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Gemeinsam fuhren gestern 320 Biker vom Rebstockgelände bis zur Hauptwache. Um ihren Kollegen zu gedenken, die durch Unfälle auf der Straße ums Leben kamen.

Frankfurt: Gedenkfahrt

Hunderte Motorradfahrer erinnern an Unfallopfer

  • vonSabine Schramek
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320 Biker fuhren zum 40. Mal durch die Innenstadt, zum Abschluss gab es eine gemeinsame Andacht in der Katharinenkirche.

Frankfurt -Fritz war erst 16 Jahre alt, als er sein Leben bei einem Motorradunfall verlor. Joseph war 85 Jahre alt. Um ihnen und 60 weiteren Unfallopfern zu gedenken, brummten, knatterten und tuckerten gestern Nachmittag 320 Harleys, Hondas, Yamahas, BMWs und andere Bikes gemeinsam vom Rebstockgelände über den Alleenring nach Sachsenhausen und weiter zur Katharinenkirche an der Hauptwache. Begleitet von acht Polizeimotorrädern der Krad-Staffel parkten sie ihre Maschinen auf dem Rathenauplatz und zogen jede Menge neugierige Blicke auf sich. Auf der Hauptwache tobten Kinder auf Hüpfburgen und rasten in kleinen Kisten eine Rollbahn runter. Sie lachten, während Frauen und Männer mit schweren Lederanzügen, Helmen und Motorradschals mit Clowns, Reißverschlüssen, Totenköpfen und bunten Mustern langsam in Motorradstiefeln Richtung Kircheingang stapften. Nicht alle Biker hatten wegen Corona Platz in der Kirche. 120 fanden Einlass. "Wir machen das jedes Jahr", sagte "Golon", der schon seit Anfang an mit dabei ist. "Wir gedenken denen, die im letzten Jahr verstorben sind." Seit mittlerweile 40 Jahren.

Biker-Pfarrer Thorsten Heinrich trug ein Motorradhose, ein graublaues Kollarhemd und ein hölzernes Kreuz. Auch er fuhr mit. "Vier Frauen und 58 Männer sind tödlich auf ihren Bikes seit Oktober 2019 in Hessen verunglückt. Ich dachte, die Zahl der Verkehrstoten sei zurückgegangen. Für Motorradfahrer in Hessen scheint es nicht so zu sein", sagt er. Er sprach mit warmer Stimme, begrüßte jeden, der die Kirche betrat persönlich. Die meisten kennt er. "Das Anlassen im April mussten wir wegen Corona ausfallen lassen", sagte er fast entschuldigend. "Für heute haben auch viele abgesagt, weil sie zur Risikogruppe gehören und wegen Corona lieber zu Hause bleiben. Sie sind in Gedanken bei uns und wir bei ihnen", fügte er hinzu. In der Kirche saßen Angehörige und Freunde von Menschen, die einen tödlichen Motorradunfall hatten. Eine junge Familie war bereits zum zweiten Mal dabei. "Wir haben uns letztes Jahr hier so wohl, geborgen und aufgehoben gefühlt. Deshalb sind wir wieder da", sagte die Frau zu Pfarrer Heinrich leise. Er nickte und sprach mit ihr. Über den Verlust, die Trauer und die Zukunft. Warmherzig und voller Empathie.

Vor dem Altar sah der Weg aus wie eine Fahrbahn. Auf den Stufen lagen ein silbernes Kreuz aus Alufolie, Kerzen standen darunter, Motorradhelme waren links und rechts vor ihnen aufgestellt. Ein Kranz in einem Motorradreifen aus gelben und orangenen Blüten, umrundet von grünen Blättern. "Ready for the storm" sangen und spielten fünf Mitglieder der Band "Fisherman's Friends" mit Masken in dieser stürmischen Zeit. Die Männer, Frauen und Kinder, die den Gottesdienst besuchten, bekamen Gänsehaut. Manche verschränkten ihre Arme, andere umarmten ihre Partner und Kinder, wieder andere hatten Sorgenfalten auf der Stirn, während die Sonne sanftes Licht durch die Mosaikfenster schienen ließ. Heinrich predigte von Abstand und von Nähe. Wegen Corona und auf der Straße. Das Motto lautete "Lebens-Er-Fahrung". Dazu zählte er nicht nur die tödlich Verunglückten, sondern auch die Zeit seit Corona für alle. Er sprach von unterschiedlichen Erfahrungen. Im Leben und auf dem Bike. Von schlechten und schönen Erfahrungen. Nach und nach wurden von Motorradfahrern die Namen der Verstorbenen vorgelesen. Für jeden zündeten zwei junge Frauen eine Kerze an. Ein Licht zum Mitnehmen gab es für die Angehörigen.

Fürbitten kamen von der Polizei, dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und der Notfallseelsorge. Ein junger Polizeibeamter in Krad-Uniform bat um "Einsehen für die, die uns und Rettungskräfte angreifen. Um Einsicht, dass auch sie in Not geraten, könnten und uns als Retter brauchen."

Ein ASB-Mitarbeiter bat "um Kraft für alle in helfenden Berufen, die besonders gebraucht werden." Der Nofallseelsorger "um Trost, Kraft und Zuversicht auch für uns. So, wie wir sie weitergeben." Im nächsten Jahr wollen sich die Biker wieder treffen. Zum evangelischen Kirchentag in Frankfurt hat Heinrich einen Motorradgottesdienst beantragt. Der Pfarrer sagt dazu: "Es liegt in Gottes Händen. Wir schauen, planen und lassen uns auch von Corona nicht unterkriegen."

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