

Beutekunst

Historisches Museum gibt neun Exponate zurück

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Das Historische Museum Frankfurt am Main hat neun Exponate mutmaßlichen NS-Raubguts in seiner Sammlung entdeckt und an das Jüdische Museum übergeben. Die Forschung nach der Herkunft und Verwendung erwies sich als sehr schwierig.

Ein einziger Buchstabe kann Aufschluss über die wahre Herkunft eines Zinntellers oder einer Wasserfontäne geben, die zur Handreinigung in Synagogen stand. Denn das „IG“, das auf die Israelische Gemeinde als Ursprungsort für das Museum Jüdischer Altertümer hinweist, wurde lange als „JG“ (Jüdische Gemeinde) missverstanden. Und ein Thorawimpel zum Zusammenbinden der Schriftrollen wurde gar fälschlicherweise als eine christliche Stola gedeutet.

Nach ausgiebigen Forschungen von Jürgen Steen, dem ehemaligen Kurator des Historischen Museums, wurden nun insgesamt neun Exponate aus dem sakralen und alltäglichen Gebrauch des jüdischen Lebens in Frankfurt gestern ans Jüdische Museum übergeben. Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums, sprach von einem symbolischen Akt, der für die gemeinsame Provenienzforschung und Aufarbeitung der Frankfurter Museumsgeschichte während der NS-Zeit steht. Denn beide Museen seien in städtischem Besitz.

Auch das Jüdische Museum sieht die Übergabe als eigene Aufgabe, die Verwendung und den historischen Kontext weiter zu erforschen. So legen etwa die Gravierungen in Halterungen für eine Tora-Krone nahe, dass sie vom Ehepaar Max und Sophie Abele an die Westendsynagoge gestiftet wurden. „Wir sind deshalb auch mit der Jüdischen Gemeinde im Gespräch“, erklärt Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums.

Zu den Sakralgegenständen der kleinen Sammlung zählen zudem eine Schabbat-Lampe, ein Tora-Zeiger, da man die Schriftrolle nicht mit der Hand berühren durfte, sowie besagter Wimpel aus dem 18. und 19. Jahrhundert. „Hierzu konnten wir ähnlich gearbeitete Tora-Wimpel aus Prag als Vergleich heranziehen“, sagt Wenzel. Neben dem Teller und einer Schüssel aus Zinn dürfte ein festliches barockes Damenkostüm mit Streublumenmuster und dem Vermerk „aus jüdischem Besitz“ aus dem familiären Gebrauch stammen.

Alle Objekte stammen aus den Sammlungen des Museums für Jüdische Altertümer, das in der Fahrgasse war und in der Pogromnacht 1938 verwüstet wurde. Teile dieser Sammlungen wurden in das Historische Museum vom damaligen Direktor und späteren Direktor des Museums für Kunsthandwerk Ernstotto zu Solms-Laubach überführt. Hannah Arendt, die sich nach dem Krieg systematisch mit dem nationalsozialistischen Raub jüdischer Kulturgüter beschäftigte, sichtete im Historischen Museum 18 Kisten und zwei goldene Becher und traf auf einen Direktor, der froh war, die Sachen „retten und zurückgeben zu können“,sich offenbar keiner Schuld bewusst war.

Das lässt Wenzel aber nicht gelten, spricht von einem „Kunsträuber“, der im Auftrag von Reichsminister Alfred Rosenberg auch für das in Frankfurt ansässige Institut zur Erforschung der Judenfrage zuständig war, in dem der nationalsozialistische Raubzug an den Juden geplant wurde. Der Großteil der Exponate wurde 1951 und 1988 zur Gründung des heutigen Jüdischen Museums restituiert. Ob auch die neun Objekte damals versehentlich oder aus anderen Gründen nicht zurückgegeben wurden, ist laut Gerchow nicht mehr zu klären.

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