Schon am späten Vormittag kamen die Besucher zu "All That Jazz" aus Rheinhessen. Die Band um Toni Krebs, Trompeter, Gründungsmitglied und Leiter der Band, gibt es auch schon seit mehr als zwei Jahrzehnten. Foto: Maik Reuß
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Schon am späten Vormittag kamen die Besucher zu "All That Jazz" aus Rheinhessen. Die Band um Toni Krebs, Trompeter, Gründungsmitglied und Leiter der Band, gibt es auch schon seit mehr als zwei Jahrzehnten. Foto: Maik Reuß

Konzert

Höchst: Unter Frankfurter Weinreben in die Sonne blinzeln

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Festival der Jazzfreunde war dank des Spätsommerwetters ein voller Erfolg.

Noch acht Tage vor ihrem Festival hatten die Jazzfreunde Höchst kontrovers diskutiert. Konnte man es wagen? War es möglich? Und: War es überhaupt zu rechtfertigen? "Ich habe verfolgt, wie die Zahlen des Robert-Koch-Instituts in die Höhe gingen und hatte schon Bedenken", räumt Dr. Rudolf Hartleib, der Vorsitzende des Vereins, ein. Trotzdem haben es die Jazzfreunde gewagt. Ihr Festival ging jedoch gestern im Hof des Alten Höchster Schlosses strikt nach Hygiene-Konzept vonstatten: Hände desinfizieren, beim Herumlaufen im Schlosshof Mund-Nasen-Schutz tragen, wie in einer Gaststätte sich mit Namen, Adresse und Telefonnummer registrieren lassen. An der Bierbank oder auf dem Sonnenstuhl konnte die Maske abgesetzt werden. "Wir haben heute morgen mit dem Zollstock akribisch die Abstände ausgemessen", berichtet Vorstandsmitglied Gabriele Dehmer. Unverständnis über diese Maßnahmen gab es eher selten zu hören.

Drei Bands mit über sechs Stunden Musik

Man wolle den Menschen "ein Stück Freiraum zurückgeben", sagt Hartleib bei der Begrüßung, nach all den Corona-Monaten ohne Biergarten, ohne Freiluft-Konzerte eine Abwechslung bieten, unter den Weinreben des Schlosscafés sitzen, in die Sonne blinzeln und ein paar New-Orleans-Melodien lauschen. Das Jazzfestival wurde sehr gut angenommen. Zwar durften nach Hygiene-Konzept nur 249 Gäste gleichzeitig auf der Schlossterrasse sein. Aber das störte die wenigsten, denn kaum einer bleibt vom späten Vormittag bis zum späten Nachmittag, um allen drei Bands über die komplette Länge ihres Auftritts zu lauschen. "Wir haben auf die Fahrradfahrer gesetzt und darauf, dass sie einen Einkehrschwung zu uns machen", sagte Hartleib. So sah es zeitweise vor der Brücke zum Schloss auch aus wie auf einer Fahrrad- und E-Bike-Ausstellung: Die Drahtesel standen dort in Reihen, denn bei dem schönen Spätsommerwetter waren auch die Schlossplatz-Gaststätten gut besucht.

Quer durch alle Stilrichtungen

Im Schlosshof gab's Musik, Gezapftes, Kaffee und Kuchen und jede Menge Gelegenheit, ein Schwätzchen zu halten. Wer etwas mehr Abstand wollte, hörte von der Schlossterrasse aus zu. Den Anfang machte die aus Rheinhessen stammende Formation "All That Jazz", die den Bogen vom traditionellen Jazz über den Swing und den Dixie bis hin zum Creole Jazz schlug. Dixieland ist der "weiße" Jazz, während die Creole-Stilrichtung von lateinamerikanischen Einflüssen geprägt worden ist.

Ein Heimspiel war das Jazzfestival für die Lokalmatadoren der "La Vida New Orleans Band", die zwar 1979 in New Orleans in New Orleans gegründet wurde von Peter Hermann und den Brüdern Karl und Rudi Möbus anlässlich eines Besuches in der "Geburtsstadt des Jazz" am Mississippi, die jedoch immer eine Band von Musikern aus dem Frankfurter Westen und dem Main-Taunus-Kreis war. Die Band war regelmäßig unterwegs in den bekannten europäischen Jazzclubs und trat bei Jazz-Festivals in der Schweiz, den Niederlanden und Belgien auf. Heute ist von den Gründern nur noch der Schlagzeuger Peter Hermann übrig geblieben, und Auftritte der aktuell zusammengestellten Band finden nur zu besonderen Angelegenheiten statt - wie etwa dem Höchster Jazzfestival, denn Höchst ist seit den Zeiten, da der Radiosender AFN im Alten Schloss residierte, ein echter Jazz-Hotspot. Das bekam auch das Soleil Niklasson Quintet mit, das zum ersten Mal in Höchst zu Gast war: Die Musiker aus dem Kölner Raum mit ihrer schwarzen Sängerin hatten sich bei der Wahl des Auftrittsorts nicht vertan. Auch die Jazzfreunde waren angetan. "Wir kannten sie vorher nur vom Band", sagt Rudolf Hartleib.

Dass der Spätsommer noch einmal so richtig loslegte und sich die Temperaturen in die Höhe schraubten, war für den Verein die Rettung, denn auf den Gewölbekeller unter der Schlossterrasse hätten sie nicht ausweichen können: Dort sind die Corona-Vorgaben einfach nicht zu erfüllen. Dabei ist der Keller vor mehr als zehn Jahren eigens vom Vereinsmitglied Norbert Häusser eingerichtet worden, um Oldtime und Modern Jazz, Swing, Dixieland und Blues wieder eine Heimat in Höchst zu geben, nachdem die frühere Reihe "Jazz im Burggraben" eingeschlafen war. Die Jazzfreunde Höchst wurden 2005 von sieben Jazzbegeisterten gegründet, darunter auch Norbert Häusser und Thomas Meder. Mehr Infos zum Verein unter www.jazz-hoechst.de. Holger Vonhof

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