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Gut gelaunte Improvisationstalente: Nora und Sascha.

Theatergruppe über Suchtprävention

Humor ist ihr Türöffner

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Den heutigen bundesweiten „Tag der Theaterpädagogik“ wollen etliche Einrichtungen nutzen, um ihr kreatives Angebot für Schüler vorzustellen. Das Ensemble der Präventionstheatergruppe von „Requisit“ gastiert seit gestern für zwei Tage an der Wöhlerschule. Hier zeigen die Improvisationstalente, wie Suchtprävention auch funktionieren kann.

Die Schauspieler des Vereins „Requisit“ sind auf den ersten Blick eine Gruppe gut gelaunter, talentierter Menschen, die sich einer schwierigen Aufgabe stellen. Sie machen Improvisationstheater, wissen vor keiner ihrer Szenen, was genau passieren wird. Ihre Themen und Stichwörter bekommen sie auf Zuruf von den rund 70 Neuntklässlern, die in der Aula der Wöhlerschule ihr Publikum sind.

Nach der Aufführung wandelt sich das Bild. Die gute Laune und der Spaß am Theater sind für viele der Ensemblemitglieder erst seit einigen Jahren oder Monaten fester Bestandteil ihres Lebens, die Arbeit bei „Requisit“ für viele von ihnen eine Art Sicherheitsnetz und eine Möglichkeit zur Vergangenheitsbewältigung. Da ist etwa der 59-jährige Heinz Neffgen, geboren und aufgewachsen in Aachen, der über 21 Jahre heroinabhängig war. Seit 22 Jahren ist er clean. Oder Sascha Johannson (42), der als junger Mann in Hamburg erstmals mit Drogen und Alkohol in Berührung kam und nach etlichen fehlgeschlagenen Entzugsversuchen vor 13 Jahren bei „Requisit“ gelandet ist. Oder der Schauspieler Stephan Bieker, der erst seit einigen Monaten zur Gruppe dazugestoßen ist, nach jahrzehntelanger Alkoholabhängigkeit. Seit weniger als einem Jahr ist er trocken und kämpft nun dafür, dass es so bleibt.

Sie alle bringen in ihrem Programm „Erst schlapp gelacht, dann nachgedacht“ die Schüler dazu, sich mit dem Thema Suchtprävention zu beschäftigen. „Beim Improtheater klammern wir Themen wie Drogen, Beschaffungskriminalität und Abhängigkeit bewusst aus“, sagt Nora Staeger, die den Verein vor 20 Jahren mit aufgebaut hat: „Hier sollen die Schüler ein erstes Bild von den Schauspielern bekommen, ganz unabhängig von ihrer Geschichte. Das führt bei vielen dazu, dass sie im zweiten Teil – einem Gespräch mit einem der ehemaligen Suchtkranken – aufgeschlossener auf die Schauspieler zugehen und offen mit einem Thema umgehen, von dem sie oft wahnsinnig viel in der Schule hören und dennoch wenig mitnehmen.“

Dass die Idee des Vereins so aufgeht, zeigen auch die Reaktionen der Schüler nach dem ersten Teil der Veranstaltungen. Die 15-jährige Carolina hatte sich eigentlich auf eine weitere „Moralpredigt“, wie sie es nennt, eingestellt. Doch das Theater machte sie vor allem neugierig auf das, was die Schauspieler aus ihrer Vergangenheit zu berichten haben: „Ich werde auf jeden Fall fragen, wie man dazu kommt, überhaupt in das Drogenmilieu abzurutschen, wo doch immer informiert wird, wie gefährlich das ist.“

Ihre Gespräche mit Heinz, Sascha und Stephan meistern die Schüler am Ende allein – ohne Lehrer und fremde Zuhörer. „Das erlaubt den Schülern, ganz unbefangen über das Thema zu sprechen und Fragen zu stellen. Wir freuen uns, dass uns die Schulen seit 20 Jahren so vertrauen, dass das geht“, so Staeger. Und auch für Menschen wie Heinz haben die Gespräche einen wichtigen Effekt: „Das ist oft eine Art von Vergangenheitsbewältigung, die auch nach zwei Jahrzehnten ohne Drogen immer noch weiterhilft.“

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