Original und Buchcover, charmant ins Bild gerückt: Christina Treutlein, Coautorin und Mitherausgeberin des Mayhaus-Buches, vor der gelben Treppenverkleidung und der lachsfarbenen Tür, die zum Keller führt. Rechts hinter ihr geht es in die berühmte Frankfurter Küche.
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Original und Buchcover, charmant ins Bild gerückt: Christina Treutlein, Coautorin und Mitherausgeberin des Mayhaus-Buches, vor der gelben Treppenverkleidung und der lachsfarbenen Tür, die zum Keller führt. Rechts hinter ihr geht es in die berühmte Frankfurter Küche.

Römerstadt: Architektur-Geschichte

Hommage an Farbe, Form und Neues Frankfurt

  • vonOscar Unger
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Lange erwartet, endlich da: Das Buch zum Musterhaus - Rundgang durch drei Geschosse und den Garten

152 Seiten für 88 Quadratmeter. Das allein zeigt schon mit wie viel Liebe zum Detail, Anspruch und Gewissenhaftigkeit das vor wenigen Tagen neu erschienene Buch über das Ernst-May-Musterhaus in der Römerstadt erstellt wurde. Hinzu kommen historische Fotos und Pläne, sowie ästhetisch ansprechende aktuelle Fotos aus den Räumen und der Siedlung, die mit der Vorstellung der weißen Architektur der neuen Sachlichkeit schnell aufräumen. Das Neue Frankfurt war farbig.

Die Corona-Zeit gut genutzt

Von den Besuchern des Reihenhäuschens im Burgfeld 136 schon lange nachgefragt - aber auch den vielen Architekten, Studenten uns Schulklasse, die Jahr für Jahr in die Siedlung pilgern - ist das 24 mal 17 Zentimeter messende Buch mit dem Softcover-Einband jetzt in einer Auflage von 1500 Exemplaren erschienen. "Wir haben die Zeit des Lockdowns genutzt, in der wir auch keine Führungen anbieten konnten, und das Projekt binnen Jahresfrist endlich umgesetzt", sagt Christina Treutlein, stellvertretende Geschäftsführerin des Forums Neues Frankfurt, zu dem auch die Ernst-May-Gesellschaft (emg) gehört. "Die wurde 2003 mit dem Ziel gegründet, ein Siedlungshaus aus der Zeit des Neuen Frankfurt weitgehend in seinen Originalzustand zurückzuversetzen", schreibt Ulrike May, Mitbegründerin der emg und eine von vier Autorinnen und Autoren in dem Buch.

Die Idee war nicht neu

Dabei sei die Idee nicht neu gewesen sondern bereits 1997 von der ABG Frankfurt Holding angeregt worden. Es folgten viele Wirrungen und Irrungen der Frankfurter Kommunalpolitik. "Faktisch verlief das Projekt im Sand", so May, die nicht mit dem Städteplaner (1886 bis 1970) verwandt ist. Schließlich kam die hochkarätig besetzte Gesellschaft zusammen und nach einem Machtwort der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) wurde dem Verein auch das Haus in der Römerstadt überlassen, das noch viel der ehemaligen Substanz hatte. Das war 2005.

Es folgten fünf Jahre der gewissenhaften Analyse der Baustoffe und verwendeten Materialien. Angefangen vom der Zusammensetzung des Außenputzes, über die Farbe der Handläufe, die Beläge und die Tapeten. Noch heute finden sich in allen Zimmern sogenannte Befundtreppen. Dort wurden die Schichten der vergangenen fast 100 Jahre behutsam abgetragen. Bis auf den Urzustand, die erste Farbschicht also. "Es ist das am gründlichsten untersuchte und am sorgfältigsten restaurierte Wohnhaus der 1920er Jahr in Hessen", sagte damals der langjährige emg-Vorstandsvorsitzende Eckhard Herrel, der einst über Mays Zeit in Afrika promoviert wurde. An dessen 124. Geburtstag, am 27.Juli 2010, wurde das Musterhaus schließlich feierlich eröffnet.

Besucher aus der ganzen Welt

Seither besuchen das Museum direkt am Torbogen zur Mithrasstraße hin jährlich bis zu 5000 Menschen aus aller Welt, wie das Gästebuch eindrucksvoll belegt. Dann streifen sie durch die in den Originalzustand zurückversetzten und im Stile der Zeit möblierten Räume. Zwei im Erdgeschoss (plus der Frankfurter Küche mit nur 8 Quadratmetern) und den drei im Obergeschoss (plus Bad). Im Keller gibt es noch den ehemaligen Heizungs-, einen Vorratsraum und die Waschküche. Sie liegt zwei Stufen tiefer als der übrige Keller. So wurde nicht das gesamte Untergeschoss geflutet, wenn die Hausfrau das Wasser aus dem mit Holzfeuer beheizten Waschkessel ließ. Den gibt es natürlich heute noch.

Jedem der Räume, der Technik - die Römerstadt war die erste vollelektrifizierte Siedlung Deutschlands - der Geschichte, dem Interieur und den Aufbaumöbeln von Franz Schuster ist ein Kapitel gewidmet. Und natürlich der Handgriffe und Wege sparenden Mutter aller Einbauküchen, mit ihren Schütten, den eingehängten Schränken mit Schiebetüren, dem Ausstellfenster, dem Elektroherd der Marke Prometheus und dem klappbaren Bügelbrett. Funktionalität die Geschichte schrieb, noch heute staunen lässt und von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky erdacht wurde. Von ihr stammen übrigens auch die normierten Hütten in den Schrebergärten unterhalb der Siedlung. Auch ihnen und den zur Selbstversorgung gedachten Gärten direkt am Haus ist ein Abschnitt gewidmet.

Eine Besonderheit: Den Buchtitel gibt es in gleich in vier Versionen. "Uns haben die Aufnahmen von Simon Keckeisen so gut gefallen, dass wir uns nicht entscheiden konnte", sagt Christina Treutlein. So wurden vier Details aus den Bildern vergrößert. Neben der kanariefarbenen Treppenverkleidung mit der lachsfabenen Kellertür, die im Original noch eingerahmt von schwarzen Fußleisten und einer grauen Zarge ein wenig an den niederländischen Maler Piet Mondrian erinnert (kein Zufall, schrieb er doch den Bauhausband Nr. 5 über neue Gestaltung), gibt es noch Nahaufnahmen der blauen Fensterrahmen, des Überdruckbehälters der Heizung und zweier Türdrücker von Ferdinand Kramer. Stilikonen.

Der Fotograf Simon Keckeisen, ist Absolvent der renommierten Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach.

Gehört in jede gute Bibliothek

Fazit: Das sehr gelungene Buch - inklusive englischer Übersetzung - ist eine Hommage an Farbe, Formen und das Neue Frankfurt. Es kann einen Besuch oder gar eine Führung - so es denn wieder welche gibt - im May-Haus nicht ersetzen. Aber es ist eine ideale Vorbereitung oder eine schöne Erinnerung an die architektonisch einmaligen 88 Quadratmeter, die man zu Hause so nochmals durchmessen kann. Auf 152 Seiten. Oscar Unger

Wo es den Band gibt

Mayhaus - Das Musterhaus des neuen Frankfurt, erschienen im Verlag avedition, erhältlich bei der Ernst-May-Gesellschaft, Hadianstraße 5, Tel.: 15 34 48 83 oder im Buchhandel, ISBN: 978-3-89 986 - 343 - 7, für 24 Euro.

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