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Gebürtige Russin mit Klartext: "Ich hoffe, dass man Putin noch stürzt"

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Von: Julia Lorenz

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Albina Nazarenus-Vetter ist Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft der Deutschen Aus Russland in Hessen (IDRH)
Albina Nazarenus-Vetter ist Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft der Deutschen Aus Russland in Hessen (IDRH) © Partei

Sie selbst ist in Russland geboren, lebt aber seit 1994 in Deutschland: IDRH-Geschäftsführerin Albina Nazarenus-Vetter. Im Interview spricht sie über den Krieg in der Ukraine und die Ausgrenzung russischsprechender Menschen.

Albina Nazarenus-Vetter ist Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft der Deutschen aus Russland in Hessen (IDRH) und Trägerleitung der Deutschen Jugend aus Russland (DJR-Hessen e. V.). Wir sprachen mit ihr über die Ausgrenzung von russischsprechenden Menschen und die Solidarität mit der Ukraine.

Frau Nazarenus-Vetter, Sie sind in Russland geboren und leben seit 1994 in Deutschland. Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Bilder aus der Ukraine sehen?

Ich bin sehr betroffen und erschüttert. Auch wir russischsprechenden Deutschen verurteilen den Krieg in der Ukraine aufs Schärfste und sind gegen die aggressive Politik Putins.

Ukraine-Krieg: „Ich habe davor gewarnt, Geschäfte mit Putin zu machen“

Putin hat bereits 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert sowie Teile der Ostukraine besetzt. Jetzt hat er auch den Rest des Landes angegriffen. Haben Sie befürchtet, dass dies passieren wird?

Ja, ich habe schon seit Jahren an die Politik appelliert, genau hinzuschauen, was dort in der Ostukraine passiert, und davor gewarnt, Geschäfte mit Putin zu machen.

Was fürchten Sie, wie es weitergeht?

Ich fürchte tatsächlich, dass sich Putin nicht damit zufriedengeben wird, was er erreicht hat. Deshalb hoffe ich, dass man ihn noch stürzt und es einen politischen Umbruch in Russland geben wird. Leider hat Putin die Opposition in seinem Land systematisch niedergeknüppelt, so dass es zurzeit keine handlungsfähige politische Kraft gibt, die die Führung übernehmen könnte. Hoffnung macht aber, dass die Menschen in Russland endlich auf die Straße gehen, um gegen Putins Krieg zu demonstrieren.

Ukraine-Krieg: Anfeindungen gegenüber russischsprechenden Menschen

Sie haben jüngst von Anfeindungen gegenüber russischsprechenden Menschen berichtet. Was genau passiert?

Dazu muss man zunächst einmal wissen: Die Gruppe der russischsprechenden Menschen umfasst deutschstämmige Spätaussiedler, die selbst nach dem zweiten Weltkrieg viele Jahre lang in der Sowjetunion aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert wurden, jüdische Kontingentflüchtlinge, Studenten oder Arbeitnehmer, die hier leben. Sie erfahren derzeit Diskriminierung und Ausgrenzung aufgrund ihrer Herkunft und Sprache und gelten als Putin-Versteher. Was aber nicht stimmt. Der Großteil der russischsprechenden Menschen hierzulande steht hinter den demokratischen Werten des Westens.

Können Sie Beispiele nennen, was russischsprechenden Menschen widerfährt?

Als Träger der freien Jugendhilfe mit einem offenen Kinder- und Jugendtreff am Frankfurter Berg und fünf Kindertageseinrichtungen wenden sich vermehrt Eltern an uns, die uns von Mobbing ihrer Kinder in der Schule berichten.

Können Sie das konkretisieren?

Teilweise gehen Lehrer offenbar sehr unsensibel mit dem Thema Ukraine-Krieg um. Uns wurde berichtet, dass Kinder aus russisch-deutschen Familien in der Klasse ausgefragt werden, welche Fernsehsender sie zu Hause schauen und was ihre Eltern zum Krieg sagen. Das traumatisiert die Kinder und geht natürlich nicht.

Gibt es weitere Beispiele?

Ja. Menschen mit der russischen oder doppelten Staatsbürgerschaft bekommen Anrufe von ihrer Bank und werden vorgewarnt, dass ihre Konten bald gesperrt werden. Das macht ihnen natürlich Angst. Zudem werden Schaufensterscheiben von russischen Lebensmittelgeschäften beschmiert.

Ukraine-Krieg: „Keinen Fake News aus den sozialem Medien glauben“

Was empfehlen Sie den Menschen, die so etwas erleben?

Sie sollen Ruhe bewahren, nicht hysterisch werden und keinen Fake News aus den sozialem Medien glauben, sondern sich beispielsweise an uns wenden. Wir beraten sie gerne oder leiten ihre Anfragen weiter, etwa an die Antidiskriminierungsstelle im Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA). Sie sollen sich aber bitte nicht an die russische Botschaft wenden, denn dann wenden sie sich an den russischen Staat. Dieser würde es wiederum als Teil seiner Propaganda gegen den Westen nutzen. Denn in Russland wird ja behauptet, alle russischen Menschen werden zurzeit bedroht und der russische Staat sieht sich in der Pflicht, diese zu beschützen. Die russischsprechenden Menschen müssen wissen, dass der deutsche Staat sie beschützt.

Was fordern Sie von den deutschen Bürgern?

Wir dürfen jetzt nicht pauschalisieren. Die Menschen, die hier leben, können nichts für den Krieg.

Sie haben angekündigt, den Menschen in der Ukraine helfen zu wollen. Was machen Sie?

Wir haben innerhalb von drei Tagen vier Tonnen Hilfsgüter wie Babynahrung und Medikamente gesammelt und nach Charkiw in der Ukraine gebracht. Zudem haben wir der Stadt unsere Unterstützung bei der Begleitung und Integration der Menschen, die zu uns als Geflüchtete aus der Ukraine kommen, angeboten. Unsere Bereitschaft, den Menschen, die so viel Leid ertragen, zu helfen, ist groß. (Interview: Julia Lorenz)

Unterdessen gelingt es der ukrainischen Armee offenbar weiter, Russland den Luftraum streitig zu machen. Das liegt vor allem an Waffenlieferungen aus dem Westen.

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