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Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums, zeigt eine Bibel von 1743: In Germantown/Pennsylvania für die deutsche Auswanderergemeinde gedruckt, ist sie die erste Bibel, die in Amerika nach Luther angeboten wurde.

Zum Lutherjahr

Historisches Museum zeigt Druckerzeugnisse aus Amerika

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Passend zum Lutherjahr hat das Historische Museum einen Nachlass mit der ersten in den USA gedruckten Bibel in deutscher Sprache präsentiert, die in der Dauerausstellung über Frankfurt als Druck- und Verlagsstadt im Museumsneubau gezeigt wird.

Um das Jahr 1745, als gerade der Österreichische Erbfolgekrieg wütet, macht sich ein Schiff auf die abenteuerliche Reise von Germantown/Pennsylvania Richtung Europa. Mit an Bord sind zwölf Lutherbibeln, die der deutsch-amerikanische Drucker Christoph Sauer als Belegexemplare nach Frankfurt zu Heinrich Ehrenfried Luther schicken will, der ihn mit den nötigen Lettern aus der Schriftgießerei Egenolff versorgt hat. Doch kurz vor Frankreich wird das Schiff gekapert, die Ladung verkauft. Die Bibeln drohen verlorenzugehen.

„Doch es gelingt Luther, der möglicherweise weitläufig mit dem gleichnamigen Reformator verwandt ist, den Weg des Verkaufs herauszufinden und die Bibelsendung später doch noch in Empfang zu nehmen“, erklärt Wolfgang Cilleßen, Kurator im Historischen Museum Frankfurt. Ein Glücksfall: Die Bibeln waren letztlich für mehrere Städte in Europa bestimmt, zwei davon befinden sich heute in Besitz der Universitätsbibliothek Frankfurt und der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Nun ist es dem Historischen Museum gelungen, die letzte in Privatbesitz befindliche Lutherbibel Sauers mit einem Konvolut von 38 Druckschriften und sieben Briefen zu erwerben.

Somit kehrt die Bibel auch an einen der Ursprungsorte der deutschen Auswanderung nach Germantown zurück, die 1677 durch das Pietistische Konventikel im Saalhof geprägt wurde. Die Sammlung enthält außerdem durch den Typographen Jacob Sabon angefertigte Druckstempel in einem Kästchen aus dem 16. Jahrhundert von Christian Egenolff, dem neben Sigmund Feyerabend bedeutendsten Drucker des Frankfurter Humanismus. Hinzu kommt die kupferne Druckplatte mit dem Familienwappen in der Bibel, die die Erbengemeinschaft dem Museum schenkte.

Möglich wurde der Erwerb, der mit einer Größenordnung von rund 80 000 Euro angegeben wird, durch eine gemeinsame Beteiligung der Hessischen Kulturstiftung (Sitz: Wiesbaden), der Kulturstiftung der Länder (Sitz: Berlin), der Max Ernst von Grunelius-Stiftung, der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung (beide Frankfurt) und des Clubs 33 des Historischen Museums. „Die neu erworbene Bibel erhält daher auch einen Platz in der Dauerausstellung ,Frankfurt Einst‘ im neuen Ausstellungshaus“, erklärt der Museumsdirektor Jan Gerchow.

Dort wird eine Abteilung über Frankfurt als historisches Druck- und Verlagszentrum ab dem 16. Jahrhundert eingerichtet. Die Bibel ist auch theologisch und reformationsgeschichtlich interessant, da sie aus evangelischer Sicht apokryphe Makkabäer- und Esrabücher des Alten Testaments enthält, die die orthodoxe und die katholische Kirche anerkennen und die Luther selbst als nicht gleichwertig, jedoch als „nützlich“ bezeichnete. Die Druckschriften und Briefe wiederum sind Zeitzeugnisse aus dem 18. Jahrhundert, das durch den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) geprägt wurde.

Gerchow und Cilleßen erklären, es sei ausdrücklicher Wunsch der Erbengemeinschaft Haeberlin, dass ihr Nachlass mit der Bibel an einen historisch bedeutenden Ort in Frankfurt gelangt. Und diese Voraussetzung erfüllt der Saalhof als Standort des Historischen Museums allemal: Denn hier trafen sich die so genannten Saalhof-Pietisten, die sich in einem eigenen Konventikel (Zusammenkunft) organisierten und separatistische Tendenzen verfolgten, weil ihnen die Reformversuche des evangelischen Priesterseniors und Stadtpfarrers Philipp Jacob Spener nicht weit genug gingen.

Die Saalhof-Pietisten unterhielten Kontakte zu William Penn, einem Gründer der Quäker, der 1677 nach Frankfurt kam. Unter der Führung von Franz Daniel Pastorius gründeten sie die Frankfurter Land-Compagnie und erwarben eine Siedlungsfläche in Pennsylvania. Doch am Ende wanderte nur Pastorius selbst aus und gründete mit dem bereitgestellten Kapital der Compagnie zusammen mit 13 Familien von Quäkern und Krefelder Mennoniten die erste deutschsprachige Gemeinde Germantown.

„Zunächst standen den Auswanderern nur in Europa gedruckte Bibeln zur Verfügung, die verschifft werden mussten und teuer waren“, erklärt Cilleßen. Doch dann ließ sich 1724 der Auswanderer Johann Christoph Sauer in Germantown nieder, eigentlich gelernter Schneider. Er druckte mit den Egenolff-Lettern aus Frankfurt Kalender, die Germantowner Zeitung und 1743 die deutschsprachige Bibel, die nach einer in indianischer Massachusett-Sprache erschienenen Missionsbibel als die zweite Heilige Schrift der heutigen USA gilt.

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