Industriepark Höchst

Höchst: Unruhe in der Nouryon-Belegschaft

  • Holger Vonhof
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Ehemalige Akzo-Nobel-Arbeitnehmer rechnen mit einem erneuten Verkauf der Firma

Höchst -Es gibt wieder Unruhe im Industriepark Höchst, diesmal bei Nouryon: Es laufen mehrere Rationalisierungsprojekte, Arbeitsplätze sollen abgebaut werden. "Wir in Höchst sind als größter Standort des Unternehmens von allen Maßnahmen betroffen", so der düstere Ausblick des Betriebsratsvorsitzenden Roger Podstatny. Das erste Mal war das Unternehmen - damals noch als Akzo Nobel - 2017 in die Schlagzeilen geraten, weil es in zwei Firmen aufgespalten wurde, in "Paints and Coatings" und "Speciality Chemicals".

Kampf gegen Übernahmeversuche

Auswirkungen auf die Mitarbeiter im Industriepark Höchst hatte das seinerzeit noch nicht. Das änderte sich aber schon ein Jahr später: Im Kampf gegen die feindliche Übernahme durch den US-Konzern PPG versprach Akzo Nobel seinen Aktionären eine Sonderausschüttung - und verkaufte "Speciality Chemicals" für 10,1 Milliarden Euro an den Finanzinvestor Carlyle, um das dafür nötige Geld zu bekommen.

"Seitdem wird vor sich hin gewirtschaftet, aber mit mäßigem Erfolg", sagt Betriebsratschef Podstatny. Die Unternehmensspitze konzentriere sich lediglich darauf, das Betriebsergebnis zu verbessern; an einer langfristigen Perspektive für die Firma gebe es wohl kein Interesse. Fest stehe, dass Nouryon verkauft werden soll; beim Zeitplan lasse sich die Geschäftsleitung, so sagt der Betriebsratsvorsitzende, aber nicht in die Karten schauen. "Auf Fragen bekommen wir keine sinnvollen Antworten; es heißt nur, man sei in Gesprächen." Podstatny glaubt: "Ohne Corona wären wir wohl schon verkauft." Einzelne Rationalisierungsmaßnahmen auf Kosten des Personals habe er nicht verhindern können: "Es kostet schon Arbeitsplätze." Eine Kollegin etwa, die seit 40 Jahren in der Firma gewesen sei, habe zum 31.7. ihren Arbeitsplatz räumen müssen.

Podstany kennt den Betrieb mit seinen 300 Mitarbeitern ebenfalls schon seit fast 40 Jahren: 1982 hatte der heute freigestellte Betriebsrat, der auch Stadtverordneter der SPD im Römer sowie Vorsitzender der Sossenheimer Genossen ist, bei der damaligen Hoechst AG angefangen - und in den folgenden Jahrzehnten alle Änderungen miterlebt. Besonders turbulent sei es in den Jahren 1998 bis 2008 gewesen, als die Firma - sie hieß damals noch LII Europe - diverse Male weiter verkauft wurde. Jeder neue Eigentümer habe das Unternehmen geschwächt, bis es schließlich insolvent wurde. 2009 übernahm Akzo Nobel, danach ging es fast zehn Jahre lang wieder aufwärts.

Es gibt vermutlich kaum einen Haushalt in Deutschland, der ohne Produkte von Nouryon auskommt. Egal, ob Nahrung, Papier, Glas, Kleidung oder Waschmittel: Überall steckt auch ein Stückchen Nouryon drin. "Wir stellen zum Beispiel das Vorprodukt für Abflussreiniger und den Rohstoff für die Teflon-Beschichtung von Pfannen her", erzählt der langjährige Betriebsratsvorsitzende.

Zumindest mehr Azubis

Ein kleiner Lichtblick in der derzeit schwierigen Situation: Erstmals seit Jahren werden wieder mehr Azubis ausgebildet. Normalerweise seien jährlich zwei junge Menschen eingestellt worden, inzwischen seien es vier Mal so viele. "Das ist natürlich erfreulich, doch diese Zahl reicht immer noch nicht", sagt Podstatny. Die meisten Auszubildenden bei Nouryon sind Chemikanten und lernen dreieinhalb Jahre.

Die Firma selbst wird fleißig beworben: Im Juni erst hat Nouryon die angekündigte Übernahme des Carboxymethyl-Cellulose-Geschäfts (CMC) der J.M. Huber Corporation abgeschlossen - zur Erweiterung des Produkt-Portfolios. CMC erwirtschaftet in mehr als 80 Ländern einen Umsatz von etwa 135 Millionen Euro. Es ist die jüngste in einer Reihe von Übernahmen, mit denen Nouryon sein Wachstum beschleunigt: 2019 erwarb das Unternehmen Zhejiang Friend Chemical Co., den größten chinesischen Hersteller von Tri-ethyl-Aluminium (TEAL), einem wichtigen Polymerkatalysator. Anfang dieses Jahres übernahm Nouryon dann auch das TEAL-Handelsgeschäft von Sasol, Südafrikas zweitgrößtem Industrieunternehmen, 1950 als South African Coal, Oil and Gas Corporation Ltd. zur Herstellung von Kraftstoffen aus Vergasungstechnologien gegründet. In seinem Ganzjahresergebnis 2019 berichtet Nouryon von einem weiteren Anstieg der Profitabilität, auch erreicht durch Kosteneinspar-Programme. Außerdem seien Schulden reduziert worden. red

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