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Erster Unverpackt-Marktstand in Frankfurt - „Kunden können mir sagen, was sie brauchen“

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Von: Holger Vonhof

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Dieser Marktstand ist eine Besonderheit in Frankfurt: Bei Hannah Brenner gibt es Trockenware wie Müsli, Nüsse, Reis, Nudeln und Linsen. Und das nur lose.

Frankfurt - Nach den ersten zwei Stunden überhaupt zeichnet sich ab, dass Müsli besonders gut geht. Drei fertige Mischungen hat Hannah Brenner im Angebot und alles, um sich selbst sein eigenes Müsli-Rezept zusammenzustellen: Haferflocken, Hasel-, Wal- und Pekannüsse, Mandeln, Cashews, Sultaninen, Bananenchips - alles lose in großen Gläsern, wie früher bei Tante Emma. Andere Gläser enthalten Rote und Grüne Linsen, Belugalinsen, Vollkorn-, Basmati- und Risottoreis, Bulgur, Hirse, Quinoa, Kichererbsen, Erbsen. Auch getrocknete Kidneybohnen hat sie im Angebot. „Die kann man einweichen wie andere Hülsenfrüchte auch. Dann fällt die Dose weg, die sonst in den Müll muss“, sagt Hannah Brenner.

Die 29-Jährige betreibt seit gestern in der Höchster Markthalle den ersten Unverpackt-Stand im Frankfurter Westen. Ihre Standnachbarn haben sie als jüngstes Mitglied der Marktbeschicker-Familie willkommen geheißen, von Käse-Petra gab’s gar einen Blumenstrauß. „Das ist ja cool“, entfährt es einer Kundin, als sie den Stand in der Ecke der Markthalle entdeckt, während Hannah Brenner Oliven-Kräuter-Kekse für einen anderen Käufer in ein Glas füllt. Die stehen neben den Salted Caramel Cookies, den Datteln und den Feigen.

Frankfurt: Vermeidung von Verpackungsmüll bei Unverpackt-Stadt

„Ich habe ausschließlich Trockenware“, sagt Hannah Brenner. Sie geht davon aus, dass sich ihr Startsortiment noch verändern wird: „Die Kunden können mir sagen, was sie brauchen.“ Kaufen kann man ihre Waren nach Gewicht - wer etwa für ein Rezept 50 Gramm Belugalinsen braucht, muss keine ganze Tüte kaufen, die dann für Jahre im Küchenschrank steht. Und Verpackungsmüll fällt auch keiner an: Die Kunden bekommen ihre Einkäufe in mitgebrachte Behältnisse gefüllt. Wer keines dabei hat, kann ein Schraubglas erstehen; es gibt sie in drei Größen. Jetzt in der Anfangswoche sind die Gläser gratis. Rabattkarten gibt es auch: Wer im Dezember Stempel sammelt, kann im Januar bis zu 20 Prozent Rabatt bekommen.

Hannah Brenner gießt Rote Linsen aus dem Messbecher ins Verkaufsglas. Diese wiederverwendbaren Schraubdeckel-Gläser gibt es in mehreren Größen - man kann aber auch gleich die eigenen Behältnisse mitbringen.
Hannah Brenner gießt Rote Linsen aus dem Messbecher ins Verkaufsglas. Diese wiederverwendbaren Schraubdeckel-Gläser gibt es in mehreren Größen - man kann aber auch gleich die eigenen Behältnisse mitbringen. © Holger Vonhof

Der Stempel zeigt ein Schraubglas mit einem Höchster Rad. Hannah Brenner ist nämlich erklärte Höchsterin, lebt mit ihrem Partner im Burggraben. Und sie ist studierte Chemikerin: Den Bachelor hat sie in Mainz gemacht, den Master in Bonn. Ihre Masterarbeit hat sie über Mikroplastik auf Ackerflächen geschrieben, das unsere Nahrung ebenso belastet wie das Plastik in den Weltmeeren. „Ich habe mich immer für Umweltthemen interessiert“, sagt die Neu-Marktfrau, die vor einem Jahr Mutter geworden ist - das Söhnchen heißt Tamino, nach dem Prinzen aus Mozarts „Zauberflöte“. „Die Geburt meines Sohnes hat mir den Impuls gegeben, etwas für die Umwelt und den Stadtteil tun zu wollen“, sagt Hannah Brenner, die als Kind von der Zeltlager-Gemeinschaft der katholischen Gemeinde St. Josef geprägt wurde und bewusst mit ihrer kleinen Familie aus der Innenstadt nach Höchst zurückgekehrt ist.

Mitgebracht hat sie die Idee des Unverpackt-Kaufs. In der Innenstadt hat sie selbst in einem Unverpackt-Laden eingekauft; im Frankfurter Westen hat der frühere Bio-Laden in der Luciusstraße Pionierarbeit geleistet, und auf dem Wochenmarkt lassen sich viele Kunden ihr Obst und Gemüse in mitgebrachte Taschen legen oder ihren „Süßen“ in mitgebrachte Flaschen füllen. Hannah Brenner ist nun die erste, die an einem Marktstand unverpackte Trockenwaren anbietet. Bei der Einrichtung ihres Standes hat sie eng mit der Gewerbeaufsicht und den Lebensmittelkontrolleuren kooperiert. „Bei Trockenwaren ist es aber einfacher als bei Frischware“, weiß die 29-Jährige. Blitzblank ist ihr Stand, der aus Holz gebaut wurde und ein bisschen an einen Gemischt- oder Kolonialwarenladen früherer Zeiten erinnert.

Neuer Unverpackt-Stand in Frankfurt: Die Marktfrau ist studierte Chemikerin

Hannah Brenner will nicht nur Verpackungsmaterial einsparen, sondern setzt auch auf kurze Lieferketten. „Ich kaufe möglichst regional ein. Die Beluga- und die Grünen Linsen kommen etwa von einem Demeter-Hof in Schwalmtal.“ Bis in die Vogelsberg-Gemeinde sind es etwa 120 Kilometer. Demeter ist der älteste Bio-Verbund Deutschlands, benannt nach der Muttergöttin, die für die Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides und der Saat zuständig ist. Auch erste Großhändler hätten sich inzwischen auf den Unverpackt-Trend eingestellt; einer davon sitzt etwa in Erlangen, rund 200 Kilometer entfernt.

Geöffnet ist der neue Stand in der Ecke der Markthalle, wo das Marktcafé Reitz und Käse-Petra Anziehungspunkte sind, an allen drei Markttagen von 7-13 Uhr. Am Samstag, 10. Dezember, wird die EröffnungH von 10-12 Uhr gefeiert. (Holger Vonhof)

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