Steffen Ball (51) berät Unternehmen, Verbände, Kommunen und Ministerien in Fragen rund um Marken-, Krisen- und Digitalkommunikation. Ball ist auch Leiter der Konzernkommunikation eines internationalen Unternehmens, Mitglied des Future Circles des Zukunftsinstituts und Dozent für Krisenkommunikation. 

Montagsinterview

IAA-Aus in Frankfurt: „Der VDA hat uns ratlos zurückgelassen“

  • schließen

Steffen Ball über die Absage für die IAA, die Zukunft der Messestadt Frankfurt und eine „großartige Geschlossenheit“.

Frankfurt – Steffen Ball war ganz nahe dran, als die Absage der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt eintraf - emotional wie professionell. Ball ist Geschäftsführer der Kommunikations-Agentur Ballcom Digital Public Relations. Er beschäftigt sich täglich mit neuem Denken und alten Werten, den Chancen der Digitalisierung, mit Zukunfts-Hypes und -Ängsten. Mit ihm sprach unsere Mitarbeiterin Sylvia A. Menzdorf

IAA ist neuerdings das Kürzel für "Ist Aber Anderswo". Können Sie darüber lachen?

Eher wenig. Der Verlust der Internationalen Automobil-Ausstellung ist eine Niederlage für die Stadt und die Region. Und in dem Wettbewerb um die IAA gleich im ersten Durchgang rauszufliegen, war eine riesige Enttäuschung. Dennoch: Der Kampf, eine der weltweit bedeutendsten Fachmessen in Frankfurt zu behalten, war richtig und wichtig - auch wenn er für Frankfurt vielleicht von vornherein verloren war. Der Verband der Automobilindustrie hatte ja schon sehr frühzeitig die Flagge auf Neubeginn gesetzt. Da wäre aus seiner Sicht der Verbleib der IAA in Frankfurt auch mit dem großartigen neuen Konzept wahrscheinlich nicht vermittelbar gewesen. Aber es tut weh, auch wenn manches rational erklärlich ist. Die IAA war 70 Jahre Teil der Identität unserer Stadt. Was als Eindruck bleiben wird, ist die großartige Geschlossenheit, mit der die Frankfurter Delegation in Berlin aufgetreten ist. Das muss man sich mal vorstellen: der grüne hessischer Staatsminister für Wirtschaft Tarek Al-Wazir, der christdemokratische Frankfurter Wirtschaftsdezernent Markus Frank und der sozialdemokratische Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann werben gemeinsam für unser Frankfurt! Das war sensationell.

Sie waren dabei, als Markus Frank in seinem Büro die Hiobsbotschaft per Telefon mitgeteilt bekam. Wie war die Stimmung?

Zunächst ganz gut, trotz einer gewissen Anspannung. Markus Frank war natürlich da, seine Büroleiterin Andrea Brandl , Oliver Schwebel, Chef der Wirtschaftsförderung und Stefan Weil vom Atelier Markgraph - eben alle, die in den zurückliegenden Wochen praktisch Tag und Nacht an dem Konzept gearbeitet haben. Stefan Weil hatte gemeinsam mit der Delegation das Frankfurter Konzept präsentiert. Da stimmte alles. Das war total auf den Punkt und hat viele begeistert, so meine Informationen aus dem VDA. Deshalb waren eigentlich alle sicher, wenigstens in die nächste Runde zu kommen...

Bis zum Telefonat...

Dann kam die Telefonkonferenz und die ziemlich kühle Absage. Das war ein herber Schlag. Einem langjährigen Partner, der sich erkennbar große Mühe gegeben und viel Innovationskraft gezeigt hat, der die Stadt öffnet für die IAA, dem sagt man doch nicht auf diese Weise: schönen Dank, kein Interesse. Das Telefonat dauerte jedenfalls nur wenige Minuten.

IAA-Absage: Ungläubige Gesichter und Chips in Frankfurt

Mit einem niederschmetternden Ergebnis.

Das Gesicht von Markus Frank sprach Bände. Bei uns allen herrschte erst einmal Ungläubigkeit. Weil das Team so sagenhaft gut performt hatte in Berlin, war der Aufschlag nach der Absage hart. Wir haben dann noch eine Weile wie betäubt im Büro gehockt und aus lauter Frust Chips gegessen. Der VDA hat uns mit seiner Absage ohne jegliche Erklärung ziemlich ratlos zurückgelassen.

Es war viel die Reden von gewissen Differenzen zwischen dem VDA und der Gastgeber-Stadt. Was genau war da los?

Ehrlich gesagt, kenne ich das Innenleben dieser Beziehung nicht. Mein Eindruck ist: eine Art Paartherapie hätte es nicht gebracht, um das Verhältnis ins Lot zu bringen. Der VDA steht ja gerade vor großen Herausforderungen. Das fängt bei der generellen Kritik am Auto und an den Konzernen an und hört bei den Protesten rund um die IAA noch lange nicht auf.

Frankfurt hatte also keine Chance?

Der VDA kämpft gerade an mehreren Fronten. Wenn man da jetzt die große Image-Reparatur anstrebt, heißt es bestimmt als Erstes: Wir müssen alte Zöpfe abschneiden. Deshalb ist für mich klar, dass Frankfurt nicht unterlegen ist im Wettbewerb der IAA-Ausrichter, weil das Konzept nicht passte oder wegen der Demonstranten. Frankfurt ist ausgeschieden, weil es eine Art Bauernopfer ist.

Autoindustrie, die Party ist vorbei...

Das war ein Slogan von Demonstranten bei der IAA. Bei aller auch berechtigter Kritik - die Automobilindustrie ist nicht das Monster. Zur Wahrheit gehört nämlich, dass dieses Land seinen großen Wohlstand dieser Schlüsselindustrie verdankt. Wir müssen uns mit dem Auto versöhnen. Wir müssen Mobilität neu denken, ganz neue Konzepte finden. Dafür brauchen wir Mut, gute Ideen, erstklassige Experten und gesamtgesellschaftlich eine unaufgeregtere Debattenkultur. Wo anders als in der Paulskirche hat man diesen zu demokratischem Diskurs verpflichtenden Rahmen, in dem man die Konzepte der Zukunftsmobilität besprechen könnte?

Trotz IAA-Absage: Frankfurt hat Substanz

Das hat nicht gereicht.

Berlin mag gerade irgendwie hip sein, aber Frankfurt hat Substanz. Wir haben den größten digitalen Knoten, wir haben mit dem Flughafen das größte europäische Drehkreuz in die Welt, und die Messe Frankfurt hat den Weg in die Mobilität der Zukunft bereits eingeschlagen, mit der Hypermotion, wo es um neue Standards für Mobilität und Logistik geht, um Netzwerke über Verkehrsträger und Systemgrenzen hinaus. Der VDA hätte sich einbringen können in das Netzwerk, von Expertise und einem ganz neuen, zukunftsweisenden Spirit profitieren können. Einfach nur nach Berlin zu gehen, statt in den Diskurs einzutreten, halte ich persönlich für bemerkenswert unterkomplex.

Hätte Frankfurt die Kollision mit dieser sensiblen Branche verhindern können?

Nach meiner Beobachtung ist die Branche gerade ziemlich aufgemischt und auf der Suche. Zum Glück gibt es da aber auch ein paar schlaue Köpfe. Wenn ich beobachte, wie der Frankfurt-Boss eines Premiumherstellers in seinem Haus einen Teil seiner Verkaufsfläche opfert, um einem Debatten-Forum unter der Überschrift "Zukünftige Mobilität" Raum zu geben, finde ich das ungeheuer zukunftsweisend und ermutigend. Frankfurt hätte gar nichts verhindern können. Weil nicht die Stadt mit der IAA kollidiert ist, sondern der VDA mit der IAA.

Wie groß ist der Verlust der IAA für Frankfurt wirklich, ganz kühl betrachtet?

Allein der monetäre Verlust ist riesig. Wir reden da über Summen im dreistelligen Millionenbereich. Es hieß ja jetzt häufiger, den großen Messebauern sei es egal, wo sie aufbauen. Aber die kleinen Handwerker vor Ort, die als Subunternehmer von der Messe leben, bekommen den Wegfall der IAA deutlich zu spüren. Hotelbetreiber, die investiert haben im Vertrauen auf sichere Einnahmen durch IAA-Aussteller und Publikum, haben das Nachsehen. Auch bei den Gastronomen ist die Enttäuschung groß.

Nach IAA-Absage: Aufbruchstimmung in Frankfurt

Es bleibt jedoch nicht beim finanziellen Verlust.

Und dann ist da noch der ideelle Verlust: Frankfurt und die IAA, das war internationales Flair und in einem Atemzug genannt mit Pariser Autosalon, Detroit Auto Show. Der allergrößte Verlust aber ist vielleicht, dass zunächst die Chance vertan ist, gleichsam unter dem Brennstrahl einer international beachteten Fachausstellung Mobilität neu zu denken, unsere lokalen Experten einzubinden. Mit Knut Ringat haben wir einen europaweit anerkannten Fachmann für ÖPNV, mit Stefan Schulte den Vorstandsvorsitzenden des größten europäischen Flughafens. Diese Leute haben alle was beizutragen zur großen Zukunftsidee Mobilität in der Metropole und in der ländlichen Region. Dass die IAA für diese große Debatte nicht zur Verfügung steht, ist eigentlich der größte Verlust. Jetzt müssen wir es eben ohne die IAA machen. Der neuen Metropolen-Bohème, die monothematisch aufs Fahrrad setzt, kann man das Thema nicht überlassen.

Mit ein paar Tagen Abstand: wie groß ist der Phantomschmerz?

Er hat abgenommen. Er ist einer hormonell optimierten Energie und Vorfreude auf ganz neue Ideen und Allianzen gewichen. Da ist wirklich Aufbruchstimmung in der Stadt. Eintracht-Vorstand Axel Hellmann twittert: Lasst uns jetzt größer denken. Lasst uns ein Bündnis für Mobilität gründen: vernetzt, klimafreundlich, digital. Wenn wir es jetzt hinkriegen, diese Energie zu nutzen, unsere klugen Köpfe zusammenzubringen und vielleicht einen Think-Tank für Mobilität zu organisieren, wenn das gelingt - dann war die Absage aus Berlin vielleicht sogar für was gut.

Der Kampf, eine der weltweit bedeutendsten Fachmessen in Frankfurt zu behalten, war richtig und wichtig - auch wenn er für Frankfurt vielleicht von vornherein verloren war.

Sylvia A. Menzdorf

Den Weggang der Internationalen Automobil-Ausstellung nach 70 Jahren verkraftet die Stadtgesellschaft in Frankfurt auf unterschiedliche Weise. Nicht alle weinen der IAA hinterher.

"Unwiderrufbarer Schaden", "harter Schlag", "Imageverlust", "falsche Entscheidung": Nachdem der erste Schock über den Verlust der Internationalen Automobilausstellung (IAA) für Frankfurt verdaut war, begann auch schon die Suche nach einem Schuldigen für die Entscheidung des Verbands der Automobilindustrie (VDA).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare