Feiern Jubiläum. Wolfgang Diehl, der vor 50 Jahren die Firma am Herrenhof gründete, und sein Nachfolger Jürgen Quirin. Er kam 1984 als Schreinergeselle in den Betrieb. Und blieb.
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Feiern Jubiläum. Wolfgang Diehl, der vor 50 Jahren die Firma am Herrenhof gründete, und sein Nachfolger Jürgen Quirin. Er kam 1984 als Schreinergeselle in den Betrieb. Und blieb.

Berkersheim: Tradition

Höchste Stufe der Handwerkskunst erreicht

  • vonSabine Schramek
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Frankfurter Treppenbauer gehört zu den Stars der Branche - Betrieb vor 50 Jahren gegründet

Jeder geht sie rauf oder runter. Jeden Tag. Treppen zur Bahn, in Gebäuden oder in Wohnungen. Was ohne besondere Beachtung Mittel zum Zweck ist, erfordert ein hohes Maß an Handwerkskunst. Vor genau 50 Jahren hat sich Wolfgang Diehl in einem Bauernhof in Berkersheim auf Treppenbau spezialisiert. In ganz Europa begegnet man seinen Unikaten.

Zimmermann, nicht Landwirt

Sägen kreischen, der Geruch von Staub und Sägemehl liegt in der Luft. Aus dem Radio versucht die Popgruppe No Mercy mit dem Song "Where do you go to my Lovely" von Peter Sarstedt die Geräuschkulisse zu übertönen. "Als Bub wollte ich Bauer werden wie meine Eltern", sagt Wolfgang Diehl (73) mit breitem Grinsen. Es kam anders, denn seine Schwester wurde Landwirtin und sein Bruder blieb auf dem Hof von 1768. Diehl machte eine Lehre als Zimmermann und "krabbelte auf Dächern rum. Das war schön, aber ich durfte nur Architekten-Aufträge ausführen und konnte nicht kreativ sein", erzählt er mit blitzenden blauen Augen und Blick auf seinen Nachfolger Jürgen Quirin (57), der 1984 als Schreinergeselle zu ihm kam.

Schnell entdeckte Diehl, dass Treppen sein Metier sind. "Da machen Architekten nur einen Strich. Genau mein Ding", erklärt der Meister, der sich aus dem aktiven Geschäft in die Rente zurückgezogen hat. Was nicht heißt, dass er nicht trotzdem jeden Tag voller Leidenschaft in der Firma ist.

Vor genau 50 Jahren machte Diehl hier seinen Zimmereibetrieb auf und spezialisierte sich auf Treppenbau und Treppenforschung. Seit 1976 zählen die Diehlschen Treppenkonstruktionen bundesweit zu den begehrtesten. Alles wird per Hand gefertigt. Nicht nur die Stufen, sondern auch Geländer, die ebenfalls in der ehemaligen Scheune, im ehemaligen Rübenkeller und in den ehemaligen Stallungen gebaut werden.

Dass Quirin seit Jahren Designpreise verliehen bekommt, ist fast schon Normalität. Für gigantische Wendeltreppen, anscheinend schwebende Treppen, für Faltwerktreppen und vieles mehr. "Momentan ist Eichenholz total im Trend", sind sich Diehl und Quirin einig. "Und es gibt einen Run auf Metallgeländer im dekonstruktiven oder Mikado-Stil. Die machen wir hier auch." Unten im alten Rübenkeller wird Metall gebohrt, gelasert, geschweißt und gebogen. Aus einem einzigen Stück Metall entstehen so filigrane Muster, die viel Licht durchlassen, gebogen und gewunden sind oder anscheinend wahllos wie Mikado-Stäbchen in der Luft schweben.

Ausgebucht bis Sommer 2022

Stufen aus Holz, Glas, Metall werden millimetergenau so gebaut, dass sie mächtig oder zart wirken und so Gebäuden ihre ganz eigene Persönlichkeit geben. 14 Mann arbeiten in dem alten Fachwerkgebäude und können sich vor Aufträgen kaum retten. Während Diehl Bücher über Treppenbau schreibt, berät Quirin seine Kunden aus nah und fern. "Seit Corona ist die Nachfrage sogar gestiegen. Jeder will renovieren und Neues haben", erzählen die Treppenbauer, während ihre portugiesischen Mitarbeiter schleifen, schmirgeln, sägen, anpassen, leimen und lackieren. "Bis Sommer 2022 sind wir komplett ausgebucht", erzählt Quirin.

Es stimme, dass es mittlerweile Engpässe bei Lieferungen gibt, "aber es geht". Das Hauptproblem sei, dass Holz nicht mehr auf dem Seeweg verschifft werde, "weil alle Seecontainer komplett ausgelastet sind. Wenn man einen bekommt, ist das wie ein Sechser im Lotto". Viele Handwerker stöhnen über Lieferschwierigkeiten. "Wer früher nicht regelmäßig bestellt hat oder Rechnungen nicht bezahlt hat, geht jetzt leer aus", so Diehl. "Bis jetzt bekommen wir alles, was wir brauchen", fügt Quirin hinzu. Für die Treppenbauer geht es nicht nur um Holz, sondern auch um Metall. Nicht viele Treppenbauer haben die Zertifizierung für Metallbauten. "Wer mit Metall baut, muss wegen der komplizierten Statik nach Euronorm zertifiziert sein. Holz ist ein anderes Material. Da gibt es keine Schweißnähte, die bei Metall unerlässlich sind."

Design kennt

keine Grenzen

Obwohl der Betrieb zu den Stars der Treppenbauer in Deutschland gehört, sind die Männer bodenständig geblieben. Nur beim Design kennen sie keine Grenzen. Wenn Diehl sich ohne Vorgaben eine Traumtreppe bauen würde, wäre es eine lange "gewendelte Treppe aus Holz in einem mittleren Farbton. Das Geländer wäre auf jeden Fall dekonstruktiv. Da bekomme ich Gänsehaut". Quirin würde eine Kombination aus Metall und Holz wählen. "Natürlich auch als Wendeltreppe und mit einem Designgeländer nach dekonstruktivem Konzept." SABINE SCHRAMEK

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