Die promovierte Biologin Ina Knobloch (58) erhielt für "Die Akte Oppenheimer" den Hessischen Filmpreis, produzierte zahlreiche Filme, entwickelte Sendereihen, schrieb mit Schauspieler Hannes Jaenicke "Aufschrei der Meere" - ein Buch, das auf der Bestsellerliste landete , sowie zahlreiche andere Bücher und arbeite fast zwanzig Jahre für den Hessischen Rundfunk, kennt den Sender und die ARD von innen wie außen. Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen.
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Die promovierte Biologin Ina Knobloch (58) erhielt für "Die Akte Oppenheimer" den Hessischen Filmpreis, produzierte zahlreiche Filme, entwickelte Sendereihen, schrieb mit Schauspieler Hannes Jaenicke "Aufschrei der Meere" - ein Buch, das auf der Bestsellerliste landete , sowie zahlreiche andere Bücher und arbeite fast zwanzig Jahre für den Hessischen Rundfunk, kennt den Sender und die ARD von innen wie außen. Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen.

Interview

"Ich willl dem hr wieder Strahlkraft geben"

Ina Knobloch will Intendantin des Hessischen Rundfunks werden, sparen und trotzdem eine Qualitätsoffensive starten.

Ina Knobloch, preisgekrönte Filmemacherin, Bestsellerautorin und Medienmanagerin aus Frankfurt, will die Nachfolge von Manfred Krupp antreten und Intendantin des Hessischen Rundfunks (hr) werden. Aber es sah nicht gut aus, nachdem die Findungskommission dem Rundfunkrat die hr-Betriebsdirektorin Stephanie Weber und den stellvertretenden ARD-Programmdirektor Florian Hager als Kandidaten zur Intendantenwahl am 29. Oktober vorgeschlagen hat. Doch angesichts des großen Zuspruchs aus der Branche könnte sich das Blatt womöglich noch wenden.

Frau Knobloch, in einem jüngst veröffentlichten Interview kritisieren Sie den hr und die Umstände dort - und wollen Intendantin werden. Wie passt das zusammen?

Weil der Sender mir immer noch wahnsinnig am Herzen liegt und ich ihn reformieren möchte. Der in den letzten Jahren angehäufte Schuldenberg ist gigantisch und es wird keine leichte Aufgabe, ist aber mit konstruktiven Kooperationen durchaus möglich. Und ich bin nicht die erste und einzige, die Kritik übt - die gesamte hessische Filmbranche rebelliert schon seit Jahren, Wissenschaft und Kultur ebenso. Aber Kritik kommt bei mir immer in Kombination mit konstruktiven Lösungsvorstellungen.

Fürchten Sie nicht, angesichts dieser Kritik keine Aufträge mehr zu bekommen, falls Sie doch nicht Intendantin werden?

Vom hr bekomme weder ich noch andere hessische Filmproduzentinnen und -produzenten schon lange keine Aufträge mehr. Genau das würde ich ja auch ändern. Falls ich nicht gewählt werde, arbeite ich weiter für andere Sender wie bisher. Und der Zuspruch auf meine konstruktive Kritik war überwältigend. Viele empfinden es als sehr mutig, das so auszusprechen. Doch Hand aufs Herz: Ich habe vor allem die vielen großartigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelobt. Viele sind unterfordert und können viel mehr als das wofür sie zum Teil eingesetzt werden. Auch im Hessischen Rundfunk bin ich noch gut vernetzt und viele sehen das ganz genauso; manche sind völlig verzweifelt.

Was meinen Sie damit konkret?

Schauen sie sich doch mal das Programm an. Wenn die Digitalstrategie des Hessischen Rundfunks Serien wie "Kontaktlos" für die Mediathek bedeutet und linear für das Abendprogramm gar nichts mehr produziert wird, dann ist der Sender am Ende. Es geht nicht immer nur ums Geld, sondern auch um Ideen, Visionen und Kooperationen. Dann lässt sich auch bei einer Qualitätsoffensive sparen. Die anderen Regionalsender stehen viel besser da, vergeben Aufträge an ihre regionalen Produzenten und haben viel weniger Schulden, obwohl sie hervorragendes Programm produzieren.

Nun sind Stephanie Weber, Betriebsdirektorin beim hr, und Florian Hager, stellvertretender ARD-Programmchef, im Rennen um die Intendanz. Ärgert Sie das?

Das sind zwei hervorragende Fachleute in ihrem jeweiligen Bereich. Frau Weber ist gerade vor Kurzem zum hr gekommen und kennt sich mit Zahlen sehr gut aus. So jemanden wie sie braucht der hr sehr dringend, ich würde mich über eine Zusammenarbeit mit ihr sehr freuen. Herr Hager hat gerade seine neue Position in der ARD angetreten und sein Team zusammengestellt. Er ist eine phantastische Besetzung als Channel-Manager für die ARD, auch mit ihm würde ich für den hr sehr gerne zusammenarbeiten

Warum sollte Herr Hager dann so rasch zum hr wechseln wollen?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie ihn fragen.

Warum wollen Sie sich das eigentlich antun, Sie sind doch super erfolgreich?

Das wurde ich schon oft in den letzten Tagen gefragt. Den Sender zukunftsfähig zu reformieren ist einfach eine Mission für mich.

Haben Sie denn überhaupt noch Chancen, Intendantin zu werden?

Sonst würde ich Ihnen dieses Interview hier nicht geben.

Wie ist denn die Bewerbung abgelaufen?

Man kann sich nicht selbst bewerben. Initiativbewerbungen sind nicht möglich, das geht nur auf Einladung eines Rundfunkratsmitglieds. Aus der Branche wurde ich schon vor Monaten wohl von verschiedenen Seiten dem Rundfunkrat vorgeschlagen und dann von einem Rundfunkrat-Mitglied dazu eingeladen, mich zu bewerben, was ich dann natürlich auch getan habe. Aber offensichtlich waren nicht alle Rundfunkrat-Mitglieder über meine Bewerbung informiert worden. Inzwischen habe ich meine Bewerbung erneut bekräftigt und beim Rundfunkrat ein zweites Mal eingereicht.

Wie gehts weiter?

Jetzt hoffe ich natürlich sehr, dass ich am 29. Oktober den Rundfunkrat-Mitgliedern auch zur Wahl stehe und meine Visionen von Inhalten, Programm, Sparmaßnahmen und Kooperationen vorstellen kann. Durch meine hervorragende Vernetzung innerhalb des Sendegebietes hätte ich auch potenzielle Partner aus Kultur und Wissenschaft, die ich mit ins Spiel bringen würde.

Ist es nicht selbstverständlich, dass ein Intendant gut vernetzt ist und aus der Region kommt oder zumindest über Jahre dort gelebt hat?

Eigentlich schon. Und so ist und war es immer bei allen ARD-Sendern.

Sind Ideen für neue, moderne Inhalte und kluge Programmplanung dann das Kriterium bei Vorauswahl der Kandidaten gewesen?

Sicher nicht, ich glaube, es wurden ganz andere Kriterien angelegt, die vor allem mit der gigantischen Schuldenlast des Senders zu tun haben.

Was hätten Einsparungen für Folgen für den Sender?

Wie gesagt, ich kenne die Kriterien der Findungskommission nicht, die haben es sich sicher nicht leicht gemacht mit den Kandidaten-Vorschlägen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ein reines Sparprogramm würde den Sender meiner Meinung nach zur Auflösung führen.

Was meinen Sie damit?

Dass der hr mit einem anderen Regionalsender fusioniert und beispielsweise zu einer Außenstation des SWR wird, ein paar Programme zuliefert und ein Regionalfenster stellt.

Das möchten Sie verhindern?

Ja, ganz sicher. Und ich möchte den Sender wieder zu seiner alten Strahlkraft bringen. Denn so ein Sender ist enorm wichtig für die Region, die Kultur, die Wissenschaft und die Wirtschaft.

Warum sollten die Rundfunkräte für Sie stimmen?

Sie sollten für denjenigen stimmen, dem sie am ehesten zutrauen, den Sender zukunftsfähig aufzustellen. Ich hoffe, die Gelegenheit zu bekommen, den Rundfunkrat-Mitgliedern meine Pläne vorzustellen.

Früher war alles besser?

So ist das natürlich auch nicht (lacht), aber viel erfolgreicher war der hr früher auf jeden Fall. Da sind noch viele phantastische ARD-Produktionen dort entstanden, Jetzt muss der hr nach meinen Informationen viel in die sogenannte Umlage zahlen. Das heißt, wenn kein oder nicht ausreichend ARD-taugliches Programm geliefert wird, muss der hr dafür einen Ausgleich an die ARD zahlen.

An was denken Sie?

Es gab in der Unterhaltung ,Zum blauen Bock' und ,Einer wird gewinnen'. Friedman war eine bissig, kluge Talk-Sendung, Susanne Fröhlich hat wundervolle Unterhaltung gemacht, Natur- und Umwelt-Sendungen und einiges mehr hat der hr früher der ARD für die Ausstrahlung im Ersten zugeliefert. Natürlich gibt es noch einiges, was der hr für das Erste liefert, vom "Tatort" bis zum Wetter - aber die großen Sendungen über die am nächsten Tag geredet wurden, gibt es kaum mehr.

Mangelt es beim hr denn an Visionen?

Ich glaube, es liegt an der Struktur und der Abschottung des hr gegenüber der freien Filmszene. Dabei haben wir in Hessen eine sehr große, phantastische Kreativ-Szene, die nicht zum Zug kommt.

Warum?

Das müssen Sie die Verantwortlichen im Sender fragen. Aber ich weiß, dass es in dieser Branche großen Unmut gibt. Es gibt unheimlich viele Talente und deren Aufbau fehlt momentan beim hr vollkommen - im Haus und auch außerhalb.

Aber es doch die beiden "Tatorte" - den Frankfurter und den Wiesbadener -, die dauernd gelobt oder zumindest kontrovers besprochen werden.

Sie reden von zwei Produktionen im Jahr, das ist zu wenig für einen so großen Sender. Ich meine nicht, dass der hr mehr Tatorte produzieren müsste, sondern mehr Leuchtturmprojekte, vor allem dokumentarisch. Dokumentarfilme eignen sich hervorragend für "online first". Und auch aus den Tatorten könnte man mehr machen. Ich meine nicht die oft großartigen Filme selbst, sondern backstage, spin-offs oder Hintergrundgeschichten, die digital in der Mediathek punkten könnten und die Produktionen noch einmal aufwerten.

Was würden Sie anders machen?

Einige Punkte habe ich ja schon genannt, Einzelheiten würden zu weit führen, aber prinzipiell würde ich eine Qualitätsoffensive starten, viel weniger Boulevard und viel mehr Wissenschaft und Kultur, aber vor allem Umwelt und Klima. Denn das ist das Thema unserer Zeit, für das ich mich auch schon seit Jahrzehnten journalistisch engagiere.

Alles mit dem gleichen Geld?

Das wird schwierig, eine Mammutaufgabe und nur durch Umstrukturierung und Öffnung nach draußen möglich sein .

Wie das?

Das heißt nicht nur Eigenproduktionen, sondern vor allem Koproduktionen mit der freien Filmszene und Kooperationen mit Filmförderung, Hochschulen, Stiftungen und sonstigen gemeinnützigen Organisationen, sowie neuen Lizensierungswegen.

Das lineare Fernsehen ist also noch nicht tot?

Nein, ich glaube nicht. Totgesagte leben länger, das war beim Buch so, beim Radio und beim Kino. Die Plattformen sind eine großartige Ergänzung, vor allem junge Menschen sind anders nicht mehr zu erreichen. Aber ein klug kuratiertes, lineares Programm wird immer seinen Platz haben. Technik ändert sich ständig, aber starke, relevante Inhalte, unabhängige Nachrichten und Bildungsprogramme, das sind die originären Aufgaben der öffentlichrechtlichen Sender - und was die Gebührenzahler von diesen erwarten. Enrico Sauda

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