Dem Stadtparlament bleibt er erhalten, seinen Posten als Stadtverordnetenvorsteher muss er abgeben: Stephan Siegler (CDU).
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Dem Stadtparlament bleibt er erhalten, seinen Posten als Stadtverordnetenvorsteher muss er abgeben: Stephan Siegler (CDU).

Interview

"Ich freue mich, wieder raufen zu dürfen"

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Stephan Siegler gibt das Amt des Frankfurter Stadtverordnetenvorstehers mit gemischten Gefühlen ab.

Stephan Siegler (56) ist seit 2014 Stadtverordnetenvorsteher, der erste Bürger Frankfurts. Er bereitet sich nun auf den Abschied aus diesem Amt vor.

Sie und auch Uwe Becker, der Bürgermeister, müssen Ihre Ämter räumen. Müssen Sie oder wollen Sie?

Traditionell ist es in den hessischen Kommunen so, dass die stärkste Fraktion sowohl den Stadtverordnetenvorsteher, als auch den Bürgermeister stellt. Manchmal wird es durchbrochen, wie vor einigen Jahren in Eschborn, aber im Grunde ist es ein alter Brauch.

Aber es ist nicht festgeschrieben in der Gemeindeordnung?

Nein. Ich habe das auch immer gesagt. Der Frankfurter Stadtverordnetenvorsteher ist ja auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft hessischer Stadtverordnetenvorsteher beim hessischen Städtetag. Dort habe ich vor der Wahl gesagt: Einige von uns werden in der nächsten Legislaturperiode nicht dabei sein. Denkt daran, es sind Ämter auf Zeit. Und danach wird man sehen, wer einen wirklich mag bzw. wer nur das Amt gemocht hat.

Als Stadtverordnetenvorsteher haben Sie der Stadtverordnetenversammlung vorgestanden. Sie waren eine Art Löwenbändiger. Mit wem sind Sie am besten ausgekommen, mit wem am wenigsten?

Ich kann nicht sagen, wer am schwierigsten war. Es war mit allen eine Gesprächsbasis herzustellen, und dazu gehören immer zwei. Wegen Corona beispielsweise mussten wir vieles in der Geschäftsordnung umstellen. Da waren alle Fraktionen konstruktiv dabei. Nicht alle sind einer Meinung, aber das gemeinsame Anliegen hat getragen.

Sie mussten ja auch überparteilich sein. Ist Ihnen das sehr schwer gefallen?

Als Vorsteher ist man aus der Parteipolitik raus, ja, und sollte sich aus Scharmützeln heraushalten. Wenn man es nicht tut, wird es schwierig. Alle müssen mich respektieren können. Ich habe mich um Neutralität bemüht, auch wenn alle wissen, wie ich denke. Ich bin froh, jetzt wieder inhaltlich "raufen" zu dürfen.

Der Vorsteher muss ja auch repräsentieren, hat viele Termine in den Abendstunden, und das alles als Ehrenamt. Wie hat Ihr Tag ausgesehen?

Ich bin ja Kriminalhauptkommissar und im Polizeipräsidium für Gesundheitsmanagement zuständig. Ich war meist nur einen halben Tag im Präsidium, von acht bis zwölf. Früh morgens um 5.40 Uhr begann mein Tag mit Zeitunglesen und Frühstück mit der Familie. Ich bin mit meiner Frau acht Jahre verheiratet, mein Sohn Leon ist jetzt 17. Also, ins Büro für einen halben Tag, danach meist in den Römer, eine Sitzung nach der anderen, Gespräche führen etc. Oft gab es abends noch einen repräsentativen Termin.

Wie viel Zeit haben Sie im Ehrenamt verbracht?

Ich schätze, 40 bis 60 Stunden pro Woche. Es wurde erst anders, als Corona kam. Seit einem Jahr bin ich mehr zu Hause, und meine Frau musste sich auch erst wieder an mich gewöhnen.

Dann sind Sie nicht allzu traurig, wenn jetzt ein Grüner oder eine Grüne das Amt übernimmt?

Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Freizeit gab es nicht, und ich freue mich darauf, jetzt wieder öfters in meinem Harley-Owners-Club erscheinen zu können. Zuletzt war ich kaum einmal im Jahr da. Ich werde ein bisschen mehr ich sein und etwas weniger fremdgesteuert.

Haben Sie Tipps für Ihren Nachfolger? Haben Sie Tipps Ihrer Vorgänger angenommen?

Es ist ja ein laufender Prozess, es ändert sich ständig etwas, es gibt ständig Neues. Ja, ich habe mir am Anfang Tipps von den Vorgängern geben lassen. Ohne diese Beratung hätte ich sicher mehr Fehler gemacht. Aber jeder muss seinen Stil finden. Ich biete meine Hilfe an.

Auch wenn es nicht ein Parteifreund ist, der den Tipp braucht?

Ich mache Freundschaften nicht an Parteigrenzen fest. Wenn jetzt die Grünen den Vorsteher stellen, dann deshalb, weil sie die stärkste Fraktion sind und der gute Brauch vorsieht, dass die stärkste Fraktion den Vorsteher stellt. Ich helfe, wenn mein Rat gesucht wird, natürlich auch einem grünen Stadtverordnetenvorsteher oder Stadtverordnetenvorsteherin. In dem Amt geht es ja um die Stadt insgesamt.

Und Sie kehren in die Parteipolitik zurück?

Ja, da freue ich mich drauf. Inhalte sind mir wichtig. Ich konnte zwar auch als Vorsteher gestalten, aber es ist schon ein sehr repräsentatives und organisatorisches Amt.

Das Amt wurde mit einer Entschädigung von 702 Euro vergolten. Wird Ihnen das fehlen?

Nein. 20 Prozent habe ich der Partei gespendet. Das Finanzamt will auch seinen Teil. Vom Rest musste ich Anzüge kaufen, Hemden reinigen lassen, musste Handwerker bezahlen, wenn ich selbst zu Hause keine Zeit hatte. Also, mit diesem Amt Geld verdienen zu wollen, ist eine ziemlich schlechte Idee.

Interview: T. J. Schmidt

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