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Ulrich Wagnitz übergibt die Schere an Enkelin Stefanie Helbing. Ursula Wagnitz (2.v.l.) und Ulrike Wagnitz, die mittlere Generation, sind stolz auf den Erfahrungsschatz des Seniors. Foto: Maik Reuß

Traditionsgeschäft

Höchst: Der Altmeister gibt die Schere weiter

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Frankfurts dienstältester Friseur (81) hört auf - auch wegen der Corona-Einschränkungen.

Höchst – Es fällt ihm nicht leicht, das merkt man. Aber irgendwann muss Schluss sein. Friseurmeister Ulrich Wagnitz (81) hat sich dazu entschlossen, Schere und Kamm wegzulegen. Der wohl dienstälteste Friseur Frankfurts hört auf. Seinen Salon - den ältesten im ganzen Stadtteil - hat er schon im Januar 2019 an seine Enkelin Stefanie Helbing (32) übergeben, aber bislang stand er immer noch an einzelnen Tagen am Frisierstuhl und kümmerte sich um die Stammkundschaft - darunter sind auch Menschen, die seit den späten 50er Jahren zu ihm kommen. Nur zu ihm. Es ist ihm wichtig, ihnen für diese Treue zu danken.

Neben den Frisierspiegeln prangen Aufkleber von Liebenwalde. Das Städtchen im Landkreis Oberhavel in Brandenburg, direkt an der Schorfheide gelegen, ist sein Heimatort. Dort hat er im Salon seines Großvaters als Steppke angefangen: "Ich durfte Dauerwellen kalt föhnen, mit der Oma Kunden kassieren, und musste Haare aufkehren", erinnert er sich. Seine Ausbildung begann Ulrich Wagnitz mit 14 Jahren bei Friseur Josef Weber auf der Friedberger Landstraße, denn seine Familie war im Jahr 1949 nach Frankfurt gekommen. Im Salon Landgraf auf der Berger Straße wurde er "Junggehilfe", arbeitete dann im "Salon Chic" in Bornheim, bevor er auf der Königsteiner Straße 2 b neben Nähmaschinen-Grosch seinen eigenen Salon eröffnete - damals eine prosperierende Einkaufsstraße mit dem zweithöchsten Umsatz hinter der Zeil.

Heute ist es schwer, einen Traditionsbetrieb in Höchst am Leben zu erhalten. Austauschbare Filialisten und Billig-Läden dominieren die Lage; Höchst hat mehr Friseure als jeder andere Stadtteil. In einigen werden die Frisierstühle an nicht angestellte Friseurinnen vermietet, die dann im Akkord arbeiten. Barber-Shops, die wie Pilze aus dem Boden schießen, bieten zum Teil Dienstleistungen an, die eigentlich Friseuren mit Meisterbrief vorbehalten sind. Denn gesetzlich ist es verboten, Friseur-Dienstleistungen wie das Schneiden der Kopfhaare anzubieten, ohne im Besitz eines Meisterbriefs zu sein oder zumindest einen Meister in Vollzeit als Betriebsleiter angestellt zu haben. Haarschnitte für sieben, acht Euro gibt es dann - konkurrenzlos billig, denn die eingetragenen Friseurbetriebe zahlen Beiträge in die Sozialversicherungen ein, unterliegen tariflichen Verpflichtungen - und bilden aus.

Doch Ulrich Wagnitz hat sich halten können, weil sein Ruf über Stadtteilgrenzen hinaus reicht. Dann dass er sein Handwerk beherrscht, das wissen seine Kunden am besten. Den Meisterbrief hat er vor 55 Jahren gemacht; 2015 ist er von der Handwerkskammer mit dem "Goldenen Meisterbrief" geehrt worden. Einen Namen hat er sich auch im Vorstand der Innung gemacht, für den er als Fachbeirat wirkte. Zudem unterrichtete er den Nachwuchs in Abendlehrgängen. Für sein Engagement erhielt er 1995 die Goldene Ehrennadel vom Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks. Mehr als 25 Lehrlinge hat Wagnitz im Laufe seines Berufslebens ausgebildet - sieben davon sind heute selbst Meister.

Auf den Spuren des Opas

Dass seine Tochter Ulrike (56) und seine Enkelin Stefanie in seine Fußstapfen getreten sind, freut ihn. "In unserer Familie war es nie so, dass der Vater die Kinder dazu gezwungen hat, das Handwerk auszuüben. Gerade weil ich keinen Druck gemacht habe, haben auch meine Tochter und meine Enkelin Gefallen am Beruf gefunden." Und der Opa ist stolz: Stefanie hat 2008 ihre Meisterprüfung als Innungsbeste abgelegt - mit nur 19 Jahren.

Dass er zuletzt immer noch tageweise im Salon gestanden hat, war keine Notwendigkeit, sondern eher die Folge dessen, dass sein Beruf für ihn immer Berufung war. Seine Hände sind trotz des hohen Alters ruhig geblieben, und das andauernde Stehen hat ihm nichts ausgemacht. Er war einer der Letzten, die noch mit dem Rasiermesser Haare schneiden konnten. Wozu das gut ist? Die Technik gibt dünnem Herren-Haar mehr Volumen.

Und er hat noch gelernt, mit dem Onduliereisen zu arbeiten oder Haarteile zu knüpfen. Heute kennt keiner mehr die "doppelte deutsche Tresse" oder die "englische Tresse". "Perücken wurden auch aus Büffel- und Angorahaar gemacht", erinnert er sich. Früher, als die Herren die Haare noch kurz trugen, sei man öfter zum Friseur gegangen. Das hätten die "Beatles" beendet: "Wir Friseure haben dann für die lange Mähne den Stufenschnitt entwickelt, damit die Leute wiedergekommen sind."

Doch mit Corona hat sich alles geändert: In seinem Alter ständig mit Mundschutz arbeiten, das ist dann doch etwas zu viel. So wurde die Pandemie für ihn zum Anlass, vom Frisierstuhl zurückzutreten.

So bleibt mehr Zeit für die Hobbys: Der Opa schnitzt und bastelt, hat den drei Enkeln und Urenkeln - zwei sind da, eins unterwegs - schon Puppenhäuser gebaut und Laufräder und zuletzt Dinos und ein Einhorn - natürlich mit echtem Haar. Auch die Gartenarbeit hat er wiederentdeckt, das bringt Ausgleich. "Aber", sagt er und schluckt, "das Beste ist immer noch Haareschneiden." (Holger Vonhof)

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