Dr. Peter Tinnemann
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Dr. Peter Tinnemann ist der neue Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts.

Interview

Corona in Frankfurt: „Ich gehe davon aus, dass das Virus nicht mehr weggeht“

  • Sarah Bernhard
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Der neue Leiter des Gesundheitsamts über Corona, die Aufgaben seiner Behörde, die Stadt Frankfurt und was er seinen vier Kindern wünscht.

Am 1. Juni trat Dr. Peter Tinnemann die Nachfolge von Prof. Dr. René Gottschalk als Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts an. Der Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen war der Wunschkandidat von Gottschalk und Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprach der 54-Jährige über Corona, die Zukunft des Amts und sich selbst.

Herr Tinnemann, in Kürze enden die hessischen Sommerferien. Wie geht es dann weiter?

In den ersten zwei Wochen sicherlich mit Masken, das hat das hessische Kultusministerium bereits beschlossen. Und vermutlich auch darüber hinaus, auch wenn manche Eltern das nicht gut finden. Dazu kommen drei Tests pro Woche, vor den Ferien waren es zwei. Wir glauben, dass damit ein Schulbetrieb in Präsenz möglich ist und bleiben wird.

Corona in Frankfurt: „Schnelltests immer kostenfrei zu Verfügung zu stellen, war von Anfang an nicht rational“

Was halten Sie von einer Impfempfehlung für Kinder?

Als ärztlich geleitete Behörde hören wir auf die Ständige Impfkommission. Und die empfiehlt die Impfung für 12- bis 17-Jährige.

Und was von einer Maskenpflicht für Reiserückkehrer?

Wenn man keinen ausreichenden Abstand gewährleisten kann, ist eine Mund-Nase-Bedeckung generell ein geeignetes Instrument, um sicherzustellen, dass das Übertragungsrisiko gesenkt wird. Aber eine einfache OP-Maske reicht.

Sollten Schnelltests weiterhin kostenlos sein?

Schnelltests immer kostenfrei zu Verfügung zu stellen, war von Anfang an nicht rational. Damit man eine Sache wertschätzen kann, muss sie einen Preis haben. Das Preismodell muss aber so konstruiert sein, dass auch sozio-ökonomisch benachteiligte Menschen jederzeit eine Testmöglichkeit haben, denn Studien zeigen, dass die Inzidenz in den Sozialräumen dieser Bevölkerungsgruppen häufig höher ist. Wobei die Frage auch ist, wer welche Tests wie durchführt. Die Positiv-Quote bei ungezielt durchgeführten Schnelltests ist im Vergleich zu den gezielt durchgeführten PCR-Tests sehr gering, was entweder an der schlechten Qualität der Tests oder an der falschen Durchführung liegen kann. Insbesondere bei Reiserückkehrern können Schnelltests mit fragwürdigen falsch negativen Ergebnissen also dazu führen, dass Menschen das Virus trotz negativem Test weitergeben.

Chef des Gesundheitsamts in Frankfurt hält Impf-Risiko gegen Corona für vernachlässigbar

Was sagen Sie jemandem, der sich nicht impfen lassen möchte?

Im Vergleich zum Risiko der Erkrankung, das dann Ungeimpfte auch für die Lieben im Familien- und Freundeskreis darstellen, halte ich das Impf-Risiko für vernachlässigbar. Wenn sich alle impfen lassen würden, hätten wir schneller wieder ein normales Leben.

Wann wird es soweit sein?

Ich gehe davon aus, dass das Virus nicht mehr weggeht. Ein normales Leben wird dann wieder möglich sein, wenn wir einen rationalen Umgang mit dem Erreger finden. Die Frage ist, ob wir uns weiterhin für eine Strategie der Eindämmung entscheiden, bei der wir jeden Fall finden und isolieren wollen, oder ob wir stattdessen nicht lieber eine Schutzstrategie für Hochrisikogruppen entwickeln. Denn wir wissen, dass vor allem Hochbetagte und Menschen mit Vorerkrankungen schwer an Covid erkranken und sterben. Natürlich gibt es auch Todesfälle unter Kindern und Jugendlichen, und auch die wollen wir definitiv nicht haben, aber das Risiko ist hier eher gering. Ich denke, wir müssen diese Diskussion mit mehr Sachlichkeit führen.

Wo stehen Sie im Streit der Disziplinen um die Deutungshoheit über die Corona-Pandemie?

Das Schöne ist: im Gesundheitsamt arbeiten Expertinnen und Experten aus allen Bereichen zusammen. Wir gucken aus unterschiedlichen Perspektiven darauf, wir besprechen und fetzen uns. Wir beraten uns aber auch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Gesundheitsämtern, der Uniklinik, Hausärztinnen und Hausärzten. In Frankfurt gibt es außerdem einen beeindruckend konstruktiven Diskurs mit der Politik.

Wie sollte das Gefährdungspotenzial künftig gemessen werden?

Zu Beginn der Pandemie war ja die große Befürchtung, dass das Gesundheitssystem überfordert sein könnte. Natürlich müssen wir darauf schauen, wie sie Situation in den Kliniken ist, aber die Inzidenz ist im Vergleich dazu ein Indikator, der das aktuelle Geschehen in der Bevölkerung abbildet. Das sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Stattdessen müssen wir überlegen, welche Indikatoren überhaupt sinnvoll sind: Wir könnten zum Beispiel auch Anrufe bei der Gesundheits-Hotline oder Besuche bei den Hausärzten als Indikatoren nehmen, da gibt es viel Entwicklungspotenzial. Wenn ich Auto fahren will, schaue ich ja auch nicht nur vorne aus dem Fenster.

Frankfurt: Risiko der dritten Corona-Impfung abwägen

Bayern hat bereits mit den Drittimpfungen begonnen, während die Impfquote in manchen afrikanischen Ländern bei 0,1 Prozent liegt. Ist das sinnvoll?

Meiner Meinung nach geht es darum, das Risiko abzuwägen. Wenn Menschen in Deutschland ein geringeres Risiko haben, schwer zu erkranken, wäre es gerecht und fair, beispielsweise erstmal das Gesundheitspersonal im globalen Süden zu impfen. Das ist eine Frage der Solidarität. Augenblicklich hängt die globale Verteilung der Impfstoffe eng damit zusammen, wer sich die Impfstoffe leisten kann. Wir müssen uns fragen, wie viel Profit wir den Firmen erlauben wollen, und wie es möglich wäre, die Preise für Impfstoff zu reduzieren, um ihn günstiger und damit zugänglicher zu machen.

Es heißt, dass Sie die Pandemie als Chance zum Neuanfang nutzen wollen. Was haben Sie vor?

Im vergangenen Jahr haben wir zu 150 Prozent Corona gemacht, teilweise auf Kosten anderer wichtiger Aufgaben. Zum Beispiel konnten die Mitarbeitenden nicht mehr in Schulen und Kitas, um mit den Kindern Zähneputzen zu üben. Und auch die Schuleingangsuntersuchungen, die wir machen, um herauszufinden, wer welche Förderung braucht, waren nicht im normalen Umfang möglich. Damit müssen wir langsam wieder anfangen, aber wir müssen auch überlegen, ob die Art, wie wir Dinge bisher gemacht haben, die beste ist. Was Corona exponiert hat ist, dass wir in vielen Bereichen einfach weitergearbeitet haben wie immer, Stichwort Digitalisierung. Weil der öffentliche Gesundheitsdienst jahrelang vernachlässigt wurde, sind viele Arbeitsprozesse noch nicht digitalisiert, nicht einmal bei uns, obwohl manche uns als "das Adlon der deutschen Gesundheitsämter" bezeichnen. Das müssen wir jetzt zusammen angehen.

Es soll auch schon eine Dienstversammlung gegeben haben, mit der die Mitarbeiter sehr zufrieden waren.

Ich wollte wissen, wie die Stimmung im Haus ist und was sich die Kolleginnen und Kollegen wünschen. Wir müssen sehr genau austarieren, was wir weitermachen können, was wir ändern müssen und was im Moment am wichtigsten ist, und das ist keine Entscheidung, die nur ich treffen kann. Die Dienstversammlung war auch ein Signal, wie mein Führungsstil sein wird: Ich will die Leute auffordern, sich einzubringen, denn das Gesundheitsamt sind wir alle gemeinsam.

Corona hat in Frankfurt auch soziale Probleme verstärkt

Ihr Vorgänger hat die Themen medizinische Gefahrenabwehr und multiresistente Keime gestärkt und das Gesundheitsamt für die Ärzteausbildung geöffnet. Wo wollen Sie Ihre Schwerpunkte setzen?

Ich möchte seine Ideen natürlich weiterführen. Darüber hinaus sind meine Schwerpunkte die Digitalisierung, der Klimawandel und soziale Fragen.

Der Klimawandel? Im Gesundheitsamt?

Mit den Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Bayern haben wir gerade erst wieder gesehen: Die Auswirkungen des Klimawandels kommen schneller und treffen uns härter als gedacht. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Im Frankfurter Gesundheitsamt setzen sich Mitarbeitende schon seit 2003 mit den Folgen auseinander und forschen etwa zu den Belastungen durch Hitze. Aber wir werden das noch deutlich ausweiten müssen.

Und was hat es mit sozialen Fragen auf sich?

Die Coronakrise fordert unseren Umgang mit sozio-ökonomisch benachteiligten Menschen und den Verhältnissen, in denen sie leben, heraus, und da stehen wir an vorderster Front. Zum Beispiel hat sich im Bahnhofsviertel die Situation verschärft, da müssen wir zukünftig noch genauer hinschauen. Jetzt ist es unsere Aufgabe, uns verstärkt um diese Menschen zu kümmern. Natürlich ist es an der Politik, zu sagen: So hätten wir es gerne, aber wir bieten die fachliche Unterstützung für diese Entscheidungen.

Aus meiner Sicht zeichnete sich Ihr Vorgänger durch seine wenig alarmistische, pragmatische Sicht auf die Dinge aus. Würden Sie sich selbst auch so beschreiben?

René Gottschalk war vor allem einer der mutigsten Amtsärzte in Deutschland. Ob ich auch so werden kann, weiß ich nicht, aber ich werde mir große Mühe geben. Was ich gut kann, ist vermitteln zwischen unterschiedlichen Professionen. Und wenn ich mir zusammen mit meinen Expertinnen und Experten im Gesundheitsamt eine Meinung gebildet habe, kann ich sie vertreten und auch durchboxen.

Wie gefällt es Ihnen hier?

Frankfurt ist eine total spannende Stadt, gerade auch mit dem Wechsel der politischen Mehrheiten. Die Zusammenarbeit mit Herrn Majer und Frau Voitl ist schon sehr konstruktiv und vertrauensvoll. Und mein Team ist total bereit und super kompetent. Den einen oder anderen kannte ich schon von meiner Arbeit an der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen. Einige haben sich auf mich gefreut, und ich mich auf sie.

Sie haben schon Elternzeit genommen, als die meisten noch gar nicht wussten, was das ist. Jetzt pendeln Sie zwischen Berlin und Frankfurt. Wie passt das zusammen?

Es ist schon doof, nicht jeden Tag mitzubekommen, was die Kinder machen. Aber meine Partnerin hat gesagt: Mach mal, ich will nicht, dass du diese Gelegenheit auslässt. Jetzt telefoniere ich eben jeden Tag mit ihnen, und die Zugverbindung ist auch gut. Das probieren wir jetzt ein Jahr lang und dann schauen wir weiter. Vielleicht sind ja irgendwann auch mal ein paar Tage Homeoffice drin.

Chef des Gesundheitsamts in Frankfurt: „Mein Hobby ist mein Beruf“

Haben Sie noch Zeit für Hobbys?

Nö. Mein Hobby ist mein Beruf. (lacht) In dieser Funktion ist nicht viel Zeit für andere Sachen, aber morgens nehme ich mir Zeit zum Laufen.

Gibt es ein berufliches Ziel, das Sie noch erreichen wollen?

Ich lebe im Jetzt. Und jetzt macht mir Frankfurt total Spaß. (überlegt) Ich möchte dazu beitragen, das Thema öffentliche Gesundheit an den medizinischen Fakultäten präsenter zu machen.

Und ein persönliches Ziel?

Ich habe vier glückliche Kinder, die möchte ich lange und gesund groß werden sehen, und so viel Zeit mit ihnen verbringen, dass sie ihren Vater nicht nur gerne haben, sondern auch stolz auf ihn sein können.

Gibt es etwas, das Sie Ihren Kindern besonders wünschen?

Dass sie und ihre Kinder in Frieden, Freiheit und Gesundheit leben können. Das geht aber nur, wenn wir global denken und zusammenarbeiten. Wir sind heute innerhalb von Stunden in der ganzen Welt. Wir müssen es schaffen, dass nicht nur Menschen und Viren so reisen, sondern auch Gedanken und Lösungen. (Interview: Sarah Bernhard)

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