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Historisches Museum: "So kennen Sie Frankfurt noch nicht!"

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Direktor Jan Gerchow (rechts) führt FNP-Redakteur Günter Murr durch das neue Histroische Museum.
Direktor Jan Gerchow (rechts) führt FNP-Redakteur Günter Murr durch das neue Histroische Museum. © Rainer Rüffer

Nach fünf Jahren Bauzeit wird am kommenden Samstag, 7. Oktober, der Neubau des Historischen Museums eröffnet. Redakteur Günter Murr ist mit Museumsdirektor Jan Gerchow schon mal durch die neue Ausstellung gelaufen und hat sich wichtige Objekte zeigen lassen.

Herr Gercow, wer das Museum betritt, stößt zunächst auf den mittelalterlichen Hafen. Was gibt es hier zu sehen?

JAN GERCHOW: Man schaut runter durch große Glasscheiben, sieht die bearbeiteten Mauern und den gepflasterten Quai mit dem Holzbalken. Bis zur Eröffnung kommt noch Wasser rein. Das ist natürlich Grundwasser, aber es steht für das Mainwasser, weil der Main einmal bis hierher reichte. Dann haben wir zwei große Medienstationen, an denen man den Hafen auf unterschiedliche Weise und in acht verschiedenen Sprachen erkunden kann.

Ich sehe unter anderem Arabisch, Chinesisch, Russisch? Mit welchem Publikum rechnen Sie?

GERCHOW: Wir sind das Stadtmuseum, und unsere Haupttzielgruppe sind Besucher aus Frankfurt und der Region. Zum anderen haben wir einen sehr großen Anteil an internationalen Besuchern. Nach dem Goethemuseum sind wir das Haus, das am häufigsten von Touristen besucht wird. Dieser Trend wird weiter zunehmen. Das merken wir zum Beispiel an chinesischen Reisegruppen. Wir haben deshalb spezielle Angebote eingerichtet, die wenig Zeit kosten. Zum Beispiel hier an der Medienstation, wo es kurze Filme gibt, die sich sowohl an Kinder und Jugendliche, als auch an Erwachsene richten. Hier kann man verstehen, welche Bedeutung dieser Ort für die Geschichte Frankfurts hatte. Jetzt gehen wir mal ins Untergeschoss.

Hier ist die sogenannte Schneekugel.

GERCHOW: Besucher können hier zwischen acht verschiedenen Modellen zu Frankfurter Themen auswählen, die ein Roboter dann hochhebt. Dann läuft ein animierter Film zu dem jeweiligen Thema. Man kann sich einfach von den Bildern und den von Künstlern gestalteten Modellen leiten lassen, aber auch Wissen daraus ziehen. Das ist eine für ein Museum sehr ungewöhnliche Installation, und wir hoffen, dass sie in die Reiseführer aufgenommen wird.

Diese acht Themen, sind das die Klischees über Frankfurt?

GERCHOW: Ja, sie heißen zum Teil ja schon so: Bankfurt oder Drehscheibe. Hinter den Klischees stecken aber Eigenschaften, die die Stadt tatsächlich hat. Die „Stadt der Kriminalität“ gibt es ja wirklich, wenn Sie ans Bahnhofsviertel denken. Aber diese Klischees werden auch hinterfragt. Wir haben auch weniger bekannte Eigenschaften wie die Kritische Stadt, die Heimliche Hauptstadt, die Jüdische Stadt, die Industriestadt oder die Ewige Baustelle aufgenommen.

Stichwort ewige Baustelle: Die hatten Sie hier ja beinahe auch. Seit Sie 2005 Ihr Amt angetreten haben, waren Sie vor allem Bauherr.

GERCHOW: Ja, das hatte ich mir nicht so vorgestellt, aber es ist so gekommen.

Sind Sie froh, dass es jetzt zu Ende ist?

GERCHOW: Die Aufgabe hat mir Spaß gemacht, ich habe dafür auch eine Ader. Aber ich freue mich jetzt, dass wir das Haus nutzen und Ausstellungen machen können. Ich möchte nicht noch einen Bau.

Ist alles wie geplant gelaufen, wenn man einmal vom überraschenden Fund der Hafenmauer absieht?

GERCHOW: Wir hatten mit der Insolvenz einer Firma zu kämpfen. Das hat den ganzen Zeitplan durcheinandergebracht und ungefähr ein Jahr Verzögerung gebracht.

Der Neubau ist von außen schon seit einigen Monaten erlebbar. Wie reagieren die Bürger darauf? Welche Resonanz bekommen Sie?

GERCHOW: Eine sehr gute. Der Bau wird angenommen, er wird für passend und richtig, fast schon für selbstverständlich gehalten. Vor allem der neu entstandene Platz hat in den Augen vieler Leute eine Qualität, die man sonst in Frankfurt nicht findet.

Anfangs standen viele dem Entwurf sehr kritisch gegenüber.

GERCHOW: Von denen hören wir nichts mehr.

Wir sind jetzt im ersten Stock des Neubaus, am Beginn der Ausstellung „Frankfurt einst“.

GERCHOW: Wir haben hier fünf Themenbereiche auf zwei Ebenen und insgesamt 2000 Quadratmetern. Zum Auftakt sind die großen Modelle und Vogelschaubilder der Stadt zu sehen. Die Stadtpläne beginnen mit dem Faberplan von 1552 und enden mit dem aktuellen Hochhausrahmenplan von 2012. Auf der anderen Seite gibt es eine Zeitleiste „100 mal Frankfurt“ mit 100 Objekten zur Stadtgeschichte. Dann geht es um die drei Themen, die Frankfurt seit dem Mittelalter ausmachen: Die Bürgerstadt, die Geldstadt und die Weltstadt. Man kann diese Bereiche auch einzeln besuchen, wenn man nicht so viel Zeit hat.

Was werden die Besucher aus der alten Ausstellung wiedererkennen?

GERCHOW: Viele einzelne Objekte, die man natürlich immer wieder sehen will. Aber wir präsentieren sie in einem neuen Kontext. Und wir haben hier ja wesentlich mehr Fläche und haben viele Dinge ausgegraben, die bisher noch nicht so bekannt waren. Hier haben wir zum Beispiel ein „Altstadtdrama in vier Akten“ mit Modellen aus unterschiedlichen Zeiten eingerichtet. Es geht um die Altstadtdebatte, beginnend mit der Zeit vor 1900, über die 20er Jahre, den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, bis zur aktuellen Diskussion über die Rekonstruktion. Jede Stunde startet eine animierte Show, für die wir in den Modellen gefilmt haben.

An der Wand sehen wir zwei große Stadtansichten. Was hat es mit denen auf sich?

GERCHOW: Diese beiden Panoramen sind ein Fund aus unserem Depot. Wir glauben, dass sie seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr ausgestellt wurden. Das sind Stadtansichten von 1847/48 von einem damals bedeutenden Lübecker Panoramamaler. Man blickt auf dem einen Bild von Sachsenhausen auf die Alte Brücke und hat das gesamte Flusspanorama vor sich. Auf dem anderen steht man quasi vor dem Kaufhof und hat die Zeil und die Hauptwache im Blick. Es sind phantastische Details zu erkennen.

Wir sind jetzt in der Abteilung „100 mal Frankfurt“.

GERCHOW: Ja, hier haben wir die „Frankfurter Küche“ wieder aufgebaut. Daneben steht eine Schalttafel der Firma Hartmann und Braun, die auf der Weltausstellung für Elektrotechnik 1891 zu sehen war. Wir zeigen auch viele Objekte aus der NS-Zeit, für die es keine eigene Abteilung gibt, die einem im Haus aber immer wieder begegnet. Hier ist zum Beispiel ein Mantel aus dem KZ Katzbach ausgestellt. Und hier steht der Tisch aus dem Auschwitz-Prozess mit den Karteikarten, auf denen Täter und Opfer verzeichnet sind.

Was ist denn das für ein Betonklotz?

GERCHOW: Der stammt aus dem abgerissenen Betonbau unseres Museums. Es ist einer der Kragsteine, die typisch waren für das Gebäude. Den habe ich extra abmachen lassen, damit wir ihn zeigen können.

Vermissen Sie den alten Betonbau manchmal?

GERCHOW: Nein, das kann ich so nicht sagen, wir sind so zufrieden mit dem Neubau. Aber er war nicht nur schlecht, wie man ihn machen musste, um ihn wegzukriegen.

Haben Sie denn im Neubau jetzt optimale Bedingungen für die Ausstellung, oder gibt es etwas, das besser sein könnte?

GERCHOW: Wenn die Räume einen Meter höher wären, dann wäre das noch schöner. Aber dann hätte das Gebäude ein Geschoss verloren. Wir können die Technik gut in Decke und Boden verstecken. Es gibt wenige Fenster, wir können die Objekte gut vor Licht schützen. Das sind schon optimale Bedingungen.

Wir sind jetzt in der Abteilung Geldstadt im zweiten Obergeschoss.

GERCHOW: Hier liegt das Geld Deutschlands aus. Wir haben hier zum Beispiel die erste Einheitswährung, den Denar, der 794 hier beschlossen wurde. Man kann an diesen Multimedia-Stationen aber auch das Geld seiner Heimat suchen. Und hier widmen wir uns dem Thema Banken. Ausgestellt ist zum Beispiel der Schalterraum der Dresdner Bank von 1972. Wir haben eine Filialeinrichtung komplett übernommen.

In der Abteilung Weltstadt steht sogar ein Auto.

GERCHOW: Das haben wir von Berlin geliehen bekommen, wir haben selbst leider keinen Adler, das erste stromlinienförmige Auto, das 1937/38 in Frankfurt produziert wurde. Das Hauptthema sind hier aber die Kaiserwahlen und deren Vor- und Nachgeschichte. Und hier kann man quasi in die Paulskirche hineingehen und sich Reden von Abgeordneten der Nationalversammlung von 1848 anhören.

Wofür sind die Streifen, die hier im Boden eingelassen sind?

GERCHOW: Das ist für die Inklusion, unser Angebot richtet sich an Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten. Wir haben taktile Spuren und viele Objekte, die mit verschiedenen Sinnen erfasst werden können.

Jetzt sind wir im obersten Stockwerk in der Ausstellung „Frankfurt jetzt“.

GERCHOW: Hier erwartet die Besucher das spektakuläre Stadtmodell, das der Rotterdamer Künstler Hermann Helle gestaltet hat. Auf der anderen Seite ist unser Stadtlabor, in dem wir gemeinsam mit den Frankfurtern die Stadt erforschen.

Dabei befassen Sie sich auch mit ganz aktuellen Themen. Ist denn vor diesem Hintergrund der Name „Historisches Museum“ noch angemessen?

GERCHOW: Ich hatte mal vorgeschlagen, es in „Museum Frankfurt“ umzubenennen, was aber politisch nicht erwünscht war. Heute wäre das vielleicht anders, aber das ist jetzt unser Name, der ja auch Tradition hat, und wir arbeiten damit.

Was sagen Sie, wenn Sie Frankfurter mit einem Satz in Ihr neues Haus locken wollen?

GERCHOW: Wenn Sie eine Stadt erleben wollen, die Sie so noch nicht kennen, dann kommen Sie zu uns.

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