Lebt für die Musik: Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger, hier beim Greenville Festival Paaren/Glien in Brandenburg.
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Lebt für die Musik: Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger, hier beim Greenville Festival Paaren/Glien in Brandenburg.

Musik

"Ich möchte einfach gern wieder spielen"

  • VonEnrico Sauda
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Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger steht am Montag beim W-Festival in der Alten Oper Frankfurt auf der Bühne.

Es finden wieder Konzerte statt. Sogar Festivals. So auch das W-Festival. Nachdem es vergangenes Jahr pandemiebedingt eine Pause einlegte, geht es heute in der Alten Oper los. Das W-Festival (ehemals Women of the World) erlaubt es sich, einfach mal jenseits jeder Emanzipationsdebatte, einfach nur tolle Künstlerinnen auf die Bühne zu schicken. "Women of the World" verknüpft die Kreativität und den Reiz der Metropole an die Schönheit der weiblichen Musik. Ein Festival für Alt und Jung, Mann oder Frau, einfach für all jene, die gute Musik zu schätzen wissen. Die Gruppe "Nouvelle Vague" mit den Frontfrauen Mélanie Pain und Phoebe Killdeer spielt im Großen Saal der Alten Oper. Am Freitag spielt Katie Melua dort und am selben Abend sprechen Anke Engelke und Iris Berben darüber, was komisch ist. Morgen steht die Schweizer Musikerin Sophie Hunger um 20 Uhr auf der Bühne. Enrico Sauda sprach mit ihr über Musik, die Rolle der Frau und weibliche Kreativität. Aber natürlich auch über den anstehenden Auftritt.

Was werden Sie denn bei Ihrem Konzert in Frankfurt spielen?

Stücke aus dem Album ,Halluzinationen', aber in einer besonderen Form.

Wie?

Wir haben einen fünfköpfigen Chor dabei. Außerdem spiele ich ganz neue Sachen und Lieder aus dem ,Ich liebe dich'-Album.

Haben Sie eine Beziehung zu unserer Stadt?

Ja. Frankfurt war eine der ersten deutschen Städte in denen ich Headliner-Shows gespielt habe. Meine erste Show habe ich in ,Das Bett' gespielt, später dann im Mousonturm. Einmal hat uns kurz vor der Show der Booker angerufen und uns gewarnt, dass der Laden, in dem wir in Frankfurt spielen sollten, bankrott gegangen sei und wir nicht bezahlt werden könnten. Deshalb sollten wir uns die Kasse vom Getränkestand geben lassen.

Und wie war's?

Unser Tour-Manager ist tatsächlich dorthin und hat sich das Geld geben lassen.

Das waren noch Zeiten, in denen man live spielen konnte. Wie war Ihre Konzertsituation während der Corona-Pandemie?

Wir haben nicht viel gespielt. Ich habe mit dem Album ,Halluzinationen' vielleicht vier Konzerte gegeben, obwohl es schon über ein Jahr alt ist. Jetzt geben wir fünf Konzerte, dann hören wir wieder auf.

Warum?

Weil es keine Festivals mehr gibt und weil man die Clubkonzerte immer noch nicht planen kann. Deshalb sind wir, wie alle anderen auch, in einer sehr blöden Situation.

Beim W-Festival geht es um weibliche Kreativität. Was unterscheidet weibliche von männlicher Kreativität?

Ich glaube, für Frauen ist es schwieriger in diese Situation zu kommen, in der sie sich den ganzen Tag nur mit Kreativität beschäftigen können. Gerade, wenn sie eine Familie haben, ist es für Frauen schwieriger, sich Zeit herauszunehmen.

Das sind die Umstände, aber wenn Sie ein Kunstwerk sehen, ein Buch lesen oder ein Musikstück hören, merken Sie dann gleich, was von einem Mann und was von einer Frau stammt?

Ganz ehrlich, das weiß ich nicht. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Vielleicht könnte man sagen, dass thematisch einige Dinge anders sind. Aber darüber müsste ich noch weiter nachdenken.

Die Rolle der Frauen befindet sich im Wandel. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wird eine Frau zur Astronautin ausgebildet, Angela Merkel ist seit 16 Jahren Bundeskanzlerin, Christine Lagarde ist Chefin der Europäischen Zentralbank - ist da trotzdem noch Luft nach oben?

Da ist definitiv noch viel Luft nach oben. Die Beispiele stimmen zwar, aber sie sind Make-Up. Es war auch ein afroamerikanischer Präsident, aber trotzdem ist der Rassismus in den USA heute größer als vor Barack Obama. Das ist ein Fehlgedanke. Wichtig wäre, dass Frauen zu 50 Prozent am ganzen öffentlichen Leben und an wichtigen Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Das ist nicht der Fall. Deshalb ist viel Luft nach oben und wir dürfen uns von einzelnen Galionsfiguren nicht täuschen lassen.

Was haben Sie aus der Corona-Zeit gemacht?

Ich habe das ,Ich liebe dich'-Album gemacht in der ersten Phase. Das hat sich so angefühlt, wie: Wir müssen uns wehren. Und wie können wir das machen? Indem wir ein Album aufnehmen, in dem es um Hingabe und Liebe geht, um so dem Mangel und der Kälte etwas entgegenzusetzen. Das hat uns ein paar Monate lang beschäftigt. Außerdem habe ich viel allein im Studio gesessen, viel Studioarbeit gemacht, viel Filmmusik aufgenommen. Viel einsame Studiozeit.

War das gut oder haben Sie etwas vermisst?

Ich fand es sehr ernüchternd und traurig. Aber es war das wahre Leben. Wir mussten uns damit abfinden. Das beste, was wir machen konnten, war zu arbeiten. Ich habe auch viele Anfragen angenommen, für die ich sonst keine Zeit gehabt hätte.

Haben Sie für sich selbst etwas Neues geschrieben?

Ja. Gerade vergangene Woche habe ich drei Songs aufgenommen. Ich bin schon immer dran.

Wie geht es weiter?

Ehrlich gesagt, sind wir mega ratlos. Wir schauen von Tag zu Tag und entscheiden spontan, ob wir es wagen sollten, oder ob wir aufgeben sollten. Manchmal denke ich, wir dürfen nicht aufgeben. Aber andere Male denke ich auch, dass wir den Laden ein paar Jahre dicht machen sollten und warten, bis alles wieder normal ist. Weil es schon sehr zermürbend ist.

Sind Sie depressiv geworden?

Es gab schon Phasen, in denen ich nicht wusste, in was ich meine Energie stecken sollte. Ich fragte mich, was sinnvoll ist. Du kannst doch nicht ewig nur ins Nichts hinein Lieder schreiben. Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen, mir kommt immer was in den Sinn. Ich möchte einfach gern wieder spielen, so banal das ist.

Aber dafür leben Sie doch. Das ist doch nicht banal.

Ja, Musiker zu sein ist eben so ein Beruf, der identitätsstiftend ist. Und nicht nur eine Art, sein Geld zu verdienen. Und wenn du das nicht machen kannst, fehlt dir das Gefühl für alles.

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