Zur Person: Elke Voitl (Grüne) wurde am 6. Mai 1969 in Heidenheim an der Brenz am nordöstlichen Ende der Schwäbischen Alb geboren. Am 8. September wurde sie zur Sozialdezernentin als Nachfolgerin von Daniela Birkenfeld (CSU) gewählt. Zuvor war sie Leiterin des Dezernatsbüros für Personal und Gesundheit bei ihrem Parteifreund Stefan Majer. Erstmals bekannt wurde die heute 52-Jährige als Büroleiterin von Sarah Sorge (Grüne). Mitglied der Grünen ist Voitl seit 2007.
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Zur Person: Elke Voitl (Grüne) wurde am 6. Mai 1969 in Heidenheim an der Brenz am nordöstlichen Ende der Schwäbischen Alb geboren. Am 8. September wurde sie zur Sozialdezernentin als Nachfolgerin von Daniela Birkenfeld (CSU) gewählt. Zuvor war sie Leiterin des Dezernatsbüros für Personal und Gesundheit bei ihrem Parteifreund Stefan Majer. Erstmals bekannt wurde die heute 52-Jährige als Büroleiterin von Sarah Sorge (Grüne). Mitglied der Grünen ist Voitl seit 2007.

Interview

"Ich habe viel kämpfen müssen"

  • Thomas Remlein
    VonThomas Remlein
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Die neue Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne) über ihre eigene Emanzipation und ihre Pläne für eine gerechte Stadt

Am 8. September wurde Elke Voitl (Grüne) als Nachfolgerin von Daniela Birkenfeld (CDU) zur Sozialdezernentin gewählt. Einen Tag später trat sie ihr Amt an. Die 52-Jährige studierte Sozialarbeiterin kommt aus der Verwaltung, hatte bis dato keine politischen Ämter inne - und muss nun den größten Einzeletat managen. Mit FNP-Redakteur Thomas Remlein sprach Voitl über die Herausforderungen ihres Amtes, ihre Ziele und natürlich über Geld.

Was war Ihre erste Amtshandlung?

Ich hatte am ersten Tag die Ankündigung auf dem Tisch liegen, dass der RMV die Preise erhöht, so dass die Frankfurt-Pass-Inhaber mehr bezahlen müssen, weil es einen Stadtverordnetenbeschluss gibt, wonach die Preissteigerungen weitergereicht werden. Da habe ich im Eilverfahren eine Beschlussvorlage auf den Weg gebracht, dass diese Erhöhung nicht weitergereicht wird.

Fahren die Frankfurt-Pass-Inhaber nicht ohnehin ermäßigt?

Sie fahren ermäßigt, aber wenn es eine Erhöhung gibt, wird die Erhöhung auf den Preis aufgeschlagen.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung im Sozialdezernat?

Was auf der Agenda steht, ist ein Corona-Aktionspaket. Die Situation für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Senioren und vor allem auch für Kinder und Jugendliche, war während der Corona-Zeit am schwierigsten. Kinder und Jugendliche sind in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung darauf angewiesen, dass sie soziale Kontakte haben, und zwar direkte. Wir haben ihnen die genommen, und wir haben sie in eine soziale Isolation geschickt, was Beziehungslernen extrem beeinträchtigt hat. Da müssen wir Angebote entwickeln, und da sind wir dabei. Inhaltlich geht es mir nicht darum, Lernstoff für die Schule nachzuholen. Wir wollen Raum für emotionales und soziales Lernen geben, um wieder zum Miteinander zu finden.

Wie wollen Sie das umsetzen?

Wir sind schon dabei. Zum einen haben wir uns einen Auftrag aus dem Verwaltungsstab geholt, das heißt, es ist gesamtstädtische Aufgabe. Die Auftaktveranstaltung mit vielen Amtsleitern war schon.

Welche Schwerpunkte können die Grünen in der Sozialpolitik setzen?

Ein Schwerpunkt wird Armut sein, insbesondere Kinderarmut. Ein großes Thema ist soziale Gerechtigkeit. Der Ansatz von mir ist nicht, die Armen und Bedürftigen zu verwalten, ich möchte das soziale Leben in der Stadt gestalten.

Sie werden auch im neuen Haushalt wieder den größten Etat haben. Sind Sie die mächtigste Frau im Römer?

Ich will gerne etwas zum größten Etat sagen. Sie haben Recht, es sind 1,2 Milliarden Euro.

Sie sind Milliardärin.

(lacht) Schön wär's! Der allergrößte Teil davon sind Transferleistungen: Sozialhilfe, Wohngeld, Kosten der Unterkunft. Das ist kein Geld, mit dem man gestalten kann.

Weil es Pflichtaufgaben sind: Hartz IV, Grundsicherung, Wohngeld.

Für die tatsächliche Gestaltung des sozialen Lebens bleiben mir 85 Millionen Euro. Das ist nicht mehr so ein großer Happen.

Wo sehen Sie neue finanzielle Belastungen auf die Stadt zukommen?

Im Sozialbereich?

Es ist ja oft davon die Rede, dass Bund und Land Aufgaben an die Kommunen weiterreichen, die dann nicht vollständig finanziert werden.

Das kommt darauf an, wie sich die Bundespolitik entwickelt. Also wir sind gespannt, wie der Sozialbereich neu gestaltet wird. Welche Entscheidungen in Berlin getroffen werden - davon ist Frankfurt natürlich abhängig.

Frankfurt hat sich zum sicheren Hafen erklärt. Das bedeutet, mehr Menschen aufzunehmen, als es der Königsteiner Schlüssel vorsieht. Er regelt auch die Erstverteilung Asylsuchender. Nach meinen Recherchen lebten im Juni noch 3847 Menschen in Übergangseinrichtungen. Wenn jetzt die Stadt Frankfurt als sicherer Hafen noch weitere Flüchtlinge aufnimmt, wo jetzt noch nicht alle untergebracht sind - wo sollen die alle hin?

Ich stehe zu der Entscheidung, Frankfurt zum sicheren Hafen zu machen. Ich denke, dass es aus humanitären Gründen auch gar nicht anders geht. Wir werden mehr Menschen aufnehmen. Mir ist sehr bewusst, dass das eine große Herausforderung ist.

Aber warum gerade Frankfurt? Wo ohnehin die Wohnungsnot groß ist? Und noch so viele in Übergangswohnheimen leben?

Weil ich davon ausgehe, wenn wir gut dezernatsübergreifend zusammenarbeiten, dass das eine Aufgabe ist, die wir bewältigen können.

Was muss sich dann bei der Flüchtlingsbetreuung ändern?

Ich kann Ihnen sagen, was ich brauche: Flächen und Gebäude.

Genau das ist das Problem. Und das haben nicht nur Asylsuchende.

Mein Blick ist auch nicht nur auf Asylsuchende gerichtet, sondern auf Menschen ohne Wohnung. Ich spreche von wohnungslosen Menschen in der Stadt.

Ja, es gibt zu wenig Sozialwohnungen.

Da müssen wir als gesamte Koalition Lösungen finden.

Mit welchen Dezernaten arbeiten Sie vorwiegend zusammen?

Es gibt eine sehr intensive Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsdezernat und dem Ordnungsdezernat, weil wir uns um das Thema Bahnhofsviertel gemeinsam kümmern werden. Ich habe aber auch Kontakt ins Dezernat "Neues Bauen" und ins Planungsdezernat.

Es war ja eine lange Diskussion um die Dezernatsverteilung. Sie sind aufgrund des Frauenstatuts der Grünen ins Amt gekommen. Fühlen Sie sich jetzt als Quotenfrau? Oder ärgert Sie es, wenn Sie als Quotenfrau gesehen werden?

Nein, das ärgert mich nicht. Ohne Quote wäre ich nicht hier. Und ich stehe auch hinter der Quote. Die Quote hat die Menschen gezwungen, den Blick zu weiten. Auch in die Richtung, wo Kompetenzen sind.

Sie gelten nach Aussage der "Heidenheimer Zeitung" als Feministin.

Ja.

Worin äußert sich das?

In der konsequent frauenpolitischen und feministischen Haltung.

Und in der Quote auch?

Ja. Die Befürwortung der Quote ist ein Aspekt davon. Ich war lange in der Frauenpolitik. Wir möchten ein chancengerechtes, gleichberechtigtes Leben, ein Miteinander, darum geht es.

Wir haben schon davon gesprochen, dass Sie den größten Etat haben und möglicherweise die mächtigste Frau im Magistrat sind. Fürchten Sie, dass Sie die Macht verändert

Auf einer persönlichen Ebene?

Allgemein.

Ich denke, auf jeder Position, auf der man Einfluss hat, ist es wichtig, immer in einer guten Selbstreflexion zu bleiben. Ich fände es vermessen, zu sagen, das macht gar nichts mit einem. Es braucht eine gute Auseinandersetzung mit sich selbst. Das ist für mich ein Pflichtprogramm. Ich habe ein klares Bewusstsein darüber, wann ich nur in meiner Position gemeint bin und wann ich als Person gemeint bin. Das ist notwendig und richtig.

Gerade langjährige Politiker neigen doch zu einer Art Selbstanbetung. Diese Gefahr sehen Sie für sich nicht?

Also, da bin ich zu bodenständig aufgewachsen. Mein Weg ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Na ja, Sie haben studiert.

Ich bin in einem Dorf groß geworden, habe einen Realschulabschluss. Dann Oberstufe, was keine Selbstverständlichkeit war für ein Mädchen auf dem Land. Und das Studium auch nicht. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Meine Eltern haben keinen akademischen Hintergrund. Aus der Familienbiografie war nicht vorgegeben, dass meine Schwester und ich studieren. Insofern habe ich auch viel kämpfen müssen, dass ich das tun kann, was sinnhaft für mich ist. Ich empfinde es als großes Glück, nun im Sozialbereich, der mein Herzensthema ist, wirken zu können.

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