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Inge Grünewald in der Lukaskirche. Ihr Poesiealbum aus Kindertagen hat sie aus Israel mitgebracht.

Zeitzeugen

Die Holocaust-Überlebende Inge Grünewald besucht zum vierten Mal ihre Heimatstadt

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Ihr Vater ist in Theresienstadt ermordet worden, ihr gelang die Flucht nach Uruguay. Viele ihrer Freunde aus einem jüdischen Kinderhaus haben den Nazi-Terror nicht überlebt. Inge Grünewald hält die Erinnerung an sie fest.

Oft, wenn Inge Grünewald abends im Kibbuz Saad in Israel im Bett liegt, ziehen die Gesichter ihres Lebens an der 88-Jährigen vorbei. Der Vater, der seine Tochter 1933 in die Obhut des Jüdischen Kinderhauses in der Frankfurter Hans-Thoma-Straße 24 gab und den sie von da an bis zu ihrer Flucht nach Uruguay sechs Jahre später nur noch einmal in der Woche sehen durfte. Oder die etwa 20 bis 25 Mädchen, die das Heimschicksal der früh zur Halbwaisen Gewordenen gleichzeitig mit ihr teilten. Sie alle sind nicht nur in den Gedanken der Holocaust-Überlebenden, sondern auch in einem kleinen, abgegriffenen Buch verewigt, einem Poesiealbum mit Sprüchen in Sütterlinschrift und sorgfältig gezeichneten, bunten Blumenranken.

Die kleine, von einem kranken Rücken gebeugte Frau hält diese Erinnerungen bei ihrem Besuch in der Sachsenhäuser Lukasgemeinde, nahe dem früheren Standort des Kinderhauses und dem darauf hinweisenden Mahnmal am „Platz der vergessenen Kinder“, fest in den Händen. Wer etwas über sie wissen will, dem streckt sie sie jedoch gerne entgegen. Oder sie liest selbst daraus vor: die Weisheit, die ihr ihr Vater Julius Grünewald darin für ihren Weg mitgegeben hat und die davon handelt, immer auf eigenen Beinen zu stehen und sich von allem selbst ein Bild zu machen.

Zum insgesamt vierten Mal ist Grünewald in ihre ehemalige Heimat zurückgekehrt. Ihr Sohn Daniel Ariel, der sie mit Frau Ilana begleitet, hätte die dreifache Mutter, elffache Großmutter und achtfache Urgroßmutter lieber in Urlaub schicken wollen. Denn das Leben an der Grenze zum Gaza war zuletzt stark von den Terrorangriffen der Hamas beeinträchtigt. „Es ist viel Alarm, aber ich höre ihn nicht“, sagt die sich noch immer selbst versorgende Seniorin. Ihr Zimmer sei abgelegen, die Hörhilfen nehme sie zum Schlafen heraus. Angst habe sie nicht. „Davor nicht“, wie sie betont.

Statt nach England oder Frankreich habe es sie nach Frankfurt gezogen. Eine Reise, bei der die Trauer über all die verlorenen, teilweise frühzeitig verstorbenen oder ermordeten Freunde, Bekannte und Familienmitglieder ein Wegbegleiter ist. Die ihr aber wichtig sei, weil sie nicht wisse, wie oft sie noch möglich ist.

Das Programm ist dicht. Der Gang auf den Hauptfriedhof, wo ihre Mutter begraben liegt und es auch für den Vater, dessen Asche nach seiner Ermordung 1944 in Theresienstadt im Meer verstreut wurde, einen Platz gibt, hat sie am Sonntag ermüdet. Doch es ist genügend Kraft vorhanden, um an diesem Dienstag auch noch Station am Philanthropin zu machen, von dem sie als ehemalige Schülerin noch ein altes, ein gutes Zeugnis besitzt. Und an dem Stolperstein im Musikantenweg, der für sie und ihre Familie vor dem alten Wohnhaus verlegt wurde.

Man könnte dieser Frau noch lange zuhören. Pfarrer Volker Mahnkopp von der Lukaskirche hat es getan. Er will nicht, dass das, was sie weiß aus der Zeit des Nationalsozialismus, in Vergessenheit gerät. Besonders nicht die jüdischen Kinder, für die das Haus in der Hans-Thoma-Straße 24 der letzte Aufenthaltsort in Hessen war. Viele wurden von dort aus deportiert. Im Oktober erscheint ein Buch darüber. Die Gesichter darin sind fast niemandem mehr bekannt. Nur Inge Grünewald hat all jene, mit denen sie in einer Gruppe war, noch vor Augen.

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