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Hohes Fieber, aber keine Arznei da: Auch die Frankfurter leiden unter Engpässen bei Medikamenten

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Von: Mark-Joachim Obert

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Mehr Kinder als sonst leiden in diesem Jahr an Erkältungen mit Fieber. Doch weil die Pharma-Hersteller nach Durchschnittsbedarfen produzieren, fehlen nach Schätzung des hessischen Apotheker-Verbandes 500 000 Fiebersäfte. Auch bei den Zäpfchen wird es eng.
Mehr Kinder als sonst leiden in diesem Jahr an Erkältungen mit Fieber. Doch weil die Pharma-Hersteller nach Durchschnittsbedarfen produzieren, fehlen nach Schätzung des hessischen Apotheker-Verbandes 500 000 Fiebersäfte. Auch bei den Zäpfchen wird es eng. © dpa-tmn

Selbst Schwerkranke sind betroffen. Der Apotheker-Verband kritisiert die Politik. Bundesbehörde: Lage nicht kritisch.

Frankfurt -Auch in Frankfurt ist es zurzeit fast unmöglich, einen Fiebersaft fürs Kind zu erhalten. Die schmackhafte Medizin mit Ibuprofen oder Paracetamol und auch die neuerdings dünn gesäten Zäpfchen sind zum aktuellen Symbol für Engpässe bei einer Reihe von Medikamenten geworden, über die zuletzt in vielen Medien berichtet worden ist.

Zwar sind die Misere und das Politikum dahinter nicht neu, aber dramatischer Aufhänger für die gegenwärtige Debatte war zu Jahresbeginn der Mangel an Tamoxifen, einem hormonellen Wirkstoff für an Brustkrebs Erkrankte. Andreas Hermening, Apotheker am Dornbusch, wo viele ältere Menschen leben, kann wie viele Kollegen eine lange Fehlliste aufzählen - mit dabei: Digitalis fürs Herz, der Kramplöser Buscopan, Elektrolytlösungen gegen Durchfall - und natürlich Fiebersäfte.

Das Unverständnis der Kunden bekommen manche Apotheker vehement zu spüren. Angebrüllt worden sei sie schon von Müttern, deren Kinder mit hoher Temperatur im Bett liegen, erzählt eine Apothekerin aus einem Stadtteil, in dem besonders viele junge Familien leben. "Für die Leute passt das nicht zusammen: reiches Land, kein Fiebersaft", sagt sie, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie wolle unnötigen Ärger vermeiden.

Doch mit Lieferengpässen, wie viele Berichte suggerieren, hat der Mangel an Fiebersäften laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gar nichts zu tun. Während die Lieferung bei gut 250 Mitteln tatsächlich ins Stocken geraten ist, unter anderem weil die Ketten aus fernen Produktionsländern unterbrochen worden sind, verhält es sich bei der süßen Medizin für Jungen und Mädchen anders: Im ersten Halbjahr war die Nachfrage weit stärker als in den Jahren zuvor. Gemessen an den durchschnittlichen Absatzzahlen sei der Markt jedenfalls ausreichend bedient worden, sagt ein Sprecher des Bundesinstituts.

Plötzlich waren alle Fiebersäfte ausverkauft

Hauptgrund für den gestiegenen Bedarf sind die ungewöhnlich vielen Erkältungserkrankungen, die zurzeit unter Kindern grassieren. Der Frankfurter Apothekerin aus dem kinderreichen Stadtteil ist aber auch aufgefallen, dass im Zuge der Spendenaufrufe für ukrainische Flüchtlinge viele Bürger medizinische Basisprodukte gekauft haben - wohl um sie an Bedürftige weiterzugeben.

Wann immer Medikamente in den Apotheken ausgehen, gibt es eine Vielzahl von miteinander verflochtenen Ursachen. Neben der seit Corona politisch laut diskutierten Tatsache, dass es in Europa nur noch wenige Produktionsstätten gibt und überwiegend nach China und Indien ausgelagert wurde, haben sich viele Hersteller vom deutschen Markt zurückgezogen. Einfach, weil sich das Geschäft für sie nicht mehr lohnt, sagt Holger Seyfarth, Vorstand des hessischen Apothekerverbandes - und veranschaulicht das am Beispiel des Fiebersafts für Kinder: Der koste nur 3,19 Euro, also gerade mal so viel wie eine Tafel gute Schokolade.

Die "Preisdrückerei" hat nach Ansicht der Pharmalobby wie etwa des Verbands Pro Generika politisches System. Am Ende eines Vertragsgeflechts mit den Krankenkassen produzierten und liefern einige wenige Großhersteller auf eine festgelegte Menge und rabattiert. Kleine Hersteller können da nicht mitbieten. Die großen Hersteller wiederum produzieren schlank und nicht nach Marktdynamik, weil die Kosten zu hoch würden, die Gewinne zu niedrig - so das Argument der Lobby. Ergebnis: Steigt die Nachfrage oder kann gerade kein Nachschub geliefert werden, fehlt deshalb oft der Puffer, erklärt Apotheker-Vorstand Seyfarth.

Täglich müssen Krebspatienten vertröstet werden

Acht Filialen hat er in Frankfurt, täglich mit etwa 2000 Kunden zu tun, und ständig müsse er auch Krebskranke, die auf ein bestimmtes morphinhaltiges Medikament eingestellt sind, vertrösten oder mit Zeitaufwand nach Alternativen suchen - in Absprache mit dem jeweiligen Arzt. Täglich seien seine Mitarbeiter in Summe acht Stunden damit beschäftigt, Engpässe zu kompensieren. Am Ende bleibt ein Risiko für den Patienten: Wird er die Alternative vertragen? Drohen gar Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die er einnehmen muss?

Für Apotheker Seyfarth sind das alles sehr wohl auch Versorgungsengpässe. Für ihn steht fest: Medizin gehört zur Daseinsvorsorge. "Und darum hätte sich der Staat zu kümmern - und nicht die Krankenkassen."

Im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte heißt es, von Versorgungsengpässen könne keine Rede sein. Man argumentiert mit Zahlen: Von 100 000 Medikamenten auf dem Markt gebe es eben nur bei 250 Lieferengpässe, "kritisch" sei die Lage aber nicht. Heißt: Für schwere Fälle sei immer ein alternatives Mittel da. Im übrigen habe ein eigens installierter Beirat, in dem auch die Apothekerverbände sitzen, stets ein wachendes Auge auf die Lage. Notfalls würden Medikamente ohne deutsche Zulassung importiert, sagt der Behördensprecher.

Daran, dass aktuell nach Schätzung von Apotheker Seyfarth gut 500 000 Fiebersäfte fehlen, ändert sich gerade nichts. Die Apothekerin aus dem kinderreichen Stadtteil erwartet erst im Herbst die nächste Lieferung. Hat ein fieberndes Kind ein Rezept, dürfen Apotheker einen Saft selbst herstellen. Das aber ist zeitaufwendig. "Ich habe dafür gar nicht das Personal", sagt die Apothekerin. Was also tun? Sie sagt: "Nicht krank werden!"

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