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Nähern sich ihrer Stadt auf literarische Weise: Die Senioren der Autorengruppe ?UniKat?, deren Gründung auf ein Seminar über ?kreatives Schreiben? zurückgeht.

Literatur

Hobby-Autoren unternehmen einen literarischen Spaziergang durch die Stadt

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Der Ebbelwei-Express wird zum Schauplatz eines Krimis, Apolls Muse sorgt in Bornheim für Irrungen und dann ist da noch der Skandal um Fassbinders Stück: Literaturbegeisterte Senioren greifen Frankfurter Themen auf und versammeln sie in einem Buch.

Er trägt eine Löwenmähne, seine Fingernägel sind lang wie die Krallen eines Faultiers. Breitbeinig steht Struwwelpeter da und überragt die Bronzefiguren des gleichnamigen Brunnens am Rande der Hauptwache. Laut lachend tollen Kinder um ihn herum, erwachsenen Passanten entlockt die berühmte Titelfigur des Kinderbuchs von Heinrich Hoffmann ein erinnerndes Lächeln. Es gibt aber auch Menschen, für die der „garst’ge Struwwelpeter“ der pure Horror ist. Und die deshalb auf absurde Ideen kommen, um ihr Kindheitstrauma zu verarbeiten. Wie, das beschreibt Jule Schwachhöfer mit ihrer amüsanten Erzählung im „Frankfurter Kulturbeute(l)“. Letzteres ist Titel einer literarischen Hommage an die Stadt. Neun Autoren, allesamt in Frankfurt und Umgebung zu Hause oder dort aufgewachsen, laden in der vor wenigen Tagen erschienenen Anthologie zu einem ungewöhnlichen Spaziergang durch ihre „Herzensstadt“ ein und lenken den Blick auf Alltägliches, wenig Beachtetes oder fast Vergessenes. Zum Beispiel auf Goethes Füße, Wasserhäuschen in Sachsenhausen, Apolls Muse, die in Bornheim für romantische Irrungen sorgt, oder den Ebbelwei-Express, der zum Schauplatz einer Krimi-Posse wird.

Der Skandal um das umstrittene Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder ist ebenso Gegenstand der Geschichten wie das Mainufer und die Museen. Mal skurril, mal heiter, dann nachdenklich oder auch politisch: So unterschiedlich die Ansätze der Erzählungen, so unterschiedlich auch die Autoren, die sich vor mehr als zehn Jahren an der Universität des 3. Lebensalters (U3L) an der Goethe-Universität kennengelernt haben. Inzwischen sind sie ihre eigenen Verleger.

Womit wir am Anfang einer ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte sind. „Kreatives Schreiben“ stand im Mittelpunkt der U3L-Seminare, bei denen sich die literaturbegeisterten Senioren erstmals begegneten. Dozentin Astrid Hennies, inzwischen selbst Mitglied der Gruppe, machte die Studierenden mit dem handwerklichen Rüstzeug vertraut. Die ersten Kurzgeschichten und Erzählungen entstanden. „Die Seminare waren inzwischen derart gefragt, dass es lange Wartelisten gab, weshalb wir anderen Platz machen mussten“, erinnert sich Jule Schwachhöfer. Deshalb beschlossen die Literaturfreunde, sich in anderer Form zu treffen und gründeten die Autorengruppe „UniKat“. Seither treffen sie sich jeden Montagvormittag im sechsten Stock des Mathematikums, wo ihnen die Universität einen Raum zur Verfügung stellt. „Irgendwann entstand die Idee, ein richtiges Buch zu schreiben.“ Sie einigten sich aufs Krimigenre. Jeder entwickelte seine eigene Idee, um daraus eine spannende Geschichte zu spinnen.

„Der nächste Schritt ergab sich ganz automatisch. Die eigenen Werke sollten gedruckt werden, aber die von verschiedenen externen Verlagen geforderten enormen Kostenbeteiligungen waren einfach zu hoch“, erinnert sich Gründungsmitglied Wolfgang Ullrich. Weshalb also nicht selber einen Verlag gründen?

Die nötigen Voraussetzungen waren bestens, denn alle Autoren brachten nicht nur reichlich Berufs- und Lebenserfahrungen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen mit, sondern waren auch bestens vernetzt. Ullrich beispielsweise kannte sich in Sachen Finanzen aus, er war viele Jahre für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit unterwegs. Experten für Druck und Layout holte sich die Autorengruppe ins Boot.

In Anlehnung an die Entstehungsgeschichte nannten sie den Verlag „UniScripta“. Ende 2010 wurden die ersten Krimis gedruckt – und gleich ein Erfolg, der den „70plus-Autoren“, wie sich selber scherzhaft nennen, Appetit auf mehr machte. Inzwischen haben sie weitere Kriminalromane, ein Theaterstück, ein Kinderbuch sowie drei Anthologien mit Erzählungen und Lyrik veröffentlicht. Darunter mit der Kurzgeschichtensammlung „Main Hauptbahnhof“ bereits eine erste literarische Liebeserklärung an ein Stück Frankfurt, die zugleich Inspiration für den „Kulturbeute(l)“ war. Apropos: Wie die Gruppe auf den Buchtitel kam? „Es ist ein kleines Wortspiel. Wir sind quasi auf kulturellen Beutezeug in Frankfurt gegangen. Das Wort ,Beute’ allein gefiel uns aber nicht so gut, beim gemeinsamen Lektorieren sind wir auf die Idee gekommen, ein ,l’ an „Beute“ zu hängen“, erzählen die Senioren. Deshalb wird jedes Buch in einem kleinen Stoffbeutel geliefert.

Für die Zukunft haben sich die kreativen Autoren – abgesehen von der Premierenlesung (siehe Infobox) – einiges vorgenommen: „Wir arbeiten an neuen Krimis sowie einem historischen Roman. Außerdem planen wir, Kulturspaziergänge durch Frankfurt anzubieten.“

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