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Bei dem Unfall am Theodor-Stern-Kai im September 2015 wurden beide Wagen völlig zerstört, ein Junge starb.

Prozess

Horror-Unfall kostete Kind das Leben - Fahrer hatte Aufputschmittel im Blut

Weil er unter Drogen einen Unfall verursachte, bei dem ein elf Jahre alter Junge starb, muss der Verursacher für zwei Jahre und sieben Monate hinter Gitter.

Frankfurt. Am 20. September 2015 ist Janusz G. gegen 22.30 Uhr am Steuer eines Audi A6 auf dem Theodor-Stern-Kai unterwegs. Seine vier Kumpels haben ihn als Fahrer auserkoren, das Quintett hat ein wenig in Frankfurt gefeiert und ist auf dem Nachhauseweg nach Weiterstadt. Janusz G. hat keinen Alkohol im Blut, aber Amphe-tamin, und sein Tempo, werden Gutachter später schätzen, liegt irgendwo zwischen 75 und 85 Kilometern pro Stunde.

Falsch abgebogen

Janusz G. überholt andere, bemerkt zu spät, dass er auf einer Abbiegespur ist, zieht das Auto nach rechts, fährt über eine Verkehrsinsel – und hebt ab. In der Luft dreht sich der Audi um die eigene Längsachse und kracht in einen entgegenkommenden Opel Corsa. In dem Opel sitzen Mohamed L. und seine acht, elf und zwölf Jahre alten Söhne. Sie haben gerade den vierten Sohn, der mit Bronchitis in der Uniklinik liegt, besucht, und sind auch auf dem Heimweg.

Als Janusz G. wenige Minuten nach dem Aufprall wieder bei Sinnen ist, sieht er den Audi, der sich in den Corsa gebohrt hat. Er sieht dessen schwer verletzten Fahrer – „und die Kinder … die Kinder waren auf der Rückbank eingeklemmt … das hat mich völlig fertig gemacht“. Er sieht seine Freunde, alle zusammen mit zwei Platzwunden, einer Nasenbeinprellung und einem Schlüsselbeinbruch davongekommen. Er sieht auf seine Unterarme, dort sind Kratzer, sonst fehlt ihm nichts. Als Mohamed L. drei Tage später im Krankenhaus zu sich kommt, sitzt seine Frau an seinem Bett. Sie sagt ihm, dass ihr elf Jahre alter Sohn gestorben ist. Auch ein anderer Sohn ist schwer verletzt, wird aber durchkommen. Der dritte hat nur eine Gehirnerschütterung. Mohamed L. hat sich bis heute nicht von dem schlimmen Unfall erholt, nicht körperlich und nicht seelisch, seinen Beruf als Busfahrer hat er aufgeben müssen.

Witzchen gemacht

Die Polizisten, die den Unfall aufnehmen, erinnern sich noch dreieinhalb Jahre später im Zeugenstand an vier leicht verletzte Polen, die dafür, dass sie soeben in einen tödlichen Unfall verwickelt waren, absolut unangemessene Späßchen getrieben hätten. Und an einen Mann, der wie ein Häufchen Elend am Straßenrand gekauert habe. Janusz G. wird festgenommen – und kurz danach nach Polen ausgeliefert. Er wird per gesucht, nachdem er dort wegen Schlägereien zu Bewährungsstrafen verurteilt worden war. Da er aber gegen die Bewährungsauflagen verstoßen hatte, indem er nach Deutschland ausreiste und den Verprügelten auch keinen Schadensersatz zahlte, war die Haftstrafe wieder aktuell. In Polen wird er erst einmal vor Gericht gestellt und wegen eines Verkehrsunfalls aus dem Jahr 2011 verurteilt: Damals war G. mit zu hohem Tempo auf einen Wagen aufgefahren, in dem eine Familie saß. Die Familie hatte Glück: Die Eltern kamen mit Knochenbrüchen, das Kind mit einer Gehirnerschütterung davon. Mitsamt den Schlägereien verurteilt ihn das polnische Gericht zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren und zwei Monaten, von denen G. zwei Drittel absitzt, bis der Rest auf Bewährung ausgesetzt und er nach Deutschland überstellt wird.

Dort sitzt der 27 Jahre alte G. nun am Freitag wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung auf der Anklagebank des Amtsgerichts. Und die nächsten zwei Jahre und sieben Monate hinter Gittern – so das Urteil. Seinen Führerschein ist er für mindestens zwei Jahre ebenfalls los.

von STEFAN BEHR

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