Der ehemalige Wirt der Weinstube, Michael Mataeyka (l.) übergibt seine Einrichtung an den Kollegen Gazmend Kelmendi, der Opfer der Flut im Ahrtal wurde. Auch die berühmte Schnitzelpresse kommt jetzt dort zum Einsatz. FOTO: holger Menzel
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Der ehemalige Wirt der Weinstube, Michael Mataeyka (l.) übergibt seine Einrichtung an den Kollegen Gazmend Kelmendi, der Opfer der Flut im Ahrtal wurde. Auch die berühmte Schnitzelpresse kommt jetzt dort zum Einsatz.

Kult-Schnitzelpresse

Römer-Weinstube macht dicht: Einrichtung bekommt neues Zuhause im Ahrtal

  • VonSabine Schramek
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Die Zeit der Weinstube am Römer in Frankfurt ist abgelaufen. Das Inventar wird an einen besonderen Ort weitergegeben – auch die Kult-Schnitzelpresse.

Frankfurt - 45 Jahre lang war die Weinstube am Römer in Frankfurt ein gemütliches Lokal im Familienbetrieb. Jetzt musste die Pächter-Familie Matheyka aufgeben. Das macht sie allerdings nicht, ohne noch Gutes zu tun. Das gesamte Inventar hilft jetzt einem Hotelier und Gastronom im Ahrtal, der in den Fluten alles verloren hat.

Zwei LKW-Ladungen voller Küchengeräte, Geschirr, Vasen, Besteck, Töpfen, Terrassenmöbeln, Servietten, Dekoartikeln, Küchenmöbeln aus Edelstahl und die heißgeliebte Schnitzelpresse von Michael Matheyka (62) verschwinden fast geräuschlos leise im Bauch eines 3,5-Tonners. Vier Wochen lang haben Matheyka und sein Sohn Sebastian (22) jedes einzelne Teil aus ihrem Lokal in Frankfurt penibel geputzt, einzeln verpackt und beschriftet. Es ist ein harter Abschied von 45 Jahren Familiengeschichte, die jetzt in Bad Neuenahr-Ahrweiler einen neuen Anfang findet.

Einrichtung aus Römer-Weinstube haucht zerstörter Existenz neues Leben ein

Gazmend Kelmendi (47) ist mit vier Kollegen gekommen, um seiner durch die Flut komplett zerstörte Existenz wieder neues Leben einzuhauchen. "Meine beiden Hotels und das Restaurant sind 150 Meter von der Ahr entfernt. Das Wasser stand bis zur Decke im Erdgeschoss. Nicht einmal einen Espressolöffel konnten wir retten." Der schlanke Mann spricht sehr ruhig und leise. Er schluckt schwer beim Anblick der strahlenden und tragefertig aufgereihten Geräte und Kisten.

Auch Matheyka schluckt. "Jetzt bin ich froh", sagt er ebenso leise wie Kelmendi. "Ich gebe alles und ich gebe es gerne. Hauptsache, es hilft", fügt er hinzu. Matheyka muss nach 45 Jahren seinen Familienbetrieb am Römer aufgeben, weil die Stadt nicht zugestimmt hatte, dass er eine Köchin mit in den Vertrag nimmt. Kelmendi hat zum zweiten Mal in seinem Leben seine gesamte Existenz verloren. Im Kosovokrieg brannte sein Elternhaus in Montenegro aus, die Familie ist nach Berlin geflüchtet, als er 17 war.

Hilfe aus Frankfurt: Gastronom bekommt Küchengeräte, Töpfe und Porzellan von Römer-Weinstube

Seit 15 Jahren lebt der gelernte Gastronom und Hotelier mit seiner Frau und drei Kindern (11, 14 und 18 Jahre als) in Bad-Neuenahr. "Jetzt wohnen wir im Dachgeschoss eines der Hotels, das zweimal von den Behörden als einsturzgefährdet deklariert und schließlich wieder freigegeben wurde. Heißes Wasser und Heizung funktionieren nicht. "Die Kinder haben alles mitbekommen. Sie haben Angst und Albträume", erzählt der Mann, der voller Ehrfurcht und vollkommen geräuschlos Töpfe, Porzellan und Küchengeräte in den LKW trägt.

Gastronomie in der Region

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"Wenn alles gut geht, können wir im Mai oder Juni wieder aufmachen, auch wenn Bad Neuenahr mindestens zwei Jahre lang eine komplette Baustelle sein wird", sagt er. Im November hätte er ein Lokal aufmachen können. "Ich schaffe es einfach nicht. Seit der Flut versuchen wir, die Gebäude zu trocknen und zu überleben. Alles ist lahmgelegt. Handwerker bekommt man nicht. Material ist knapp und teuer. Die Leute sind apathisch und platt."

Mann aus Frankfurt hilft Flutopfern: „Ich bekomme wieder eine Seele in mein Lokal“

Hoffnung und Energie gebe es durch Helfer. "Die Bewohner können nicht mehr. Anfangs waren wir alle wie eine Familie, jetzt zerbrechen die Menschen nach dem Trauma. Es gibt viele ältere Leute, die nicht mehr ein noch aus wissen." Er blickt Matheyka dankbar an. "Das hier ist so eine tolle, klare Sache. Ich bekomme wieder eine Seele in mein Lokal", sagt er.

Matheyka hat Tränen in den Augen. "Ich wollte nicht aufhören hier. Als ich wusste, dass Schluss ist, war mir klar, dass ich helfen wollte. Über das Regierungspräsidium Rheinland-Pfalz habe ich Kontakt zu Kelmendi bekommen, der mir seine Geschichte erzählt hat. Es ist so schrecklich, was er und seine Kollegen erleben müssen. Da kann man doch nur helfen", sagt er und schüttelt sich bei dem Gedanken daran, dass so viele Existenzen ruiniert wurden und welche Angst und Sorgen die Menschen im Flutkatastrophen-Gebiet aushalten müssen.

Kult-Schnitzelpresse aus Frankfurt: Gegenseitige Unterstützung unter Gastronomen

"Mach es gut", sagt er zärtlich zu seiner Schnitzelpresse. "Wir haben so viele Schnitzel gemacht, dass der Koch beim Klopfen eine Sehnenscheidenentzündung bekommen hat", erzählt er. "Dann habe ich dieses Gerät entdeckt und es ist einfach toll", meint er. Kelmendi weiß, was der Abschied für Matheyka bedeutet. Für Kelmendi geht es irgendwann weiter mit der Seele der Weinstube im Römer. Matheykas Frau Sonja arbeitet bereits als Verkäuferin.

Matheyka hat sich als Fahrer beworben. "Selbstständig arbeiten will ich nicht mehr und auch nicht in der Gastronomie", sagt er. Als Erinnerung an seine Geschichte hat er eine Glocke aus dem Lokal mit nach Hause genommen. "Unsere Gäste fehlen mir und ich mache mir Gedanken um sie. Viele sind über mehrere Generationen zu uns gekommen." Wenn Kelmendi sein Lokal "Ambiente" wieder öffnen kann, will er ihn mit der ganzen Familie besuchen. Die Männer klopfen sich wortlos auf die Schulter, geben sich gegenseitig Kraft. "Irgendwie geht es weiter. Hauptsache, man unterstützt sich gegenseitig." (Sabine Schramek)

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