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Wird allen Musikstilen und Genres gerecht. Auch als Weihnachtsmann: Gernot Dechert.

Gernot Dechert hat Musik im Blut

Ho, ho - diese Bigband macht ihn froh

  • vonDetlef Kinsler
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NORDWESTSTADT Chef des Schirn-Ensembles stellt neues Weihnachtsvideo vor.

Er hat Musik im Blut und manchmal auch den Schalk im Nacken. Und deshalb hat der Alleskönner Gernot Dechert, der in der Nordweststadt aufwuchs und sozialisiert wurde, als Show- und Partymusiker (Roy Hammer lässt grüßen) auch kein Problem damit, sich als Nikolaus verkleidet vor seine Bigband zu stellen. Denn die ist seit zwei Jahren ein weiteres Projekt des Saxophonisten mit dem großen Stil-Repertoire. Damals ging Ralph Schmidt an der Musikschule Frankfurt - mit Sitz in der Schirn - in Rente, schlug Dechert (52) als Nachfolger für seine Stelle als Lehrkraft und Leiter der hauseigenen Bigband vor. "Ich habe mich beworben, hatte eine Lehrprobe und stand tatsächlich das erste Mal vor einer Bigband", wunderte sich Dechert noch heute, wie gut das Dirigat auf Anhieb funktionierte. Er bekam den Job, fand ein engagiertes Ensemble vor, dessen Repertoire er erweiterte. Von Earth, Wind & Fire über die Blues Brothers bis Miles Davis war alles möglich. Anfang November 2019 gab es einen ersten erfolgreichen Auftritt, für 2020 waren weitere Konzerte geplant. An einem Samstag Mitte März probte man noch, dann wurde auch die Arbeit der Schirn Bigband ausgebremst. "Einzelunterricht war via Skype im Internet möglich, eine Bigband-Probe aber nicht." So suchte Dechert nach anderen Beschäftigungsmöglichkeiten für seine Musiker. Mit "Diggin' It Up" ging Ende April ein erstes Video online. Ab Mai ergab sich die Möglichkeit im Garten des Vaters eines Bandmitglieds zwischen Apfelbäumen und mit Abstand zu proben, im Herbst durfte dann unter Einhaltung des Hygienekonzeptes und mit abgespeckter Besetzung wieder in der Schirn geprobt werden. Aber Dechert traute dem Frieden nicht und bereitete rechtzeitig zur Adventszeit ein zweites Video vor. Dafür arrangierte er Weihnachtsklassiker wie "O Tannenbaum", "Jingle Bells" und "Kommet ihr Hirten" für die Band um. Alle bekamen ihre Noten nach Hause geschickt, spielten ihre Parts in ein fertiges Layout ein, Dechert mischte die Musik und Malcolm Unger, einer der vier Trompeter im Ensemble, schnitt die Bilder dazu virtuos zusammen. Zu sehen ist der Clip auf den Facebook- und Youtube-Seiten der Schirn Bigband. Seit dem Nikolaustag, versteht sich. Auch deshalb ließ es sich Dechert nicht nehmen, im Santa-Claus-Kostüm zu dirigieren.

In dem hat ihn auch seine Frau Sabine für diesen Artikel fotografiert. Seit 1993 wohnt das Paar im Nordend, initiierte Nachbarschafts-Aktivitäten wie den "Künstler-Kiez". Und als Musiker bespielte Dechert mit seinem Mobilen Einsatzkommando (MEK), einer modernen Marching Band mit Trommeln und viel Gebläse, das Stoffel-Festival im nahen Günthersburgpark. Groß geworden ist der Jahrgang 1968 geborene Musiker aber in der Nordweststadt. "Da verbrachte ich meine Kindheit und Jugend, bis ich 20 war", erinnert er sich an die Zeit im Gerhard-Hauptmann-Ring und später am Praunheimer Weg. Zur Schule gingen er und sein Bruder Torsten aber zunächst in Westhausen. "Das war dann schon eher Upper Class für Nordweststädter", erinnert er sich an seine Zeit an der Liebigschule. Im Gymnasium hatte Dechert, der dann später doch an die Ernst-Reuter-Schule wechselte, Klarinetten-Unterricht.

"Meine tatsächliche musikalische Sozialisation erfuhr ich aber im Heddernheimer Musikbunker, da habe ich die meisten Musiker kennengelernt", erzählt er. Zwei Bands aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre, bei denen er Saxophon spielte, sorgten in den hiesigen Clubs für Furore: Midnight Fun und die Gina Livingston Band.

In den vergangenen Jahren sah man Dechert, der auch als Musikproduzent und Autor von Saxophonschulen arbeitet, oft als Gast der Rodgau Monotones und als Kopf eigener Bands, in denen er ein "deftiges Rock- und Soulsaxophon" (so Dechert) präsentiert. Mit dem Quartett Double Bass gelang ihm das Experiment, mit zwei atypisch eingesetzten Bassisten einen außergewöhnlich groovigen Sound zu kreieren. Erst jüngst ist das Multitalent als Saxophonist und Keyboarder bei Roy Hammer & den Pralinées eingestiegen und konnte mit der Kult-Partyband (Motto: "Schlager mitten ins Gesicht") trotz Pandemie im September im Sommergarten der Batschkapp spielen. "Die Band hat natürlich ein leicht schoppiges Image", weiß der 52-Jährige. Er liebt den Spaß, den dieser Rock'n'Roll-Zirkus ihm bringt. "Man sollte sie aber musikalisch nicht unterschätzen." Am Schlagzeug sitzt übrigens sein Sohn Luca.

Ein Projekt für die Zukunft hat er schon im Hinterkopf. "Es gibt noch eine zweite, eine Jugend-Bigband an der Frankfurter Musikschule. Für die möchte ich Arrangements mit Hip-Hop-Beats zusammenbringen", erklärt er und weiß, wo er Rapper dafür finden wird. "Da ist die Nordweststadt ja so eine Art Mekka."

So schließen sich die Kreise. DETLEF KINSLER

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